Martin Sellner, der frühere Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich, fordert deshalb die Abschaffung der Briefwahl, die «völlig undemokratisch» sei. Für andere Nutzer ist klar: «Die AfD Briefwahlstimmen wurden dem regierenden Regime zugeordnet» (Schreibweise im Original). Wurde hier tatsächlich im großen Stil betrogen?
Bewertung
Die Zahlen sind korrekt. Es gibt jedoch keine Hinweise auf eine derartige Manipulation bei der Briefwahl. Auch bei früheren Wahlen war das Briefwahlergebnis der Partei deutlich schlechter als das der Urnenwahl. AfD-Politiker werben seit Jahren dafür, nicht per Briefwahl, sondern im Wahllokal zu wählen.
Fakten
Die AfD hat bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bei der Urnenwahl deutlich besser abgeschnitten als bei der Briefwahl. Aus dem vorläufigen Ergebnis geht hervor, dass die Partei rechnerisch ohne Briefwähler eine absolute Mehrheit der Sitze im Landtag geholt hätte. Bei Wählern, die in den Wahllokalen ihre Stimme abgaben, kommt die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem eingestufte Partei auf 51,2 Prozent der Stimmen. Bei der Briefwahl entfielen nur 24,3 Prozent der gültigen Stimmen auf die AfD.
Auch wenn die Differenz auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag: In der Vergangenheit hat es bereits vergleichbare Wahlergebnisse gegeben. So kam die AfD bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr insgesamt auf 20,8 Prozent. Bei der Briefwahl waren es damals 13,2 Prozent, bei der Urnenwahl 25,3 Prozent – also auch ein fast doppelt so starkes Ergebnis.
Simon Franzmann vom Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen schreibt auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, es seien zwar bei jedem Wahlverfahren Erfassungs- und Übertragungsfehler möglich. Dies sei aber kein Beleg für eine systematische Wahlmanipulation und könne die Größenordnung des landesweiten Unterschieds zwischen Brief- und Urnenwahl nicht erklären.
Die große Differenz sei laut Franzmann prinzipiell gut mit einer unterschiedlichen Zusammensetzung der beiden Wählergruppen vereinbar. Denn Merkmale, die mit einer stärkeren AfD-Unterstützung zusammenhängen, fänden sich tendenziell stärker in Gruppen, die ihre Stimme häufiger im Wahllokal abgeben: zum Beispiel ein junges und mittleres Alter, Berufsstand und Bildungsabschluss.
AfD warnt vor Briefwahl
Ein weiterer Effekt: AfD-Politiker haben vor der Wahl und in den vergangenen Jahren wiederholt und meist ohne konkrete Belege Zweifel an der Sicherheit und Rechtmäßigkeit der Briefwahl geäußert und ihre Anhänger dazu aufgerufen, nur vor Ort zu wählen. Wahlforschern zufolge fallen die Briefwahlergebnisse der Partei auch deshalb schlechter aus als die der Urnenwahl. In Sachsen-Anhalt stimmten diesmal 27,4 Prozent aller Wählerinnen und Wähler per Brief ab. 2021 waren es 29,1 Prozent gewesen.
Seit der Bundestagswahl 1957 ist es den Wählern möglich, ihre Stimmen nicht nur am Wahltag im Wahllokal abzugeben. Über Nutzen und Risiken der Briefwahl wird immer wieder diskutiert. So schrieb das Bundesverfassungsgericht im Kontext der Europawahl, «die Integrität der Wahl [sei] nicht gleichermaßen gewährleistet wie bei der Urnenwahl». Die Zulassung der Briefwahl diene aber dem Ziel, eine möglichst umfassende Wahlbeteiligung zu erreichen. Ähnlich bewertet es auch Simon Franzmann: nicht ganz unproblematisch, aber bei entsprechenden Sicherungsmechanismen beherrschbar.
Briefwahl im Fokus von Desinformation
Vor und während der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wurden verschiedene Falschbehauptungen verbreitet. So kursierte am Wochenende ein inszeniertes Video, das die Vernichtung von Wahlunterlagen zeigen sollte. Auch für angebliche Unregelmäßigkeiten in einem Pflegeheim in Dessau-Roßlau fanden sich keine Belege. Vor der Wahl hatten die Städte Magdeburg und Halle jeweils einige Hundert Fälle gemeldet, in denen sie Briefwahlunterlagen doppelt verschickt hatten. Die Fehler seien jedoch korrigiert worden.
(Stand: 9.9.2026)
