Die Partei Die Linke entschied die Abgeordnetenhauswahl in Berlin am 20. September 2026 für sich, die AfD machte große Zugewinne. Kurz vor der Wahl kursierte ein Video online, in dem ein Mann Umschläge öffnet und angebliche Briefwahlzettel mit Kreuzen für die AfD zerschneidet. Die Aufnahme rief Vorwürfe des Wahlbetrugs hervor. Das Video wurde jedoch inszeniert – die offiziellen Wahlunterlagen sahen anders aus. Es ist nicht das einzige Video dieser Art, das rund um die Landtagswahlen im Herbst 2026 geteilt wurde.
„Berlin, mitten im Wahlkampf: Ein Mann öffnet Briefwahlumschläge, zerschneidet die AfD-Stimmen und lässt die CDU-Stimmen unberührt“, steht in der Beschreibung eines Facebook-Videos vom 20. September 2026, dem Tag der Abgeordnetenhauswahl in Berlin und der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. „Das beantwortet natürlich die Frage, warum die etablierten Parteien soviel Werbung für die Briefwahl gemacht hatten“, schlussfolgerte der Nutzer.

In dem Video ist tatsächlich zu sehen, wie ein Mann mehrere Briefumschläge mit Stimmzetteln öffnet. Von ihm sind nur die Hände im Bild. Enthält einer davon einen Stimmzettel für die Alternative für Deutschland, schneidet er ihn mit einem Cuttermesser auseinander. Stimmzettel für die CDU lässt er unversehrt und legt sie auf einem Stapel ab. Außer ihm ist keine weitere Person zu sehen, die an der Stimmauszählung beteiligt ist. Hinter dem Tisch, an dem er die Umschläge öffnet, stehen Mülltonnen, an denen Blätter mit schwarzen Bären kleben. Das soll mutmaßlich das Berliner Wappen darstellen und suggerieren, dass es sich um die Abgeordnetenhauswahl in Berlin handelt.
Die Behauptung kursierte auch auf X sowie in anderen Sprachen wie Englisch und Französisch. Im Video sind jedoch keine echten Stimmzettel der Abgeordnetenhauswahl in Berlin zu sehen.
Wahlunterlagen weichen von offiziellem Muster ab
Es wird gefilmt, wie der Mann die Stimmzettel zerschneidet. Er äußert sich in dem Video aber nicht zu seiner Handlung, sondern liest lediglich vor, welche Partei angekreuzt w urde.
Dabei scheint er die Stimmen allein auszuzählen. L aut Paragraf 55 der Landeswahlordnung sind jedoch mehrere Wahlvorstandsmitglieder eines Wahlbüros sowie die Wahlvorsteherin oder der Wahlvorsteher an der Auszählung beteiligt.
„Bei dem Video handelt es sich um eine Falschinformation“, erklärte ein Sprecher des Landeswahlleiters auf AFP-Anfrage am 22. September 2026. „Die in Berlin verwendeten amtlichen roten Briefwahlumschläge und die weißen Stimmzettelumschläge sehen anders aus als in dem Video dargestellt“, zählte er auf. „Zudem fehlen die Wahlscheine, die sich in dem roten Briefwahlumschlag befinden müssten.“
Detaillierte Muster der Briefwahlumschläge für die Stimmabgabe im Wahllokal sind zusammen mit den offiziellen Hinweisen auf der Website des Landeswahlleiters verfügbar: Auf diesem Umschlag sind die Hinweise nicht aufgedruckt, die auf den rosafarbenen Umschlägen im online geteilten Video zu sehen sind.

Ein Vergleich zwischen der Rückseite des Umschlags im geteilten Video und der eines offiziellen Briefwahlumschlags, der in einem Informationsvideo des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg vom 3. September 2026 zu sehen ist, zeigt deren Unterschiede: Die gefälschten Umschläge enthalten andere Formulierungen und deutlich mehr Text als die echten Umschläge.

„Auch die weißen Stimmzettelumschläge gehen zu leicht auf, wohingegen sich originale verklebte Stimmzettelumschläge nicht zerstörungsfrei öffnen lassen“, erklärte der Sprecher des Landeswahlleiters zu den weißen Umschlägen, die im Video in den rosa Umschlägen liegen. Außerdem enthält kein Umschlag im geteilten Video den von dem Sprecher erwähnten Wahlschein, den Wählerinnen und Wähler bei der Briefwahl einreichen müssen.
Im Video kleben A4-Blätter mit einem schwarzen Bären auf den Mülltonnen, der an das Berliner Wappen erinnert. Die Blätter wirken allerdings nicht wie offizielle Kommunikationsmittel und entsprechen nicht exakt dem Landeswappen.

„Auch die Kennzeichnung der Urnen mit einem Berliner Bären ist hier nicht bekannt und unüblich“, erklärte der Sprecher des Landeswahlleiters hierzu. „Würden Urnen mit einem Bild gekennzeichnet, würde das offizielle Hoheitszeichen des Landes Berlin oder das Bezirkswappen verwendet werden.“
Mehrere Falschinformationen in Umlauf gebracht
Weitere Zweifel an der Wahrhaftigkeit des online geteilten Videos lässt die Tatsache aufkommen, dass im Zusammenhang mit den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin bereits zuvor Aufnahmen mit ähnlichen Falschbehauptungen ku rsierten, die AFP widerlegte. So hieß es beispielsweise über Briefwahlzettel für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern fälschlich, die AfD wäre nicht aufgelistet gewesen.
Zahlreiche Accounts, die regelmäßig Falschinformationen verbreiten, haben diese Videos von angeblichem Wahlbetrug verbreitet – stets zugunsten der in Teilen rechtsextremistischen AfD. Im Fall der Videos, die auf die Abgeordnetenhauswahl in Berlin abzielten, war auch die Art und Weise, wie sie verbreitet wurden, verdächtig.

Die Beiträge wurden nur hunderte oder tausende Male geliked oder geteilt, obwohl sie Hunderttausende bis Millionen von Aufrufen erreichten. Das legt den Schluss nahe, dass die Aufrufe der Beiträge mithilfe von Bots künstlich in die Höhe getrieben wurden – die Diskrepanz zwischen diesen Kennzahlen wird häufig als Indikator herangezogen, ob die Reichweite eines Beitrags authentisch ist oder auf automatisierte Aufrufe zurückgeht.
Unter den Multiplikatoren dieser Veröffentlichungen sind mehrere Accounts, die mit dem undurchsichtigen Netzwerk „Sprinter Press“ verbunden sind und zu prorussischen Desinformationsstrukturen gehören. Diese nehmen immer wieder Wahlen europäischer und mit der Ukraine verbündeter Staaten ins Visier, um Spannungen innerhalb dieser Gesellschaften zu verschärfen und prorussische Kandidatinnen und Kandidaten zu begünstigen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Deutschland Ziel einer russischen Desinformationskampagne ist: Im Februar 2025 brachte das Bundesinnenministerium laut AFP gefälschte Videos zur angeblichen Manipulation von AfD-Stimmzetteln mit der OperationStorm-1516 in Verbindung.
Im Vorfeld der Landtagswahlen im September 2026 wurden online zwei Kampagnen verbreitet, die Videoberichte renommierter Medien, darunter AFP, imitierten. Damit sollten Narrative gefördert werden, die der AfD und Russland zugutekommen. Ihrer Vorgehensweise nach ordneten Sicherheitsbehörden sie der russischen Desinformationsoperation Matrjoschka zu.
Die Briefwahl ist seit Jahren Zielscheibe von Desinformationskampagnen – in Deutschland, aber auch in den USA. In Europa gehen diese Kampagnen vor allem von der extremen Rechten oder von populistischen Akteurinnen und Akteuren aus, die dieser Art der Stimmabgabe vorwerfen, massive Wahlfälschungen zu ermöglichen, für die es bislang keinerlei Belege gibt. Auch vonseiten der AfD wird die Briefwahl unter Betrugsverdacht gestellt.
In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewann die AfD die jeweilige Wahl – in Sachsen-Anhalt mit weitem Abstand vor der CDU, in Mecklenburg-Vorpommern knapp vor der SPD. In Berlin entschied Die Linke die Wahl für sich, die AfD wurde nach der CDU drittstär kste Kraft.
Fazit: Ein Video, in dem ein Mann angeblich Briefwahlstimmen für die AfD bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin am 20. September 2026 zerschneidet, ist gefälscht. Die Umschläge weichen von dem offiziellen Muster der Briefwahlunterlagen ab und die Berliner Landeswahlleitung bezeichnete das Video als Fälschung.
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