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Das Wurmmittel Mebendazol hat keine nachgewiesene Wirkung gegen Krebs

Während die Krebsmedizin ständig Fortschritte macht, werden online immer wieder Wunderheilmittel angepriesen, die kostengünstiger als gängige Therapien sein sollen. Ein Antiparasitikum namens Mebendazol soll beispielsweise in der Behandlung und Prävention von Tumoren wirksam sein. Ein Patent einer renommierten Forschungseinrichtung würde die Wirksamkeit des Wurmmittels belegen. Doch laut Fachleuten sei Mebendazol kein Heilmittel gegen Krebs. Dazu fehlen die nötigen klinischen Studien an Menschen, sagen die Expertinnen und Experten. Und die Selbstverabreichung des Medikaments könnte erhebliche Risiken bergen.

„Das John Hopkins Hospital besitzt seit langem das Patent für Mebendazol-Polymorph zur BEHANDLUNG UND PRÄVENTION VON TUMOREN“, heißt es in einem Facebook-Beitrag vom 14. März 2026. „Dies wurde unterdrückt, weil die Krebsindustrie jährlich 225 Milliarden US-Dollar mit ihren profitablen Designer-Medikamenten macht“, lautet weiter die Beschreibung.

Dazu wird ein Patent geteilt, das in englischer Sprache formuliert ist. Darin heißt es übersetzt „Patent der Vereinigten Staaten“, eingereicht von der „The Johns Hopkins University“, einer renommierten  Universität in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland. Das Patent trägt den Titel „Mebendazol-Polymorph zur Behandlung und Vorbeugung von Tumoren“. Das Patent kursierte auch in  englischer Sprache am 29. August 2026.

Ähnliche Beiträge, die infrage stellten, warum die Institution das Patent hält, oder behaupteten, es gebe Bemühungen, Patientinnen und Patienten eine erschwingliche Krebsbehandlung vorzuenthalten, verbreiteten sich auf verschiedenen Plattformen. Der Kanadier William Makis, der sich öffentlich gegen Chemotherapien ausspricht, verbreitete diese Falschbehauptung auf  Tiktok. AFP widerlegte in der Vergangenheit mehrfach Falschinformationen, die Makis in sozialen Netzwerken verbreitete.

Facebook-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 16. September 2026

Die Existenz des Patents ist jedoch kein Beleg dafür, dass Mebendazol ein nachweislich wirksames Kreibsheilmittel sei.

Wurmmittel wird als Krebsmedikament noch erforscht

Mebendazol ist ein antiparasitäres Medikament, das zur Behandlung von Wurminfektionen bei Menschen zugelassen ist. Es ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Forschende untersuchen Mebendazol als möglichen Wirkstoff für den Einsatz in der Krebsbehandlung.  Doch der auf dem online zirkulierenden Patent als Ersterfinder genannteGregory Riggins, Professor für Neurochirurgie und Onkologie an der Johns Hopkins University, sagte am 4. September 2026  gegenüber AFP: „Die Wirksamkeit von Mebendazol in der Krebsbehandlung ist bislang nicht durch größere klinische Studien belegt.“ Es sei „möglich, dass es nicht wirksam ist“, so Riggins.

Mit Verweis auf seine Forschung sagte Riggins, dass hohe Dosen von Mebendazol „bei Krebspatientinnen und -patienten sicher sind, gut vertragen werden und eine vernünftige Chance haben, wirksam zu sein“. Die neuesten Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass es „am besten früh in der Therapie vor einer Metastasierung oder zur Vorbeugung eines Tumorrückfalls oder zur Prävention bei Personen eingesetzt wird, die eine vererbte Hochrisiko-Mutation für Krebs in sich tragen“, sagte er. Mit Metastasen sind Geschwülste gemeint, die von einem Tumor ausgehen.

Gleichzeitig merkte er an, das untersuchte Medikament  sei nicht für alle Patientinnen und Patienten oder Krebsarten geeignet sein: „Mebendazol ist kein Heilmittel, und bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen bewirkt es möglicherweise nichts oder verlängert das Überleben nur geringfügig.“

Das Patent beweist keine Wirksamkeit

Das in den Online-Beiträgen erwähnte Patent ist  echt. Es wurde Riggins und einem Team von Forschenden der Johns Hopkins University erteilt, die Mebendazol-Polymorph C entwickelt haben. Polymorphe sind veränderte  Molekülstrukturen desselben Wirkstoffs. Diese Veränderung kann dazu führen, dass der menschliche Körper eine Substanz besser aufnehmen kann.

Die von Riggins und seinen Kolleginnen und Kollegen vorgenommene Veränderung der Kristallstruktur habe dazu beigetragen, dass Mebendazol „in Modellen für Hirntumoren wirksamer“ sei, weil es „besser aufgenommen wird, höhere Konzentrationen im Blutplasma erreicht und in Tumoren, einschließlich Hirntumoren, höhere und wirksamere Mengen erzielt“, sagte er.

Nach Angaben von Robin Feldman, Expertin für geistiges Eigentum und Leiterin des  Zentrum für Innovation an der UC-Fakultät für Rechtswissenschaften im US-Bundesstaat Kalifornien, handelt es sich bei der Erfindung von Polymorph C um ein sogenanntes Sekundärpatent.Ein solches Patent schützt die Weiterentwicklung eines bereits bekannten Wirkstoffs. Feldman sagte, dass jedes Patent die Verfügbarkeit von Generika verzögern oder erschweren könne. Aber Sekundärpatente würden auch Marktanreize schaffen, die Unternehmen dazu ermutigen könnten, Forschung und Entwicklung in der Wissenschaft voranzutreiben. Anpassungen an der Dosierung oder dem Verabreichungssystem eines Medikaments, deren Nutzen nachgewiesen wurde, „sollten auf dem Markt entsprechend honoriert werden“, schrieb sie AFP in einer E-Mail vom 2. September 2026.

Selbstverabreichung birgt laut Fachleuten Risiken

Riggins warnte, dass die Einnahme von Mebendazol mit Risiken verbunden sei.“Zu den Gefahren gehört eine potenziell gefährliche Wechselwirkung mit einem bestimmten Antibiotikum. Außerdem sind monatliche Bluttests erforderlich, um die Leberfunktion und die Möglichkeit einer Anämie zu überwachen“, sagte er.

Keith Stewart, Vizepräsident für Krebsmedizin des University Health Network und Direktor de s Princess Margaret Cancer Centre i n Kanada, stimmte den Aussagen von Riggins zu. „Die Selbstmedikation mit Medikamenten, deren Wirksamkeit gegen Krebs nicht nachgewiesen ist, kann Patientinnen und Patienten unnötigen Risiken aussetzen und eine evidenzbasierte Behandlung verzögern oder beeinträchtigen“, warnte er in einer E-Mail vom 9. September 2026.

Es sei verständlich, wenn Krebspatientinnen und -patienten sich für alle möglichen Behandlungsoptionen interessierten, einschließlich der Forschung zu Mebendazol, sagte Stewart gegenüber AFP. Jedoch gebe es „derzeit keine anerkannten Belege dafür, dass es einen signifikanten Nutzen bei der Behandlung von Krebserkrankungen beim Menschen bietet.“

AFP hat bereits Behauptungen überprüft, die die antiparasitären Medikamente Fenbendazol und Ivermectin fälschlicherweise als Heilmittel gegen Krebs anpriesen.

Fazit: Ein Patent der Johns Hopkins University aus dem Jahr 2021 belegt nicht, dass Mebendazol Krebs heilen oder verhindern kann. Das Wurmmittel wird zwar als mögliche Krebsbehandlung erforscht, seine Wirksamkeit beim Menschen ist bislang jedoch nicht nachgewiesen. Fachleute warnten zudem vor einer Selbstverabreichung.

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Gesundheit

Autor(en): Marisha GOLDHAMER / Elena CRISAN / AFP Österreich / AFP Vereinigte Staaten

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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