Im Vorfeld der Landtagswahl am 6. September 2026 behauptete AfD-Chefin Alice Weidel, dass 306.000 arbeitslose Migrantinnen und Migranten 2025 eingebürgert worden wären. Diese irreführende Behauptung fand online große Resonanz. Doch dabei wurde die Arbeitslosenstatistik missinterpretiert, wie die Bundesagentur für Arbeit gegenüber AFP bestätigte. Dass eine so große Anzahl eingebürgerter Personen arbeitslos gewesen sei, ist zudem nicht plausibel: Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, ist etwa ein gesicherter Lebensunterhalt notwendig.
„306.000 arbeitslose Migranten wurden vom deutschen Staat im vorigen Jahr eingebürgert“, heißt es in einem Facebook-Beitrag vom 23. August 2026. Mehrere Posts auf Facebook und auf X wiederholten die Aussage Ende August 2026 und erzielten hohe Reichweiten. Auf der letzteren Plattform wurde das Posting knapp 48.000 Mal angesehen.
Die Behauptung kursierte, nachdem AfD-Vorsitzende Alice Weidel am 23. August 2026 im ZDF-Sommerinterview (hier archiviert) ab Minute 14:23 sagte: „Wissen Sie eigentlich, wie viel Arbeitslose… letztes Jahr eingebürgert wurden? Es sind 306.000. Und wir müssen aufhören diese Menschen einzubürgern, die eigentlich unser Land verlassen müssen.“

Mit ihrer strengen Migrationsrhetorik liegt die als rechtsextremistisch eingestufte Landespartei Alternative für Deutschland m it rund 4 1 Prozent an erster Stelle in den Umfragen im Vorfeld der Landtagswahl am 6. September 202 6 in Sachsen-Anhalt. Danach könnte mit der AfD erstmals in der bundesdeutschen Geschichte eine rechtsextreme Partei an die Macht kommen.
Doch mit der Behauptung über eingebürgerte Arbeitslose führte Weidel in die Irre.
Sonderauswertung sorgte für Verwirrung
Das rechtsgerichtete Portal Nius veröffentlichte am 15. Juli 2026 einen Artikel mit dem Titel „Exklusive Daten der Agentur für Arbeit: 307.000 Arbeitslose wurden eingebürgert“, auf dem die Behauptung mutmaßlich basiert. Der Artikel zitiert den AfD-Politiker René Springer, der die Auswertung dieser Daten beauftragt hatte, zudem folgendermaßen: „Der hohe Anteil deutscher Staatsbürger mit eigener Migrationserfahrung unter den Arbeitslosen zeigt, dass im großen Stil Sozialfälle eingebürgert wurden.“ Doch das is t so e in Trugschluss.
AFP liegt die Auswertung der Bundesagentur für Arbeit (BA) ebenfalls vor. Stand Dezember 2025 waren 307.601 Deutsche mit „eigener Migrationserfahrung“ arbeitslos. Als arbeitslos gelten Personen, die vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen oder nur eine weniger als 15 Stunden wöchentlich umfassende Beschäftigung ausüben. Ähnliche Hochrechnungen der BA erscheinen vierteljährlic h. Insgesamt waren im selben Zeitraum mehr als 2,9 Millionen Menschen arbeitslos.
Die Angabe der Migrationserfahrung erfolgt freiwillig. Somit könnte die Zahl der arbeitslosen Deutschen mit eigener Migrationserfahrun g auch höh er liegen. Eine Sprecherin teilte am 31. August 2026 jedoch mit: „Die Auswertung enthält keine Informationen darüber, ob beziehungsweise wann diese Personen eingebürgert wurden, aus welchem Zuwanderungskontext sie stammen oder wie sich ihre Erwerbsbiografie entwickelt hat. Eine Differenzierung nach Flucht-, Arbeits- oder Familienmigration ist daher mit dieser Auswertung nicht möglich.“
Arbeitslosenstatistik wurde missinterpretiert
Laut dem Statistischen Bundesamt erwarben 332.500 Ausländerinnen und Ausländer die deutsche Staatsangehörigkeit im Jahr 2025. Tendenziell sind Eingewanderte und Menschen mit Migrationshintergrund laut Informationen de s gemeinnützigen Vereins Mediendienst Integration häu figer arbeit slos als jene ohne einen solchen – in Deutschland sowie in anderen OECD-Staaten. Doch der Recherche-Service weist darauf hin, dass es keine eindeutigen Statistiken zur Arbeitslosigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund gebe, da diese Daten nicht gesondert erfasst würden. Zahlen zu diesem Thema beruhen oft auf Umfragen.
Laut de m Zuwanderungs-Monitor, veröffen tlicht im Juli 2026, betrug die Arbeitslosenquote der ausländischen Bevölkerung im Mai 2026 14,3 Prozent, wobei mehr als ein Drittel davon aus anderen EU-Mitgliedsstaaten kam. Der Monitor wird vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, einer Forschungseinrichtung der BA, herausgegeben. Menschen mit Migrationshintergrund gaben etwadoppelt so oft an, erwerbslos zu sein wie Deutsche ohne Migrationshintergrund. Das berechnete der Mediendienst Integration auf Basis des Mikrozensus 2025.
Die kursierende Behauptung bezieht sich jedoch auf Personen, die als Arbeitslose eingebürgert wurden. Die genannten Zahlen lassen nicht darauf rückschließen, dass im Jahr 2025 306.000 der 332.500 Eingebürgerten arbeitslos gewesen seien.
Zudem ist wenig p lausibel, dass eine Mehrheit der Eingebürgerten arbeitslos sei. Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, gelten strenge Voraussetzungen. Demnach müssen Personen unter anderem ohne Grundsicherung oder Sozialhilfe den Lebensunterhalt für sich und unterhaltsberechtigte Angehörige finanzieren können. Eine Arbeitslosigkeit ohne sonstig es Einkommen kann dem Anspruch auf Einbürgerung somi t im Weg stehen.
Eine AFP-Anfrage an die AfD vom 3. September 2026 blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unkommentiert.
AFP überprüfte weitere Behauptungen zum Thema Arbeitslosigkeit.
Fazit: Die Behauptung, 306.000 arbeitslose Migrantinnen und Migranten seien 2025 in Deutschland eingebürgert worden, ist irreführend. Die zugrunde liegende Auswertung der Bundesagentur für Arbeit erfasst arbeitslose deutsche Staatsangehörige mit eigener Migrationserfahrung, enthält jedoch keine Angaben dazu, ob oder wann diese Personen eingebürgert wurden. Zudem setzt eine Einbürgerung in der Regel einen gesicherten Lebensunterhalt voraus.
