Im September und Oktober 2026 protestierten in Frankreich Schülerinnen und Schüler gegen marode Schuleinrichtungen und fehlende Lehrkräfte. In einigen Fällen führten die Demonstrationen zu Gewaltakten und Festnahmen. Online wurden Aufnahmen geteilt, die angeblich die Brutalität der Demos veranschaulichen sollen. Die Videos sind jedoch alt und zeigen nicht die Schulproteste in Frankreich 2026.
Zu Beginn des Schuljahres im Herbst 2026 demonstrierten zahlreiche Schülerinnen und Schüler auf Frankreichs Straßen. Sie forderten unter anderem mehr Klimaanlagen und Heizun gen in Schulgebäuden sowie mehr Lehrkräfte. Mitunter kam es zu Gewaltakten, doch größtenteils verliefen die Proteste friedlich. In sozialen Medien wurden jedoch mehrere Videos geteilt, welche die Demonstrationen als besonders gewalttätig darstellen würden.
Autos kippten bereits 202 2 um
„Was wir gerade in Frankreich sehen, sind keine Schülerproteste. Es scheint eher der Beginn eines Bürgerkriegs zu sein!“, lautet ein Facebook-Beitrag. Dazu werden mehrere zusammengeschnittene Szenen geteilt. Zu Beginn sind im Video umgestürzte Autos, brennende Müllcontainer und Straßen zu sehen, in denen Rauch aufsteigt. Es liefe“genauso ab, wie es von den ‚Rechten‘ vorausgesagt wurde“, hieß es am 4. Oktober 2026 auch auf X. Ein AfD-Politiker aus Thüringen verstärkte die Verbreitung des Clips zusätzlich.
Auch international verbreitete sich das Video stark: Der Clip wurde auf Chinesisch und Slowakisch hundertfach geteilt.

Doch wie AFP-Recherchen zeigen, wurde das Video in einem anderen Kontext aufgenommen. Mithilfe einer umgekehrten Bildsuche fand AFP einen identischen Clip, den der französische Journalist Remy Buisine am 24. Dezember 2022 auf X teilte. Die dazugehörige Beschreibung lautet:“Chaos im Zentrum von Paris, umgekippte und brennende Fahrzeuge. Auseinandersetzungen im Gang e.“
Chaos dans le centre de Paris, des véhicules retournés et incendiés. Affrontements en cours. https://t.co/bJvCTZo94
— Remy Buisine (@RemyBuisine) December 24, 2022
Wie AFP berichtete, fanden am 24. Dezember 2022 Demonstrationen im Zentrum von Paris statt, nachdem ein 69-jähriger Schütze das Feuer auf ein kurdisches Kulturzentrum und einen Friseursalon eröffnet und dabei drei Menschen getötet hatte. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gab er einen „pathologischen Hass“ auf Ausländerinnen und Ausländer zu.
Das erste Standbild des Videos, das erneut mit falschen Behauptungen geteilt wurde, zeigt ein weißes Auto, das auf dem Dach liegt. Dieselbe Szene wurde von einem AFP-Fotografen während der Proteste am 24. Dezember 2022 direkt vor dem Place Pasdeloup in Paris aufgenommen:

Deta ils wie die Fassade des nahegelegenen Gebäudes, das Rückfahrlicht des weißen Autos oder der weiße Pfahl auf dem Boden stimmen überein, wie im oberen Bild eingezeichn et ist.
Das Video kursiert nicht zum ersten Mal und war bereits 2024 Gegenstand eines AFP-Faktenchecks. Das kursierende Video wurde in der Vergangenheit bereits fälschlich mit den Protesten gegen die Rentenreform im Jahr 2023, Ausschreitungen vor den Olympischen Spielen 2024 u nd eskalierten Feierlichkeiten n ach Fußballspielen der Champions League im Sommer 2026 in Zusammenhang gebracht, wie AFP bereits richtigstellte.
Bushaltestelle bei kurdischen Protesten eingeschlagen
Mehrere verbreitete Videos mit der Falschbehauptung, die auf X teils mehr als neun Millionen Aufrufe erzielten, enthalten außerdem einen zweiten Clip. Darin ist zu sehen, wie junge Männer eine Bushaltestelle mit Pflöcken einschlagen. Der österreichische Blog namens“tkp“ machte diese Szene in einem Artikel vom 6. Oktober 2026 zum Thema und tite lte: „Fr ankreichs Schülerrevolte – die Jungen präsentieren der Macron-Politik die Rechnung“. Bei „tkp“ handelt es sich um einen Blog, der Falschinformationen verbreitete, die AFP in der Vergangenheit richtigstellte.

Eine umgekehrte Bildsuche führt jedoch ebenfalls zu Beiträgen, die am 24. Dezember 2022 gepostet wurden. In den Posts ist die Rede von „dem Terror der PKK“. PKK steht für Arbeiterpartei Kurdistans. Die Partei stammt ursprünglich aus Siedlungsgebieten innerhalb der Türkei. Türkische Medien berichteten am 25. Dezember 2022 darüber, dass Anhängerinnen und Anhänger der PKK in Paris demonstrierten und zeigten mitunter dieselbe Szene.
In einem X-Beitrag aus 2022, in dem das Video in höherer Auflösung geteilt wird, ist anfangs das Schild der Bushaltestelle„Oberkampf – Filles du Calvaire“ in Paris zu erkennen. Mithilfe einer Geolocation fand AFP die Haltestelle und stellte fest, dass die Umgebung identisch ist. Die kurdischen Proteste starteten bei Place de la République, wie AFP am 24. Dezember 2022 berichtete. Laut Google Maps befindet sich der Ort in Gehweite von der erwähnten Bushaltestelle.
Clip vor dem Eiffelturm zeigt Fußballfans
Ein weiteres Social-Media-Video, das eine chaotische Menschenmasse zeigt, wird ebenfalls in Verbindung mit den Schulprotesten gebracht. „Frankreich brennt“, so beginnt die Postbeschreibung eines Facebook-Videos, das am 6. Oktober 2026 hochgeladen wurde. In dem rund 15 Sekunden langen Clip sind zahlreiche Menschen zu sehen, die tanzen und jubeln. Manche stehen auf einem brennenden Auto, das im Vordergrund des Videos zu sehen ist. Rauch steigt vor dem Eiffelturm auf, der im Hintergrund erkennbar ist.
Das Video kursierte auf verschiedenen Plattformen und in unterschiedlichen Sprachen. Ein englischer X-Post vom 4. Oktober 2026 erreichte mehr als 6 Millionen Nutzerinnen und Nutzer.

Das 15 Sekunden lange Video vor dem Eiffelturm, in dem Männer auf einem brennenden Auto stehen, ist tatsächlich auf die Feierlichkeiten nach dem Champions-League-Sieg im Sommer 2026 zurückzuführen. Der Fußballclub Paris Saint-Germain (PSG) gewann am 30. Mai 2026 das Finale der Männer gegen den FC Arsenal. Der Sportinformationsdienst (SID), eine Tochtergesellschaft von AFP, berichtete, dass hunderte Menschen aufgrund von Ausschreitungen im Zuge der Feierlichkeiten festgenommen wurden.
Der Clip, der im Herbst 2026 fälschlich mit den Schulprotesten in Verbindung gebracht wurde, kursierte online kurz nach dem PSG-Sieg. Mithilfe einer umgekehrten Videosuche konnte AFP mehrere Social-Media-Posts finden, die nach dem Sieg geteilt wurden und dieselbe Szene zeigen. Das internationale Medienunternehmen Euronews berichtete über die Festnahmen infolge der Ausschreitungen und postete am 3. Juni 2026 auf Tiktok ein Video, in dem dieselbe Szene vorkommt.
In einem X-Video, das die Szene in höherer Auflösung zeigt, ist zudem erkennbar, dass die Menschen Trikots des Fußballclubs tragen. Die Vereinsfarben blau und r ot, s owie das PSG-Logo mit einer Illustration des Eiffelturms, finden sich im Video mehrmals wieder.

Wie eine Geolokalisierung zeigt, wurde das Video am Pariser Place du Trocadéro aufgenommen. Am 30. Mai 2026, dem Tag des PSG-Sieges, war auch ein AFP-Fotograf bei den Feierlichkeiten vor Ort:

Im AFP-Bild ist ebenfalls das brennende Auto zu sehen.
Proteste 2026 waren weitgehend friedlich
Mehr als eine Woche nach dem Beginn der Schulproteste in Frankreich fiel am 7. Oktober 2026 in knapp 530 der insgesamt 3700 Oberschulen noch der Unterricht aus.

Am 6. Oktober 2026 hatten Hunderttausende auf den Straßen Frankreichs protestiert.
Während die Proteste weitgehend friedlich verliefen, kam es in einigen Fällen zu Blockaden und Gewalttaten. In Paris brannten Anfang Oktober 2026 die Eingangsbereiche von zwei Schulen. An Schulen in Lyon wurden unter anderem Böller gezündet und Mülltonnen in Brand gesteckt. In Südfrankreich wurde nach Behördenangaben ein Lehrer mit Benzin übergossen und von zwei Angreifern attackiert. Menschenrechtsgruppen warfen der Polizei wiederum vor, unverhältnismäßig gewaltvoll reagiert zu haben. Stand 6. Oktober 2026 gab es rund 6000 Festnahmen, in erster Linie von Minderjährigen.
In Frankreich kommt es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen bei Demonstrationen, etwa gegen die bereits erwähnte Rentenreform 2023, während der Gelbwesten-Bewegung im Jahr 2018 oder im Zuge der Proteste gegen die Arbeitsmarktreformim J ahr 2016.
Fazit: Online kursieren mehrere Videos, in denen umgekippte Autos, Menschenmassen, Brände und eingeschlagene Scheiben zu sehen sind. Fälschlich heißt es, die Aufnahmen zeigten Proteste von Schülerinnen und Schülern im Herbst 2026. Doch tatsächlich sind die Videos alt und haben nichts mit den Schulprotesten zu tun.
