Korruptionsfälle in der Ukraine befeuern prorussische Behauptungen, mit denen die Unterstützung für die Ukraine im Ausland untergraben werden soll. Vor diesem Hintergrund wurde ein angeblicher Bericht auf einer Website veröffentlicht, wonach 140 Millionen US-Dollar und ein Hinweis auf Wolodymyr Selenskyj bei einer Razzia der ukrainischen Antikorruptionsbehörde Nabu gefunden worden wären. Doch die Website imitierte ein ukrainisches Medium, war erst wenige Tage vor der Veröffentlichung des Berichts erstellt worden und verschwand kurz darauf wieder. Die gefälschte Website und Social-Media-Beiträge verbreiteten außerdem ein Video der angeblichen Razzia mit dem Nabu-Logo darin, das sich jedoch auf keinem offiziellen Kanal der Nabu findet. Die Behörde bestritt eine solche Razzia und bezeichnete das Video als Fälschung.
„140 Millionen Dollar bar: Ex-Leiter der ukrainischen Rüstungsbeschaffung unter Korruptionsverdacht“, heißt es in einem Facebook-Beitrag vom 25. September 2026. Darin wird ein Screenshot eines Videos geteilt, in dem eine uniformierte Person vor Kartons voller Geldscheine zu sehen ist. Die Behauptung wurde auch auf Telegram und Tiktok sowie von der prorussischen Bloggerin Alina Lipp auf X verbreitet.
In anderen Beiträgen, beispielsweise auf Ungarisch, wurde ein Artikel geteilt, der am 23. September 2026 auf der Website „www.nvukraine.com“ veröffentlicht wurde.
In dem Artikel wird behauptet, dass 140 Millionen US-Dollar Bargeld in Kartons in „Büros des ehemaligen Leiters der Beschaffungsagentur des Verteidigungsministeriums, Arsen Schumadilow“ gefunden worden wären, versehen mit einem Aufkleber. Dieser hätte auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj verwiesen. Die Website imitiert jedoch das Design der ukrainischen Nachrichtenplattform New Voice of Ukraine (NV) und ist keine echte Nachrichtenseite.


Der Artikel enthält ein Video, das 1:30 Minute lang ist und auf Englisch vertont wurde. Mit dem Logo des Mediums New Voice of Ukraine ähnelt es einem Videobericht des Mediums. Das Video vermischt sachliche Berichterstattung über die Ukraine mit der Behauptung, dass 140 Millionen US-Dollar gefunden worden wären.
Als angeblicher Beleg für den Fund im Büro des ehemaligen Leiters enthält das Video eine 13-sekündige Sequenz, in der Personen in Militäruniform und dem kyrillischen Schriftzug „NABU“ auf dem Rücken zu sehen sind. Sie begutachten offenbar ausrangierte Kartons für Kühlschränke der Marke Haier, die mit Bargeld gefüllt sind. An einem der Kartons haftet ein Klebezettel mit der Notiz „für den Diener des Volkes“ auf Ukrainisch. „Diener des Volkes“ ist eine ukrainische Fernsehserie mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj in der Hauptrolle, der vor seinem Einstieg in die Politik als Schauspieler arbeitete. Das Video enthält außerdem das Logo und den Namen der ukrainischen Antikorruptionsbehörde (Nabu) und der spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft der Ukraine (Sapo).
Die kurze Sequenz, die die Soldaten und das Geld ohne die englische Erzählung und das Logo von New Voice of Ukraine zeigt, wurde auf Deutsch und zahlreichen weiteren Sprachen online vielfach geteilt – versehen mit dem Logo der ukrainischen Antikorruptionsbehörde. „Für den Diener des Volkes. Mehr als 140 Millionen Dollar wurden in Kühlschrankkartons in der Ukraine gefunden“, heißt es zu dem kurzen Ausschnitt beispielsweise in einem ungarischenFacebook-Beitrag vom 25. September 2026.

Während behauptet wird, das Video wäre von der ukrainischen Antikorruptionsbehörde veröffentlicht worden, gibt es jedoch keine Spur eines solchen Videos auf offiziellen Nabu-Kanälen. Die Behörde bestätigte, dass sie das Video nicht herausgegeben hat, und bezeichnete es als „Fake“. Die Nachrichtenwebsite New Voice of Ukraine erklärte, die gefälschte Website habe die Identität des Mediums gestohlen. Es gibt außerdem keinen glaubwürdigen Medienbericht über einen Fund von 140 Millionen US-Dollar Bargeld in der Ukraine.
Website kurz vor Veröffentlichung des Artikels erstellt
AFP widerlegte bereits mehrere Falschbehauptungen, die von gefälschten Websites ausgingen. Zuletzt wurde beispielsweise die Website der „Süddeutschen Zeitung“ imitiert, um Gerüchte über Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Sven Schulze (CDU) zu verbreiten.
Diese Websites werden meist wenige Tage vor der Veröffentlichung der Falschbehauptung erstellt. Ansonsten sind sie mit neutralen Artikeln gefüllt, die entweder anderswo gestohlen oder mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) verfasst wurden.
Die gefälschten Websites stehlen entweder die Identität realer Medien (die sogenannte Doppelgänger-Methode) oder geben sich als Journalistinnen und Journalisten oder Medienmarken aus, die nicht existieren. In mehreren Fällen wurden sie mit russischen Desinformationskampagnen in Verbindung gebracht, wie AFP bereits in früheren Faktenchecks schrieb.
Die Website, die die Behauptung über den Fund von 140 Millionen US-Dollar verbreitete, wurde laut ihren Registrierungsdaten am 21. September 2026 erstellt. Eine archivierte Version der Website von demselben Tag zeigt, dass sie zunächst Artikel samt Überschriften und Fotos enthielt, die von der echten Website New Voice of Ukraine übernommen wurden.

Die gefälschte Website kopierte außerdem viele weitere Element e der echten Seite, bis hin zum Abschnitt „Über uns“ am Ende der Seite. Schließlich veröffentlichte die Fake-Website die Behauptung am 23. September 2026. Die frühesten Beiträge mit dem kurzen Ausschnitt aus dem Video, die AFP finden konnte, stammen vom 24. September 2026. Vier Tage darauf war die Website online nicht mehr erreichbar.
Arsen Schumadilow, der ehemalige Leiter der Beschaffungsagentur des Verteidigungsministeriums, verkündete seinen Rücktritt am 20. August 2026. Am Vortag hatte das ukrainische Parlament die Ernennung von Jewgeni Chmara, dem ehemaligen kommissarischen Chef des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU), zum neuen Verteidigungsminister unterstützt.
Das Video thematisiert zunächst den tatsächlichen Rücktritt von Schumadilow und zitiert einen echten Artikel der „New York Times“ vom 6. September 2026. Darin wird berichtet, dass „die Ukraine allein im Jahr 2024 1,2 Milliarden US-Dollar durch Betrug und Verschwendung verloren hat“.
Eine Analyse mit dem Audio-Erkennungstool Hiya, das Tonspuren auf die Erstellung mit KI untersucht, ergab mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent, dass die gesamte Tonspur des Videos mit KI erzeugt wurde. Hiya gehört zu dem KI-Erkennungstool InVID WeVerify, an dessen Entwicklung AFP beteiligt ist.

Am 25. September 2026 veröffentlichte das Medium New Voice of Ukraine eine Stellungnahme und erklärte, dass „das NV-Redaktionsteam keinerlei Verbindung zur Domain nvukraine.com hat, auf der böswillige Akteure die Website NV.ua kopiert haben, um eine Fake-Story über angebliche ‚Durchsuchungen bei einem ehemaligen Beschaffungschef der Verteidigung‘ zu verbreiten“.
Video findet sich nicht auf offiziellen Nabu-Kanälen
Die kurze Sequenz, die in sozialen Medien kursierte, trägt das Logo der ukrainischen Antikorruptionsbehörde – ein gelbes Symbol mit kyrillischem Text – oben in der Mitte des Bildes, was den Eindruck erweckt, das Filmmaterial stamme aus offiziellen Quellen. Das scheint jedoch nicht der Fall zu sein.
Die Nabu ist eine nationale Behörde in der Ukraine, die dafür zuständig ist, „die Spitzenkorruption zu beseitigen zum Wohle einer erfolgreichen Gesellschaft und eines leistungsfähigen Staates“. AFP hat auf den offiziellen Youtube-, X-, Facebook- und Telegram-Kanälen der Nabu gesucht, konnte jedoch weder das vielfach geteilte Video noch eine ähnliche Aufnahme finden.
Die Behörde veröffentlichte einen Screenshot des Videos mit dem Wort „FAKE“ darauf in einem X-Beitrag vom 25. September 2026. Sie bezeichnete das Video als Fälschung, das erstellt worden sei, um „Antikorruptionsbehörden zu diskreditieren, das Vertrauen in staatliche Institutionen zu untergraben und dem Image der Ukraine zu schaden“. Darauf ging die Nabu auch auf Telegram ein.

Darüber hinaus bestritt die Nabu laut einem Bericht der ukrainischen nationalen Nachrichtenagentur UNN vom 25. September 2026, die Büros des ehemaligen Leiters der staatlichen Beschaffungsagentur für Verteidigung, Arsen Schumadilow, durchsucht zu haben.
Das Video zeigt außerdem das blaue Logo der Antikorruptionsstaatsanwaltschaft Sapo rechts neben dem Nabu-Emblem. Wie auf der Nabu-Website erläutert wird, „werden die Ermittlungen, die von den Nabu-Detektiven durchgeführt werden, von der speziellen Antikorruptionsstaatsanwaltschaft überwacht, um die Unabhängigkeit der Nationalen Antikorruptionsbehörde der Ukraine zu gewährleisten“.
AFP konnte das online geteilte Video auf keinem der Kanäle der Sapo finden – darunter Facebook, Telegram und Youtube. Selbst nach wiederholten Suchanfragen mit verschiedenen Schlüsselwörtern bei Google und Yandex konnte AFP keine seriösen Medien oder offiziellen Kommunikationskanäle finden, die über die online geteilte Behauptung berichtet oder sie bestätigt hätten.
Tatsächliche Korruptionsfälle in der Ukraine
Korruption beschäftigt die Ukraine seit Langem. Seit der russischen Invasion im Jahr 2022 gab es mehrere große Skandale. Diese sind im Gegensatz zur Falschmeldung auf der gefälschten Website jedoch von offiziellen Quellen belegt.
Selenskyj entließ am 15. September 2026 etwa den ukrainischen Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko. Krawtschenko wies Vorwürfe zurück, wonach er Bestechungsgelder angenommen habe, und leitete rechtliche Schritte gegen den Leiter der Antikorruptionsbehörde Nabu ein. Anfang September 2026 hatten Nabu-Ermittlerinnen und -Ermittler die Büros des Generalstaatsanwalts durchsucht. Eigenen Angaben zufolge hätten sie ein Netzwerk aufgedeckt, das Zahlungen zum Schutz von betrügerischen Callcentern entgegengenommen habe, die in Geldwäsche verwickelt seien.
In dem Artikel der „New York Times“ vom 6. September 2026, auf den sich auch die gefälschte Website beruft, wird von Prüfungen in der Ukraine berichtet. Diese hätten schwerwiegende Mängel im System der militärischen Beschaffung aufgedeckt, darunter Verträge mit nicht lizenzierten oder unzuverlässigen Lieferanten sowie mit kostspieligen Zwischenhändlern. Dem Artikel zufolge gibt es keine bekannten Vorwürfe gegen den ehemaligen Leiter der Beschaffungsbehörde, Schumadilow.
Der Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments veröffentlichte im Juli 2026 einen Bericht im Zusammenhang mit den EU-Beitrittsplänen der Ukraine. Demnach sei ein besonderes Anliegen unter anderem, in der Ukraine „einen soliden und unabhängigen Rahmen zur Korruptionsbekämpfung sicherzustellen“.
Im November 2025 deckte eine Untersuchung der Nabu einen Korruptionsskandal in Höhe von 100 Millionen US-Dollar auf, der Unterschlagung im ukrainischen Energiesektor betraf. Der damalige Leiter des Präsidialamts und langjährige Vertraute des ukrainischen Präsidenten, Andrij Jermak, musste aufgrund seiner Verstrickung in den Fall zurücktreten.
Im Juli 2025 hatte Selenskyj versucht, der Nabu und der Sapo ihre Unabhängigkeit zu entziehen. Das löste Proteste aus und zwang ihn, die Entscheidung zurückzunehmen. Auch die EU kritisierte den Schritt als einen „schwerwiegenden Rückschritt“ für ein Land, das eine EU-Mitgliedschaft anstrebt.
Fazit: Ein Artikel und ein Video über den angeblichen Fund von 140 Millionen US-Dollar Bargeld bei dem ehemaligen Leiter der ukrainischen Beschaffungsbehörde des Verteidigungsministeriums stammen von einer gefälschten Website. Die Website ahmt eine ukrainische Nachrichtenwebsite nach und wurde erst kurz vor Veröffentlichung der Falschbehauptung registriert. Zudem ist die Tonspur des Videos laut KI-Analyse künstlich generiert worden.
