Das starke Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sorgt nach wie vor für mediale Debatten. Ein angeblich authentisches ARD-Interview mit dem Politikwissenschaftler Benjamin Höhne, in dem Kritik über die Rolle der Medien geäußert wurde, wurde al s vermeintlich echtes Material geteilt . Doch bei dem eingeblendeten Experten handelt es sich vielmehr um einen Comedian. Gegenüber AFP erzählte dieser, was ihn zu dem Video inspirierte. Höhne sowie ein Sprecher der ARD bestätigten, dass der Inhalt nicht authentisch ist.
„Politikwissenschaftler zerstört ZDF und ARD“, lautet ein Facebook-Beitrag vom 8. September 2026. Dazu wurde ein Clip geteilt, der an eine ARD-Nachrichtensendung erinnert. „AfD stärkste Kraft in Magdeburg“, ist im Beitrag zu lesen. Darüber steht die zeitliche Einordnung „nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt“. Thema ist eine mögliche Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und dessen Beitrag zum Erfolg der AfD.
Am 6. September 2026 fand in Sachsen-Anhalt eine Landtagswahl statt, die als präzedenzlos gilt: Die gesichert rechtsextremistische AfD-Landespartei ging als klarer Wahlsieger hervor und will mit Ulrich Siegmund erstmals einen Ministerpräsidenten in einem Bundesland stellen. Eine Ankündigung der AfD vor der Wahl war die Abschaffung der Rundfunkbeiträge für die öffentlich-rechtlichen Medien. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist häufig Ziel von Falschinformationen.
Im Video scheint ein Politikwissenschaftler zu Wort zu kommen: „Wenn die AfD schlau genug ist, dann schafft sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk selbstverständlich nicht ab, weil die Partei ihren kometenhaften Aufstieg ja eben auch ARD und ZDF zu verdanken hat.“ Der Clip machte auch in anderen Onlinediensten wie Instagram, Threads, X, Telegram und Youtube die Runde. Unter anderem wurde er von einem bekannten Schweizer Anti-Corona-Aktivisten Roger Bittel geteilt, der in der Vergangenheit ebenfalls Behauptungen teilte, die AFP als falsch entlarvte.
Manche Nutzerinnen und Nutzer vermuteten in den Kommentaren, dass das Video künstlich erstellt worden sei: „KI lässt Grüßen.„ Andere kommentierten herablassend über den angeblichen Experten.

Doch bei dem kursierenden Clip handelt es sich nicht um ein authentisches ARD-Interview.
Nachgestelltes Interview stammt von Comedian
Das Video zeigt keine tatsächlich ausgestrahlte ARD-Sendung. Die Abkürzung des Rundfunkverbunds steht für Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland. Eine Stichwortsuche führte zu dem echten ARD-Interviewin der „Tagesschau“ vom 7. September 2026, dem Tag nach der Landtagswahl, das offenbar als Schablone für die Nachstellung diente. „Benjamin Höhne, Politikwissenschaftler TU Chemnitz, über bundespolitische Folgen der Sachsen-Anhalt-Wahl“, lautet die Videobezeichnung. Ab Minute 07:56 ist die Frage zu hören, mit der der kursierende Clip st artet.
Im echten Interview analysierte Benjamin Höhne, Politikwissenschaftler an der TU Chemnitz, das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Tatsächlich antwortete er auf die erste Frage, ob die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen könnte: „Das ist rechtlich umstritten.“ Zwar könne die AfD den Staatsvertrag kündigen, doch der öffentlich-rechtliche Rundfunk hätte die Möglichkeit, dagegen zu klagen. Weiter erklärte er, dass das „BSW mit der AfD an einem Strang“ ziehe. Beide würden „das Narrativ“ nähren, „dass man heutzutage ja nicht mehr das sagen könne, was man sagen wolle“.
Zudem unterscheidet sich die Zuschaltung optisch: Neben dem Hintergrund und Aussehen des Experten wird in einem sogenannten Insert der Name und die Berufsbezeichnung des Interviewpartners eingeblendet.
Aus der Presseabteilung der ARD hieß es am 9. September 2026 gegenüber AFP zu dem geteilten Clip in sozialen Medien: „Bei dem Video handelt es sich nicht um einen authentischen Inhalt von ARD-aktuell.“ Nach Möglichkeit gehe der Sender „rechtlich gegen solche Beiträge vor“.
Mithilfe von Google Lens suchte AFP die früheste Version des in sozialen Medien kursierenden Clips und landete auf der Instagram-Seite eines prominenten Satirikers namens Jean-Philippe Kindler. Es ist nicht das erste Mal, dass satirische Inhalte als Falschinformation verbreitet werden. Kindler hatte den Clip vom 8. September 2026 eindeutig als Satire gekennzeichnet: „Ich bin natürlich nicht Benjamin Höhne.“ Das Video gehört zu einem wiederkehrenden Format des Comedians, in dem er Fernsehinterviews parodie rt.
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
Über seine Agentur ließ der Comedian am 9. September 2026 an AFP ausrichten: „Das Format ist dezidiert ein Humorformat und unter diesem, sowie unter vergleichbaren Videos finden sich ganz eindeutig Angaben dazu, dass ich eine satirische Rolle spiele.“ Inhaltlich inspiriert habe Kindler „der immer gleiche, langatmige und auf mich und viele andere einstudierte Tonfall, den politische Journalistinnen und Journalisten auf der einen Seite, wie Politikerinnen und Experten auf der anderen Seite im Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk verwenden.“ Das Format sei „also durchaus medienkritisch zu verstehen“.
Kindler sagte, er verwende „absichtlich eine Sprache, die derartig mit den Hör- und Sehgewohnheiten bricht“, damit sein Publikum den Inhalt als Satire versteht. Dazu versieht der Comedian seine Inhalte mit entsprechenden Hinweisen. Diese Hinweise fehlten jedoch in den gekürzten Clips, die von anderen Userinnen und Usern auf mehreren Plattformen hochgeladen wurden.
Verantwortung der Medien wurde diskutiert
„Klar“ sei aber auch laut Kindler: „Die Tatsache, dass diese Videos derzeit so viele Reaktionen auslösen, ist als klarer Wunsch vieler Menschen zu verstehen, dass anders über Politik gesprochen werden soll.“
Politikwissenschaftler Höhne hatten „Kollegen auf dieses Video aufmerksam gemacht“, wie er AFP am 9. September 2026 schrieb. „Denen wie auch mir war sofort klar, dass es sich um Satire handelt, die wie immer bei Satire auch einen Punkt hat.“ Auf seinem Bluesky-Kanal teilte Höhne das satirische Video am 8. September 2026 und kommentierte in Bezug auf das starke Abschneiden der AfD in Sachsen-Anhalt: „Klar haben Medien ihr Dazutun“.
Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt entbrannte auch eine Debatte über die Rolle der Medien und ihre Berichterstattung über die AfD. Die Europäische Rabbinerkonferenz zählt zu den Stimmen, die den Medien eine Mitverantwortung für das starke Abschneiden der Partei zuschrei ben.
Der Geschäftsführer der Organisation Reporter ohne Grenzen Christian Mihr, erklärte laut einem Bericht am 7. September 2026, eine Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk sei legitim: „Wer ihm jedoch pauschal Desinformation vorwirft und zugleich seine staatsferne Finanzierung sowie seine rechtlichen Grundlagen beseitigen will, übt nicht bloß Kritik, sondern greift eine zentrale Infrastruktur der demokratischen Öffentlichkeit an.“
AFP stellte mehrere Falschbehauptungen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 richtig.
Fazit: Ein kursierender Clip zeigt kein authentisches ARD-Interview mit dem Politikwissenschaftler Benjamin Höhne. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen satirischen Inhalt von Jean-Philippe Kindler, der auf einem echten ARD-Interview basiert. Sowohl die ARD als auch Höhne bestätigten gegenüber AFP, dass der verbreitete Clip nicht echt ist.
