Keine Zwangsrekrutierung: Video zeigt Frauen bei Protest in Kiew - Featured image

Keine Zwangsrekrutierung: Video zeigt Frauen bei Protest in Kiew

Im Krieg gegen die Ukraine verbreiten prorussische Accounts immer wieder die Behauptung, Ukrainerinnen würden zwangseinberufen. Im September 2026 kursierten mehrere Videos in sozialen Medien, von denen es fälschlich hieß, sie würden die „erste Zwangsmobilisierung von Frauen in der Ukraine“ zeigen. In den Aufnahmen sind jedoch Aktivistinnen und Aktivisten in Kiew zu sehen, die von einem Protest gegen Leitungen eines Wärmenetzes weggezerrt werden. Nach ukrainischem Recht bleibt der militärische Dienst von Frauen freiwillig.

„Am 21. September 2026 zerren uniformierte Mitarbeiter des TCC während einer Straßenoperation mit Gewalt eine Frau über den Boden, eine Zwangsmobilisierung von Frauen“, heißt es auf Französisch in einem X-Beitrag von diesem Tag. Und weiter: „Aber die ukrainischen Behörden, das Parlament und das Verteidigungsministerium wiederholen seit Monaten, dass es keinerlei Zwangseinberufung von Frauen gibt und auch keine geplant ist: Sie verpflichten sich ausschließlich auf freiwilliger Basis.“

Dazu wurde ein etwa 40-sekündiges Video geteilt, in dem sich vier Frauen dagegen wehren, von mehreren Männern in braunen Uniformen mit Gewalt weggezerrt zu werden. Behördenmitarbeiter scheinen die filmende Person daran hindern zu wollen, die Szen e z u dokumentieren.

X-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 29. September 2026

In anderen Beiträgen wird dieselbe Behauptung mit anderen Aufnahmen verbreitet. Auch darin versuchen Männer, Frauen gewaltsam von dem Ort im Video wegzuzerren. So tragen beispielsweise in einem deutschen Facebook-Post drei Männer eine Frau weg. „Frauen im Fokus der Rekrutierung in der Ukraine“, steht in dem Video, das am 24. September 2026 geteilt wurde und auch auf Telegram kursiert.

Facebook-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 2. Oktober 2026

Auf anderen Sprachen wie Französisch oder Rumänisch kursierte eine weitere, dritte Aufnahme. Auch sie zeigt uniformierte Männer, die Frauen wegbringen. Der Ort scheint derselbe wie jener in den anderen Videos zu sein.

Instagram-Screenshot der Behauptung, rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 29. September 2026

Die Aufnahmen zeigen jedoch keine Zwangsrekrutierungen von ukrainischen Frauen. Das Video stammt aus dem Kiewer Stadtteil Teremki. Dort fand am 21. September 2026 ein Protest gegen den Bau einer Leitung des Wärmenetzes statt.

Andere Aufnahmen belegen Protest-Kontext

Eine  umgekehrte Videosuche ermöglichte es AFP, Beiträge des ukrainischen Veteranen der Territorialen Verteidigungskräfte und Aktivisten Oleg Simoroz sowie der Rubrik „Life“ des ukrainischen Onlinemediums Ukrainska Pravda zu finden, die am 22. September 2026 auf X veröffentlicht wurden.

In seinen Posts beschrieb Simoroz die Frauen, die in mehreren Videos zu sehen sind, als Bewohnerinnen von Teremki, die an der Demonstration gegen den Bau der Wärmeleitung teilnahmen. Außerdem wirft er Mitgliedern des städtischen Sicherheitsdienstes vor, Gewalt gegen die Frauen angewendet zu haben. Ukrainska Pravda gab in den Beiträgen an, die Videos von Demonstrantinnen gesendet bekommen zu haben. Das Medium beschreibt den Vorfall als eine Auseinandersetzung zwischen städtischen Sicherheitskräften und Aktivistinnen bei Protesten gegen den Weiterbau des Wärmenetzes vor Ort.

X-Screenshots der Beiträge von Oleg Simoroz und Ukrainska Pravda: 29. September 2026

Mithilfe von Stichwortsuchen fand AFP außerdem mehrere Artikel ukrainischer Medien vom 21. und 22. September 2026 über diese  Demonstration. Auch diese Artikel verorten den Vorfall im Kiewer Stadtviertel Teremki, wo Anwohnerinnen und Anwohner sowie Aktivistinnen und Aktivisten dagegen protestierten, dass Bäume für den Bau des Wärmenetzes gefällt werden. „Der Konflikt brach aus, nachdem die Bauarbeiten an einem Notheiznetz wiederaufgenommen worden waren, das dazu dienen soll, die Wärmeversorgung im Falle einer Notabschaltung des Kraftwerks TEC-5 aufrechtzuerhalten“, heißt es im Artikel des ukrainischen Onlinemediums Facenews.

Die Artikel enthalten außerdem Fotos und Videos vom Schauplatz, die denselben Ort und dieselben Personen zeigen wie die online geteilten Aufnahmen mit der Falschbehauptung. Mehrere Elemente der Fotos in den Artikeln stimmen mit Details der verbreiteten Videos überein, darunter die Baustelle, die Umgebung, die Kleidung der Demonstrierenden und die Uniformen der Männer.

Die Frauen im ersten erwähnten Video – vor allem diejenige mit rotem Pullover und schwarzer Hose mit weißen Streifen sowie jene mit schwarzer Jacke und blauer Jeans – sind auch auf Aufnahmen zu sehen, die von ukrainischen Medien im Zusammenhang mit der Demonstration vom 21. September 2026 veröffentlicht wurden.

Screenshot-Vergleich eines Videos mit der Falschbehauptung (links) und eines Youtube-Videos eines ukrainischen Mediums (rechts), rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 30. September 2026

Schließlich fand AFP einen weiteren Artikel der ukrainischen Menschenrechtsorganisation Zmina vom 21. September 2026 über diese Demonstration mit mehreren Fotos des Ereignisses.

Screenshots eines Fotos auf der Website von Zmina (links) und eines X-Videos mit der Falschbehauptung (rechts), farbige Markierungen von AFP hinzugefügt: 29. September 2026

Dank mehrerer Elemente, wie etwa dem Schriftzug „Land Rover“ auf einem grauen Gebäude im Hintergrund (weiße Hervorhebung), konnte AFP den Ort lokalisieren, an dem die Videos aufgenommen wurden. Auf Google Maps stammen die verfügbaren Aufnahmen von Mai 2015, was die Unterschiede zwischen der Umgebung auf den verschiedenen Aufnahmen deutlich macht.

Die ukrainische Menschenrechtsorganisation Zmina berichtete am 22. September 2026, dass Mitarbeiter des kommunalen Sicherheitsdienstes am Tag zuvor Aktivistinnen gewaltsam vom Gelände entfernten, während Polizeibeamte und Sicherheitskräfte den Baubereich bewachten. Sie identifizierte zwei der Frauen als örtliche Aktivistinnen und Bewohnerinnen des Stadtteils Teremki, Natalia Tschernischowa und Tetiana Troschkina. Sie gaben an, in den Park gegangen zu sein, um die Bauarbeiten zu fotografieren und zu filmen.

Beide Frauen berichteten Zmina, sie seien gewaltsam vom Gelände entfernt und später ins Krankenhaus gebracht worden. Troschkina – die Frau, die in dunkler Kleidung und von vier Beamten umringt in den Aufnahmen zu sehen ist – sagte, sie sei von mehreren Mitarbeitern des kommunalen Sicherheitsdienstes von einem Baumstamm heruntergezogen und an den Händen verletzt worden. Sie erklärte außerdem, dass sie Anzeige bei der Polizei erstatten würde.

Am 23. September 2026 veröffentlichte das ukrainische Medium NV ein Interview mit Tetiana Troschkina, in dem sie als Teilnehmerin der Demonstration vorgestellt wurde. Auch darin berichtete sie, dass sie bei der Auseinandersetzung verletzt worden sei.

Wappen der Uniformen deuten auf Sicherheitsdienst hin

Die Männer in den Videos sind tatsächlich Mitarbeiter der städtischen Sicherheitsbehörde von Kiew, die während der Demonstration auf der Baustelle eingesetzt wurde.

Die Stadtverwaltung von Kiew erklärte am 21. September 2026 in einer Pressemitteilung, dass Mitarbeiter des kommunalen Sicherheitsdienstes hinzugezogen worden seien, um das Gelände zu bewachen und die Sicherheit zu gewährleisten, während eine Reserve-Wärmeleitung gebaut werde. „Die Aufgabe der Mitarbeiter des kommunalen Sicherheitsdienstes in Teremki besteht nicht darin, friedliche Versammlungen zu behindern, sondern darin, das Gelände zu schützen und gemeinsam mit Polizeibeamten die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten“, schrieb die Stadtverwaltung. Den Behörden zufolge hatten einige Demonstrierende das Baustellengelände betreten und versucht, die Arbeiten zu blockieren.

In einem Facebook-Beitrag, der nach dem Vorfall veröffentlicht wurde, teilte der kommunale Sicherheitsdienst seinerseits mit, dass seine Mitarbeiter die Baustelle am 21. September 2026 geräumt hätten, „um jegliche Gefahr für Personen zu vermeiden und die Fortsetzung der Arbeiten zu ermöglichen“.

Die braunen Uniformen der Männer in den geteilten Videos tragen ein charakteristisches Abzeichen, das jenen der Mitarbeiter des kommunalen Sicherheitsdienstes ähnelt. Auf dem rechten Ärmel befindet sich ein Abzeichen mit der ukrainischen Flagge, das auch auf zahlreichen Bildern auf den Social-Media-Kanälen der Organisation zu sehen ist. Auf dem linken Ärmel ist das schildförmige Emblem des Sicherheitsdienstes aufgenäht, mit einer Figur und der Aufschrift „Муніципальна Охорона“ („Städtischer Sicherheitsdienst“) darüber.

Die Figur ist der Erzengel Michael, der auch im offiziellen Wappen Kiews erscheint und ein flammendes Schwert sowie einen Schild mit einem Kreuz hält.

Screenshot des Wappens im Video mit der Behauptung (links) und der Website des Sicherheitsdienstes (rechts): 24. September 2026

Die Uniformen in den Videos unterscheiden sich von jenen der territorialen Rekrutierungs- und Sozialunterstützungszentren für die Ukraine (TCC), die mit der Organisation der militärischen Mobilmachung betraut sind, sowie von jenen der ukrainischen Armee. Die Männer sind somit nicht von den TCC, wie in manchen Beiträgen fälschlich behauptet.

Mobilisierung ukrainischer Frauen ist freiwillig

Nach ukrainischem Recht müssen sich Frauen mit medizinischer oder pharmazeutischer Ausbildung für den Militärdienst registrieren lassen, wenn sie tauglich für diesen Dienst sind. Frauen mit anderen Berufen, die mit militärischen Fachrichtungen zusammenhängen, können sich freiwillig registrieren l assen.

Die Registrierung bedeutet jedoch keine verpflichtende Mobilmachung. Artikel 1, Absatz 12 des Gesetzes„Über die Wehrpflicht und den Militärdienst“ besagt: „Frauen, die im Militärregister erfasst sind, können während Kriegszeiten nur auf freiwilliger Basis zum Militärdienst einberufen oder zur Arbeit herangezogen werden, die der Sicherung der Verteidigung dient.“

Am 31. Juli 2025 führte das Ministerkabinett außerdem ein aktualisiertes Verfahren ein, wodurch Frauen mit medizinischer Ausbildung automatisch in das Militärregister eingetragen werden, ohne persönlich erscheinen zu müssen. Innerhalb von 60 Tagen müssen sie jedoch in einem Rekrutierungszentrum ihre Tauglichkeit für den Militärdienst feststellen lassen. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass sie einberufen werden.

AFP hat in der Vergangenheit bereits zahlreiche Falschbehauptungen über die Ukraine widerlegt.

Fazit: Videos von Frauen, die von uniformierten Männern gewaltsam weggebracht werden, zeigen keine Zwangsmobilisierung von Ukrainerinnen. Sie stammen von Protesten gegen den Bau eines Wärmenetzes in einem Kiewer Stadtteil, wie Beiträge in sozialen Medien und Medienberichte belegen.

Fact Checker Logo

Politik, Ukraine

Autor(en): Paula CABESCU / Johanna LEHN / AFP Deutschland / AFP Rumänien

Ursprünglich hier veröffentlicht.

Nach oben scrollen