«Wann beginnt der Verfall unserer Gesellschaft?», fragen Nutzer Sozialer Netzwerke in dieser Lage. Die Antwort, behaupten sie, habe der griechische Philosoph Sokrates schon vor 2.400 Jahren gegeben: «Wenn die Dummen lauter sind als die Klugen», beginnt ihre Neun-Punkte-Liste, und sie endet mit: «Wenn Politiker nicht für das Volk leben, sondern vom Volk.» Hat Sokrates das gesagt?
Bewertung
Die angeblichen Zitate stammen nicht von Sokrates. Manche erinnern entfernt an Themen seiner Lehre, andere sind völlig frei erfunden.
Fakten
Nutzer Sozialer Netzwerke verbreiten regelmäßig echte und vermeintliche Zitate historischer Persönlichkeiten, offensichtlich als Kommentar zur Gegenwart. Die Zitierten können das nicht mehr richtigstellen, sie sind meist schon tot.
Letzteres gilt auch für den Philosophen Sokrates, der von 469 v. Chr. bis zu seiner Hinrichtung 399 v. Chr. in Griechenland lebte. Sein Denken ist vor allem dank der Schriften seiner Schüler Platon und Xenophon überliefert. Sokrates selbst hinterließ keine schriftlichen Aufzeichnungen.
Dennoch wird rund 2425 Jahre nach seinem Tod aufgezählt, was der berühmte Denker angeblich als Zeichen für den Untergang einer Gesellschaft benannt hat: «Wenn die Faulen mehr haben als die Fleißigen, wenn die Respektlosen angesehener sind als die Ehrenhaften, wenn diejenigen Moral fordern, die sie selbst nicht besitzen, wenn der Charakter weniger bedeutet als der Ruf, wenn Kinder nicht mehr erlaubt wird, Kinder zu sein, wenn die Täter mehr geschützt werden als die Opfer, wenn der Wahnsinn als „Normalität» gilt“, heißt es darin unter anderem (Schreibweise wie im Original).
Sokrates philosophierte im Gespräch
Wissenschaftler haben die Lehren des Denkers gründlich erforscht. Laien finden verständliche Informationen etwa hier und hier. Die Internet Encyclopedia of Philosophy beschäftigt sich in einem ausführlichen Beitrag in englischer Sprache mit Sokrates.
Dessen Schüler Platon hat viele Gespräche mit dem Philosophen in Frage-und-Antwort-Form aufgeschrieben – denn Sokrates philosophierte im Dialog: Er nahm die Rolle des Suchenden und Unwissenden ein; dabei entwickelte er Erkenntnisse anhand von Fragen an seinen Gesprächspartner. Zu seinen berühmtesten Zitaten gehört der (vereinfachte) Satz «Ich weiß, dass ich nicht weiß.»
Über Sokrates wissen wir, dass alle Zitierungen aus zweiter Hand stammen. Doch geben die Sharepics im Netz tatsächlich von Sokrates überlieferte Worte oder wenigstens sein Denken sinngemäß korrekt wieder? Im Internet finden sich keine Quellen für die fraglichen Zitate. Auch die Lektüre der an Zitaten reichen Verteidigungsrede (Apologie) vor seinem Todesurteil ergibt keine Bestätigung.
Behauptete Aussagen «nirgendwo zu finden»
Insbesondere die Sätze über die Kinder, über die Täter und über Wahnsinn und Normalität «haben gar nichts mit dem zu tun, was in den Texten, die wir haben, zu lesen ist», erklärt Prof. Diego De Brasi von der Universität Trier. De Brasi forscht zu philosophischer Literatur der klassischen Zeit und zur Geschichte des antiken politischen Denkens. Als Kenner seines Fachs hat er ein Buch über «Fake News im antiken Griechenland» mit herausgegeben.
Auch die übrigen sechs Sätze des Sharepics seien «in dieser Form nirgendwo zu finden», betont der Experte. Sätze wie «Wenn die Dummen lauter sind als die Klugen» oder «Wenn der Politiker nicht für das Volk lebt, sondern vom Volk» erinnerten «sehr, sehr vage an manche Formulierungen, die man in Platons Dialogen finden könnte». Allerdings müssten solche Aussagen «kontextualisiert und aus der spezifischen platonischen Perspektive interpretiert werden».
In Platons Denken sei zentral, «dass philosophisches Wissen und ein moralisch einwandfreies Leben essenzielle Merkmale des guten Politikers sein müssen», sagt De Brasi. Das Ziel des wahren Politikers müsse darin bestehen, «die Polis (den Staat) zu einen und das Glück aller Bürger zu implementieren». Diese Aspekte hätten mit den «Pauschalisierungen» in dem Facebook-Post «kaum etwas gemeinsam».
Bei Platon gehe es «hauptsächlich darum, dass jede Person sich nur zu Problemen äußern sollte, zu denen sie eine fundierte Expertise aufweisen kann». Und Politiker sollten «die Interessen der politischen Gemeinschaft als Ganzes und nicht jene von einzelnen Gruppierungen im Blick haben dürfen».
Sokrates‘ Thema ist nicht der Untergang
Es geht in Sokrates‘ Gesprächen, so wie Platon sie überliefert hat, auch nicht um den Untergang der Gesellschaft. Vielmehr drehen sich die Überlegungen um den Wechsel von einer Verfassungsform in die andere – also von der idealen Verfassung über Aristokratie, Oligarchie und Demokratie bis hin zur Tyrannis. Dabei gehe es Platon vor allem um die unterschiedliche moralische Verfassung etwa des «tyrannischen Menschen», der viel unglücklicher sei als der von Moral und Vernunft geleitete «philosophische Mensch».
Zu ähnlichen Facebook-Posts stellte De Brasi bereits im Frühjahr 2026 zusammenfassend fest: «Hier werden im Grunde komplexe Thesen, die in antiken Texten formuliert werden, extrem vereinfacht, als vage und pauschalisierende Aussagen präsentiert (die allerdings nirgendwo in dieser Form zu finden sind) und mit anderen Aussagen vermischt – mit dem Ziel der Manipulation antiken Gedankengutes.»
Sokrates wurde 399 v. Chr. der Gottlosigkeit beschuldigt und vor einem Athener Gericht angeklagt, die Jugend verblendet zu haben. Er wurde zum Tode verurteilt – und zwar zum Trinken des noch heute bekannten Schierlingsbechers: In dessen Wasser war ein Pulver der Gefleckten Schierlingspflanze gemischt. Das Gift verursachte Atemlähmung und das Ersticken bei vollem Bewusstsein. Eine Möglichkeit zur Flucht hatte Sokrates nicht genutzt.
(Stand 23.9.2026)
