Im deutschsprachigen Raum verbreitet sich daraus vor allem eine Information: Insgesamt seien angeblich 250.000 Mädchen zu Opfern geworden. In vielen Beiträgen wird diese Zahl als Tatsache genannt. Auf X ist zum Beispiel von «250.000 vergewaltigten Mädchen in Großbritannien» die Rede. Die AfD schreibt auf Instagram: «Großbritannien: 250.000 Mädchen von Migranten missbraucht!» Doch gibt es für dieses erschreckende Ausmaß auch Belege, zum Beispiel in Lowes Bericht?
Bewertung
Nein. Die Zahl ist eine geschätzte Angabe eines anderen britischen Politikers aus dem Jahr 2018. Wie genau sie ermittelt wurde, ist nicht bekannt. In öffentlichen Untersuchungen zu Grooming-Gangs finden sich keine Belege für diese Zahl.
Fakten
Rupert Lowe ist Abgeordneter im britischen Unterhaus und vertritt dort die rechte Partei Restore Britain. Im Juni 2026 hat er einen Bericht veröffentlicht: Darin hat er Informationen und Behauptungen unter anderem zu sogenannten Grooming-Gangs, also zum Missbrauch Minderjähriger durch organisierte Gruppen, laut Lowe «hauptsächlich pakistanische Muslime», zusammengetragen.
Lowe spricht von den Ergebnissen einer sogenannten «Inquiry» (auf Deutsch etwa «Untersuchung»). Public Inquiries sind in Großbritannien übliche öffentliche Untersuchungen zu gesellschaftlichen oder politischen Kontroversen. Sie werden von staatlichen Stellen in Auftrag gegeben. Die berufenen Mitglieder haben in manchen Fällen etwa das Recht, Zeugen vorzuladen.
Für Lowes Untersuchung gilt das alles aber nicht. Die Autoren des Berichts handeln im eigenen Auftrag und beziehen sich in dem mehr als 200-seitigen Dokument vor allem auf öffentliche Quellen. So auch bei der Angabe, dass 250.000 Mädchen Opfer von «Rape Gangs» geworden seien. Diese findet sich an mehreren Stellen in dem Dokument.
Zahl wurde aus Wortbeiträgen im Parlament übernommen
Mit einer Fußnote weist Lowe darauf hin, dass die Zahl nicht von ihm selbst ermittelt wurde, sondern von einem Mitglied des britischen Oberhauses stammt, eine der beiden Parlamentskammern. Verlinkt ist die Mitschrift einer Rede von Malcolm Pearson, der im Mai 2019 von «250.000 Opfern von radikal-muslimischen Grooming-Gangs» sprach.
An anderer Stelle zitiert der Bericht Pearson wörtlich: «Es scheinen in diesem Jahrhundert mehr als 250.000 junge weiße Mädchen vergewaltigt worden zu sein, zum großen Teil von muslimischen Männern, über Jahre und meist mehrere Male an einem Tag.» Hier wird auch erläutert, wie Pearson auf die Zahl gekommen sein will: «[…] wenn wir den Jay-Bericht über Rotherham und andere Berichte aus Telford und Oxford landesweit extrapolieren», also hochrechnen.
In Lowes Bericht hat das Zitat jedoch eine falsche Quellenangabe. Verwiesen wird auf dieselbe Rede aus dem Jahr 2019. Tatsächlich stammen die Sätze aus einer Frage Pearsons an die britische Regierung vom 22. Oktober 2018.
Pearsons Rechenmethode bleibt schleierhaft
Die britische Faktencheck-Seite «Full Fact» prüfte Pearsons Angaben bereits Anfang 2025, nachdem seine Rede vom Rechtsextremisten Tommy Robinson auf der Plattform X verbreitet worden war. «Full Fact» kam zu dem Schluss, dass unklar sei, wie die Zahl errechnet worden sei. Eine «nationale Hochrechnung von einem oder mehreren Orten» beruhe immer auf der «möglicherweise unsicheren Annahme», dass es solche Berichte und Verbrechen landesweit im ähnlichen Umfang gebe.
Auf eine Anfrage von «Full Fact» habe Pearson nicht geantwortet. Auch auf eine schriftliche Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) im Juni 2026 reagierte der Politiker nicht. In anderen Untersuchungen zu Grooming-Gangs findet sich die Zahl nicht.
Im «Rape Gang Inquiry Report» heißt es, die Hochrechnung sei «nun besser belegt durch mehr Daten» aus weiteren Städten. Auch ist von der Multiplizierung mit einem «extremen Untererfassungs-Faktor» die Rede. Detaillierte Angaben zu den verwendeten Zahlen fehlen. Trotz all dieser Unklarheiten heißt es, die Gesamtzahl erreiche «als absolutes Minimum die Schwelle von 250.000».
Unklar bleibt auch, welche Zeitspanne die Zahl genau beschreiben soll. In Lowes Bericht werden verschiedene Zeiträume vermischt. So geht es in der einleitenden Zusammenfassung um «Jahrzehnte» und einzelne Fälle von Missbrauch durch pakistanische Täter schon in den 1950er Jahren. Pearsons Zahl von 250.000 wird aber auch mit der Angabe «in diesem Jahrhundert» zitiert, mit der ein Zeitraum ab dem Jahr 2000 gemeint sein muss.
1.400 minderjährige Opfer in der Stadt Rotherham
Der sogenannte Jay-Report beschäftigte sich mit einem System von Missbrauch und sexueller Ausbeutung in der nordenglischen Stadt Rotherham. Die Professorin Alexis Jay beschrieb im Jahr 2014, wie in der Stadt ab dem Jahr 1997 «konservativ geschätzt» rund 1.400 Minderjährige missbraucht und unter anderem zur Prostitution gezwungen wurden. Die Täter hatten überwiegend pakistanische Wurzeln. Jay schrieb, es sei ein Fehler gewesen, nicht öffentlich zu thematisieren, dass ein Großteil der bekannten Täter aus Pakistan stamme.
Es gibt seitdem in Großbritannien immer wieder Kritik, dass Polizei, Justiz und Politik das Thema über viele Jahre nicht ernst genommen und den Migrationshintergrund vieler Täter bewusst verschwiegen hätten. Auch aus anderen Teilen Großbritanniens gibt es Berichte über Grooming-Gangs und Urteile der Justiz gegen Mitglieder. Im Jahr 2025 kündigte die britische Regierung eine neue Untersuchung an, nachdem die Opposition und rechte Aktivisten Druck aufgebaut hatten und das System der Grooming-Gangs erneut öffentlich diskutiert wurde.
Weitere Zahlenangabe im Bericht ist ein Falschzitat
Beim «Rape Gang Inquiry Report» von Rupert Lowe handelt es sich aber nicht um diese öffentliche Untersuchung. Der Bericht enthält weitere unbelegte Angaben. An zwei Stellen ist davon die Rede, dass 95 Prozent der Täter Muslime seien. Die Zahl geht aber nur auf nicht weiter belegte Aussagen des islamischen Theologen Taj Hargey zurück, der 2025 ein Interview zu dem Thema gegeben hatte.
Er wird zudem falsch zitiert. Tatsächlich sagte Hargey: «Nahezu jede Person in diesen Grooming-Gangs im ganzen Land ist muslimisch. Sie können zu 95 Prozent pakistanisch sein, aber alle von ihnen sind Muslime.» Quellen für seine Einschätzung nannte er nicht.
Im Jahr 2022 erschien ein weiterer Untersuchungsbericht zu sexuellem Missbrauch von Kindern in England und Wales. In Auftrag gegeben hatte ihn das britische Unterhaus. Darin war von einer «Epidemie» die Rede. Die Autoren schreiben, dass laut offiziellen Schätzungen mehr als 3 Millionen Erwachsene in den beiden Landesteilen in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren hätten.
In dem Bericht geht es aber nicht allein um Grooming, sondern um verschiedene Formen von Missbrauch, zum Beispiel auch im kirchlichen Umfeld. Die erneut beteiligte Professorin Jay beklagte später, dass die Politik die Handlungsempfehlungen aus dem Bericht nur langsam umsetze.
(Stand: 25.6.2026)
