Der Südwestrundfunk (SWR) soll ein bekanntes Antikriegslied von Reinhard Mey aus seiner jährlichen Hitparade geworfen haben: Dieser Vorwurf wird in Artikeln, Blog-Beiträgen und in den sozialen Netzwerken verbreitet. Der Titel «Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht» aus dem Jahr 1986 wurde angeblich «gecancelt» und nicht mehr in der jährlichen Hitparade des Radiosenders SWR 1 berücksichtigt. Auch eine angebliche Begründung wird genannt: Der SWR habe demnach auf «die aktuelle weltpolitische Lage» verwiesen. Das Lied könne als «Friedenskitsch» missverstanden werden und stehe «im Widerspruch zu Waffenlieferungen an die Ukraine». Stimmen die Vorwürfe gegen den Sender und hat der SWR sich wirklich so geäußert?
Bewertung
Falsch. Der SWR hat das Lied von Reinhard Mey nicht aus der Hitparade genommen – lediglich aus den Vorschlägen. Durch Einreichungen von Hörern war es trotzdem Teil der Hitparade und stand am Ende auf Platz 12. Die angeblichen Begründungen und des Senders und deren Wortlaut sind offenbar frei erfunden.
Fakten
Bei der SWR-1-Hitparade können Hörerinnen und Hörer des Senders aus Baden-Württemberg jedes Jahr über ihre Lieblingslieder abstimmen. Darunter sind viele Klassiker, zum Beispiel von Liedermacher Reinhard Mey. Doch im Oktober 2025 kam während der Abstimmung Kritik am Sender auf: Angeblich dürfe Meys Antikriegslied «Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht» nicht mehr Teil der Hitparade sein.
Doch der SWR weist das zurück. Man habe das Lied nicht gesperrt und es habe die gesamte Zeit über gewählt werden können. In der Hitparade erreichte es am Ende den zwölften Platz und wurde laut Sender am 24. Oktober im Programm gespielt.
SWR spricht von Manipulationsverdacht
Worauf aber beziehen sich dann die Vorwürfe? Dem SWR zufolge haben sie mit dem Abstimmungsmodus zu tun. Denn in einer Vorschlagsliste wurde das Lied nicht mehr aufgeführt – was von einigen offenbar als Streichung aus der Hitparade aufgefasst wurde. Tatsächlich aber, so der SWR, ließ sich Meys Lied weiterhin händisch eingeben und so in die Hitparade wählen. Die Vorschlagsliste sei keine Nominiertenliste des Senders, sondern eine «Eingabehilfe» mit «Titeln des typischen SWR1-Sounds und aus „traditionellen“ Hitparadensongs».
Meys «Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht» sei aus dieser Vorschlagsliste genommen worden, weil man Manipulationsversuche festgestellt habe, so der Sender: «Wenn wir eine auffällige Häufung von Einzel-Stimmen für ein und denselben Titel mit eng aufeinander folgenden Zeitstempeln von beispielsweise Wegwerf-E-Mail-Adressen bemerken, nehmen wir diesen Titel aus der automatischen Vorschlagsliste.»
Meys Lied von 1986 hat zuletzt unter anderem aufgrund der Wehrpflicht-Debatte in Deutschland wieder viel Zuspruch erhalten. Der Titel wird auch von anderen Künstlern zitiert, etwa in einem Album des Rappers Disarstar.
Angebliche Begründungen sind erfunden
Die Streichung des Songs aus der Hitparade hat es also nicht gegeben. Doch wie erklären sich dann Artikel und Social-Media-Beiträge, wonach der SWR ja sogar eine politische Begründung für die vermeintliche Mey-Verbannung geliefert habe? In seiner Stellungnahme schreibt der SWR, dass man das Lied nicht als «Friedenskitsch» bezeichnet oder mit Waffenlieferungen in die Ukraine in Zusammenhang gebracht habe. Suchen im Netz und auf der Seite des SWR zeigen ebenfalls keine Treffer.
Eine erste Erwähnung dieser Begriffe findet sich aber in einem Facebook-Beitrag vom 20. Oktober. Darin ist davon die Rede, dass der SWR auf die «weltpolitische Lage» und den Krieg in der Ukraine verwiesen habe. Doch das ist offenbar frei erfunden. Die Formulierung «Friedenskitsch» wiederum stammt dem Posting zufolge aus nicht genau beschriebenen «Diskussionen» über die vermeintliche SWR-Entscheidung. In anderen, späteren Veröffentlichungen wird der «Friedenskitsch» dann als SWR-Formulierung dargestellt – was er nicht ist.
Auf Nachfrage der dpa schreibt der Autor des Facebook-Beitrags, dass die Angaben zu der angeblichen Begründung durch den SWR aus der Antwort eines KI-Tools von Google stammen. Chatbots und KI-Anwendungen können fehlerhafte Antworten liefern und neigen zu sogenannten Halluzinationen.
(Stand: 31.10.2025)
