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Keine große Bauerndemo in Berlin vor Weihnachten

«Bauern vor dem Kanzleramt», verkündet die Seite «Deutschland Aktuell» auf Facebook. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) müsse zurücktreten. «Während sich Hunderttausende auf den Straßen versammeln, um gegen das umstrittene Mercosur-Abkommen zu protestieren, droht eine explosive Konfrontation zwischen der Landwirtschaft und der Politik», heißt es dort und ein verlinkter Artikel schmückt die Behauptung weiter aus. Alarmstimmung also mitten in der Hauptstadt kurz vor Weihnachten? Mitnichten.

Bewertung

Vor dem Berliner Kanzleramt demonstrieren in der Weihnachtszeit 2025 keine Landwirte. Die nächste Bauerndemo ist für Mitte Januar angekündigt und richtet sich nicht gegen das Mercosur-Abkommen.

Fakten

Das Aktionsbündnis «Wir haben Agrarindustrie satt!» und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) haben zu Protesten am 17. Januar 2026 in Berlin aufgerufen. Bis dahin sieht die lange Liste der angemeldeten Demonstrationen und Versammlungen in der Hauptstadt keine Bauernproteste vor.

Die angekündigten Proteste richten sich auch nicht gegen das Handelsabkommen der EU mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten. Vielmehr geht es um eine bessere Förderung von Umwelt-, Klima- und Tierschutz in der Landwirtschaft. Das Aktionsbündnis will den Einfluss der Agrarindustrie zurückdrängen und faire Preise für die Erzeuger und Erzeugerinnen, gutes Essen für alle sowie eine artgerechte Tierhaltung erreichen. Eine ähnliche Demonstration hatte es schon Anfang 2025 gegeben.

In den Tagen vor Weihnachten gab es keinerlei Bilder oder Berichte von Bauernprotesten in Berlin. Dass «Hunderte Traktorenkolonnen aus dem gesamten Bundesgebiet» auf dem Weg zum Kanzleramt seien, wie es der verlinkte Artikel behauptet, wird nirgendwo sonst berichtet. Auch die Webcam, die vom Hotel Adlon Richtung Brandenburger Tor blickt, zeigt keinen einzigen Traktor oder Polizeieinsatz im Umfeld des Bundeskanzleramts.

Ein gefälschtes Bild als Beleg

Aber in dem Facebook-Post von «Deutschland Aktuell» sieht man doch protestierende Bauern? Ja, aber das Bild ist gefälscht. Die Szene wurde offensichtlich mit Künstlicher Intelligenz (KI) geschaffen. Dafür gibt es mehrere Hinweise:

– Ein Bilderrückwärtssuche führt zu keinem übereinstimmenden Ergebnis. Das ist bei einem solchen Bild, das während viel beachteter Proteste entstanden sein soll, sehr ungewöhnlich.

– Zwar ähneln die abgebildeten Traktoren dem Modell T8 des Herstellers New Holland. Dessen Fahrzeuge sind jedoch stets blau lackiert.

– Beim grünen Traktor in der Mitte sind die größeren Räder der Hinterachse nicht zu sehen. Das Nummernschild am Dach ist zu lang und zeigt keine lesbare Schrift – ein häufiges Problem bei KI-generierten Abbildungen.

– Die abgebildeten Gebäude stehen weder in Brüssel noch zeigen sie das Bundeskanzleramt in Berlin, das völlig anders aussieht.

Ein Video und die Spur nach Vietnam

Ein Video mit gleichlautenden Behauptungen zeigt einen Zusammenschnitt alter und teilweise zusammenhangloser Clips. Nach Symbolbildern und Zitaten anonymer Bauern wirbt der Film für die AfD und setzt dem Höfesterben die Ukrainehilfen gegenüber.

Die Facebook-Seite «Deutschland Aktuell» hat solche Videos schon zuvor aufgegriffen und ist entsprechend mit Falschangaben aufgefallen. Wer sich zu den Seiteninfos durchklickt, erfährt, dass dieses Profil den Facebook-Angaben zufolge von Administratoren in Vietnam verwaltet wird. Erst seit Mitte November firmiert die Seite als «Deutschland Aktuell», ursprünglich hieß sie demnach «Aficionados del Carlos Sainz».

Die Produktion solcher Profile in sozialen Netzwerken von oft falschen und polarisierenden Beiträgen ist inzwischen zu einem weltweiten Phänomen geworden. Häufig sitzen die Verbreiter solcher zweifelhaften Beiträge dabei in Billiglohnländern.

Davon abgesehen sind Bauernproteste in näherer Zukunft durchaus möglich – bereit seien die Landwirte, teilte die Organisation «LSV Deutschland e.V. – Landwirtschaft verbindet Deutschland» im Dezember mit, und forderte faire Preise für Erzeuger und im Handel gerade auch angesichts von Freihandelsabkommen.

(Stand: 23.12.2025)

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Politik, Gesellschaft

Autor(en): dpa

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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