In ihrem Telegram-Kanal schreibt Lipp, Epstein sei im Februar 2019 in Kiew gewesen – einen Monat bevor Selenskyj im März die Präsidentschaftswahl im März gewann. Zudem habe sich Selenskyj angeblich «zum Mittagessen mit Epstein» direkt nach seinem Wahlsieg getroffen. Dazu verbreitet Lipp mehrere Screenshots von E-Mails und Chatverläufen, die aus den nun veröffentlichten Dateien stammen und die Behauptungen beweisen sollen. Doch belegen die gezeigten Dokumente wirklich ein gemeinsames Mittagessen?
Bewertung
Nein, der Chatverlauf ist kein Beleg für ein Treffen oder Mittagessen zwischen Jeffrey Epstein und Wolodymyr Selenskyj. Die Nachricht stammt von einer Person, die sich selbst als «Miro» bezeichnet. Einiges deutet darauf hin, dass es sich dabei um den slowakischen Ex-Außenminister Miroslav Lajcak handelt. Es lassen sich keine Belege für ein direktes Treffen zwischen Selenskyj und Epstein finden.
Fakten
Der Post enthält tatsächlich vier Screenshots von Unterlagen aus den veröffentlichten Epstein-Ermittlungsakten. Auf der Webseite des US-Justizministeriums gibt es eine Funktion, mit der sich ein Teil der freigegebenen Dateien durchsuchen lässt.
Nach Euromaidan: Epstein wollte wohl über Geschäfte sprechen
Screenshot 1 zeigt eine Mail von Jeffrey Epstein vom 18. März 2014 – gesendet kurze Zeit nach den Maidan-Protesten in der Ukraine, die die Flucht des prorussischen damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch ins russische Exil zur Folge hatten. «Umbruch in der Ukraine sollte viele Chancen bieten, viele», schrieb Epstein und bezog sich wohl auf potenzielle Geschäftsmöglichkeiten.
Die Mail war an zwei damalige Funktionäre der im Finanzwesen tätigen Schweizer Privatbank-Gruppe Edmond de Rothschild adressiert: Olivier Colom, ein ehemaliger diplomatischer Berater und 2014 Mitglied im Exekutivkomitee, sowie Ariane de Rothschild, heutige Chefin der Gruppe. Screenshot 2 zeigt eine Antwort von de Rothschild an Epstein am selben Tag. Selenskyj wird in keiner der beiden Mails erwähnt.
Assistentin buchte Hotelzimmer in Kiew offenbar für weiblichen Gast
Der dritte Screenshot zeigt eine Mail, die von einem Mailkonto von Epstein am 8. Februar 2019 an Selbiges geschickt wurde: «8. Februar 2019: Aufenthalt im Hyatt Regency Kyiv» – die Mail erweckt den Eindruck einer automatischen Terminerinnerung. Der Aufenthalt fällt in die Zeit vor der Präsidentschaftswahl in der Ukraine im Jahr 2019. Aus dem ersten Wahlgang am 31. März und der folgenden Stichwahl am 21. April ging Wolodymyr Selenskyj als Sieger hervor. Die Mail allein belegt jedoch kein Treffen zwischen Selenskyj und Epstein.
Es ist zudem fraglich, ob Epstein überhaupt selbst diese Reise unternahm: Über den Hotelnamen lassen sich in den freigegebenen Unterlagen E-Mails von Lesley Groff finden, die als Epsteins langjährige Assistentin gilt. E-Mail-Nachrichten vom 6. Februar 2019 zufolge wandte sich Groff an das Hotel, um mit einer Bankkarte von Epstein die Bezahlung für einen Gast zu übernehmen. Die Wortwahl «Ankunft in Ihrem Hotel am Freitag, 8. Februar… Sie reist am Sonntag, 10. Februar, ab» deutet auf einen einzigen weiblichen Gast hin. Der Name ist allerdings geschwärzt.
Chatnachricht zu Treffen mit Selenskyj stammt nicht von Epstein
Als Beleg für das angebliche Mittagessen soll der vierte Screenshot dienen: Er zeigt einen Ausschnitt aus einem Chatverlauf aus Apples Messenger-App iMessage zwischen zwei Personen. Eine Nachricht vom 10. Juni 2019 lautet: «Übrigens: Ich treffe diesen Donnerstag Selenskyj» (Original auf Englisch: «Btw, I’m visiting Zelensky this Thursday»).
Im Original-Dokument sind die beiden Teilnehmer (orangefarbener und violetter Avatar) des Chats zwar geschwärzt. Aus weiteren Unterlagen geht hervor, dass es sich bei dem orangen Chatteilnehmer wohl um Epstein handelt: So lassen sich über den Wortlaut mehrerer Nachrichten chronologische Protokolle aller eingehenden und ausgehenden Chats finden, die offenbar von Epsteins Smartphone stammen. Nachrichten des orangefarbenen Teilnehmens wurden demnach von der Mail «[email protected]» gesendet – offenbar ein weiteres Mailkonto von Jeffrey Edward Epstein (Initialen «JEE»).
Der violette Chatteilnehmer, der «am Donnerstag Selenskyj» trifft, geht aus den Protokollen nicht direkt hervor. Es handelt sich dabei aber offensichtlich nicht um Epstein: Die erste Nachricht aus dem Verlauf signierte der Chatpartner mit «Best Miro». Eine Suche nach «Best Miro» in den veröffentlichten Unterlagen ergibt: Auch der slowakische Ex-Außenminister Miroslav Lajcak signierte Nachrichten mit «Best Miro». Dazu passt seine Einladung nach Bratislava, wann immer er zu Hause sei.
Nach der jüngsten Veröffentlichung von Epstein-Akten hat Lajcak seinen Rücktritt als Regierungsberater erklärt. Er war von 2009 bis 2010 und noch einmal von 2012 bis 2020 Außenminister. Lajcak war nach eigenen Angaben am 13. Juni 2019 (Donnerstag) in der Ukraine.
Dass es hier um ein Mittagessen zwischen Selenskyj und Epstein gehe, ist eine Fehlinterpretation: Wie aus dem gesamten Chatverlauf hervorgeht, wollte Epstein ein Essen mit Chatpartner «Miro» vereinbaren. So schrieb er zuvor: «Terje hat gefragt, ob du am 20. zum Abendessen nach Paris kommen würdest. Mit Thjornborn.». Darauf antwortete «Miro» unter anderem: «Ich könnte am Sonntag, dem 16., zum Mittagessen», bevor er beiläufig sein Treffen mit Selenskyj erwähnte. Aus dem weiteren Verlauf wird deutlich, dass die Chatteilnehmer dann ein Treffen für Sonntag, den 16. Juni 2019, in Paris vereinbarten. An dem Tag meldete sich «Miro» nach seiner Landung bei Epstein.
Keine Hinweise auf direkte Verbindung
Ein Beweis für ein direktes Treffen oder Mittagessen zwischen Selenskyj und Epstein ist also auch dieser Chatverlauf nicht. Es lassen sich keinerlei Hinweise oder Medienberichte über ein Treffen von Epstein und Selenskyj nach der Präsidentschaftswahl 2019 finden. Der Name von Wolodymyr Selenskyj taucht bei einer Suche nach der englischen Schreibweise («Zelensky») in den Unterlagen vor allem in Newsletter-Mails oder FBI-internen Presse-Updates auf.
Epstein interessierte sich aber offensichtlich für die politischen Entwicklungen in der Ukraine. Er bat in einem Chat am 23. April 2019 um Einschätzungen zu dem Wahlergebnis. In einem weiteren Chat vom 30. April 2019 gab Epstein an, jemanden aus der Ukraine getroffen zu haben – um wenn es sich dabei handelte, geht aus dem Verlauf nicht hervor. In beiden Fällen deutet einiges darauf hin, dass es sich um Nachrichten zwischen Lajcak und Epstein handelt.
Zudem erwähnte Epstein Selenskyj in einem Chat am 6. Mai 2019 mit dem bekannten US-Ökonom Larry Summers. Etwas später, am 23. Mai 2019, forderte er in einem anderen Chat eine unbekannte Chatpartnerin auf, sich mit der ukrainischen Politik zu befassen.
Die reine Nennung oder Abbildung einer Person in den Akten ist noch kein Beweis für ein Fehlverhalten. Die Sichtung der Dateien dauert an. Nach Angaben des US-Justizministerium enthalten die Unterlagen aus den Ermittlungsakten mehr als drei Millionen Seiten an Dokumenten sowie Tausende Videos und Fotos.
(Stand: 6.2.2026)
