Bewertung
Falsche oder unbelegte Angaben. In Deutschland etwa finden sich in der Polizeilichen Kriminalstatistik zum Teil andere Zahlen. Die Ländervergleiche haben aus weiteren Gründen kaum Aussagekraft.
Fakten
In einem Video auf Instagram blendet eine Frau eine angebliche «Vergewaltigungsstatistik» für England und Wales, Deutschland, Frankreich sowie Polen ein. Gegenübergestellt werden jeweils Zahlen für die Jahre 2000 und 2023. Dreimal steigen die Zahlen dem Anschein nach stark an, zum Beispiel in Deutschland von 8.133 auf 39.029. Nur in Polen seien sie gesunken, von 2.399 auf 1.127.
Eine Quelle wird für die Zahlen nicht genannt. Man muss sich also zum Beispiel in nationalen Kriminalstatistiken auf die Suche begeben. Der Reihe nach:
- Die Zahl 8.133 taucht in der deutschen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) im Zusammenhang mit Sexualdelikten im Jahr 2005 (Download) auf, nicht im Jahr 2000. Sie zeigt die erfassten Straftaten des Teilbereichs Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. In der PKS haben sie den sogenannten Straftatenschlüssel 111000. Im Jahr 2000 waren darunter 7.499 Fälle verzeichnet worden (Download).
- Die Zahl 39.029 findet sich tatsächlich in der PKS für das Jahr 2023 (Download). Sie gibt die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung an (Schlüssel 110000).
Zahlen beziehen sich auf verschiedene Teilbereiche der PKS
Doch diese sind nicht gleichzusetzen mit Vergewaltigungen. Unter den Schlüssel fallen zum Beispiel auch sexuelle Belästigungen. «Der PKS-Schlüssel 111000 ist ein Unterschlüssel des PKS-Schlüssels 110000», schrieb das Bundeskriminalamt bereits im Jahr 2025 auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die im Video verwendete Kategorie aus dem Jahr 2005 (nicht: 2000) ist also nur ein Teilbereich der anderen. Schon das kann eine Erklärung für die Größenunterschiede sein.
Nicht berücksichtigt werden in dem Vergleich außerdem mögliche Gesetzesänderungen in dem genannten Zeitraum. Der Schlüssel 111000 (Vergewaltigung und sexuelle Nötigung) wurde laut BKA in den Jahren 2017 und 2018 verändert und erweitert. Ein Vergleich sei deshalb nur eingeschränkt möglich, so die Behörde auf dpa-Anfrage. Über lange Zeiträume hinweg können sich außerdem gesellschaftliche Rahmenbedingungen und die Bereitschaft, eine Straftat zur Anzeige zu bringen, verändern.
Fazit für die in dem Video gezeigten deutschen Zahlen: Nicht nur sind sie fehlerhaft und zum Beispiel falschen Jahren zugeordnet. Durch unterschiedliche Straftatenschlüssel und Änderungen im Strafrecht sind sie auch nicht miteinander vergleichbar.
Ungereimtheiten bei den Angaben zu Polen
Für Polen lässt sich zumindest für das Jahr 2023 eine offizielle Zahl finden, die grob jener im Video (1.127) entspricht. Die dortige Polizei registrierte in jenem Jahr 1.114 Vergewaltigungen nach Artikel 197 des Strafgesetzbuches.
Von 1.127 Fällen ist in einer wissenschaftlichen Untersuchung die Rede. Allerdings geht es dabei um das Jahr 2018 und konkret um Fälle von Vergewaltigung, bei denen ein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte. Eine genaue Quelle dafür nennen die Verfasser der Studie nicht.
Woher die Zahl für Polen aus dem Jahr 2000 stammt, bleibt unklar. Dass es in dem Land tatsächlich einen Rückgang bei Vergewaltigungen gegeben hat, lässt sich also nicht abschließend prüfen.
Nationale Statistiken umfassen unterschiedliche Straftaten
Zu Vergewaltigungen werden in Polen keine Fälle etwa von sexueller Belästigung oder Nötigung hinzugezählt, während sie in Deutschland bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung inkludiert sind. Die Rechtssysteme der beiden Länder sind nicht identisch. Der Vergleich ist also auch deshalb völlig haltlos.
Die im Video gezeigten Zahlen stammen überwiegend aus Polizeistatistiken. Sie geben Auskunft darüber, wie oft die genannten Sexualdelikte zur Anzeige gebracht wurden. Unberücksichtigt bleibt bei diesen sogenannten Eingangsstatistiken das Dunkelfeld, also Straftaten, von denen die Polizei nie erfährt.
Die Europäische Frauenlobby, der Dachverband Hunderter Frauenorganisationen aus den EU-Mitgliedstaaten, schrieb im Jahr 2013 über Polen: «Eine derart geringe Zahl gemeldeter Vergewaltigungen (für ein Land mit 38 Millionen Einwohnern) spiegelt nicht die harte Realität wider.» Damals wurde vermutet, «dass Frauen die Straftat aus Gründen wie einem übermäßig aufwendigen Verfahren und einem unzureichenden System der Wiedergutmachung für die Opfer nicht anzeigen». Die polnische Polizei schrieb Anfang 2025, die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen bleibe weiterhin ein Problem.
(Stand: 9.10.2026)
