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Alle Lebensmittel mit Insekten werden gekennzeichnet

Die Meldungen dazu haben in den vergangenen Tagen hohe Wellen geschlagen: Insekten als zugelassene Lebensmittel in der EU. Dass so ein Thema neben vielen richtig kolportierten Fakten auch einige Falschinformationen mit sich bringt, ist nicht verwunderlich. So wurde in sozialen Medien oftmals vor unzureichend oder gar nicht gekennzeichneten Lebensmitteln gewarnt, ebenso vor fehlenden Allergenhinweisen (1,2).

Einsch├Ątzung: Kein Insekt darf – in welcher Form auch immer – ungekennzeichnet in EU-Lebensmitteln verarbeitet werden. Zudem m├╝ssen Produkte, die komplett oder auch nur zum Teil aus Insekten bestehen, auch mit entsprechenden Allergenhinweisen versehen werden. Beides ist in den entsprechenden Verordnungen klar geregelt.

├ťberpr├╝fung: Rund zwei Milliarden Menschen weltweit essen laut der Ern├Ąhrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen Insekten (3). In der EU gelten die Tiere trotzdem als neuartige Lebensmittel und unterliegen daher der Novel Food Verordnung (4), die 1997 verfasst und 2015 um Insekten erg├Ąnzt wurde (5). Per Definition z├Ąhlen dazu Nahrungsmittel, „die vor dem 15. Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang in der Europ├Ąischen Union f├╝r den menschlichen Verzehr verwendet wurden.“

Mit der Aufnahme in diese Liste wurde gesichert, dass die Inverkehrbringung von Insekten als Nahrungsmitteln h├Âchsten Auflagen und Qualit├Ątsstandards entsprechen muss (6). EU-Konsumenten k├Ânnen sich deshalb darauf verlassen, dass ihnen diese Lebensmittel nicht schaden. Daf├╝r sorgen etwa auch Studien und Verordnungen wie die vergangene Woche erlassenen.

Christoph Thomann, CEO und Gr├╝nder der Firma Zirp Insects GmbH (7), kennt die Sorgen der Konsumenten. Nach rund zehn Jahren Besch├Ąftigung mit der Thematik wei├č er: „70 Prozent der Menschen (8) haben Angst, wenn sie das Wort ‚Insekten‘ h├Âren.“ Diese Angst m├╝sse ihnen genommen werden, sobald Insekten in Lebensmittel eingearbeitet werden. Daf├╝r, das zu tun, gibt es f├╝r Thomann „etliche Gr├╝nde“. Allen voran sind Insekten verh├Ąltnism├Ą├čig ressourcenschonend (9), zudem laut Zirp die „beste tierische Proteinquelle“ (10).

Dass Insekten im Ganzen oder in verarbeiteter Form innerhalb der EU verkauft werden d├╝rfen, ist nicht erst seit Ende J├Ąnner 2023 der Fall. Laut Thomann ist das „im ganzen EU-Raum seit sp├Ątestens 2021 erlaubt (11) und in einigen EU-L├Ąndern wie Deutschland, aber auch ├ľsterreich schon seit 2015“ (12,13).

Anfangs durften sie demnach nur im Ganzen f├╝r Lebensmittel verwendet werden, seit 2021 auch in verarbeiteter Form. Urspr├╝nglich waren ganze Insekten f├╝r den Europ├Ąischen Gerichtshof keine neuartigen Lebensmittel, seit 2018 m├╝ssen auch diese den entsprechenden Genehmigungsprozess durchlaufen (14).

Auf das laut Verordnung „teilweise entfettete Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille)“ kam der Novel-Food-Antrag vom vietnamesischen Unternehmen Cricket One Co. Ltd am 29. Juli 2019 (15). „Dieser wurde genehmigt, weshalb es zu der ├änderung in der EU-Verordnung gekommen ist“, schreibt Thomann der APA – Austria Presse Agentur. Den Antrag auf Genehmigung des Inverkehrbringens von „Larven von Alphitobius diaperinus (Getreideschimmelk├Ąfer) in gefrorener, pastenartiger, getrockneter und pulverisierter Form“ stellte das niederl├Ąndische Unternehmen Ynsect NL B.V. am 7. J├Ąnner 2018 (16).

Schon bisher mussten Anbieter von Produkten mit Insekten als Zutaten diese entsprechend kennzeichnen. „Die Angst, dass Grillenmehl jetzt unwissentlich in Lebensmittel beigemischt wird, ist unbegr├╝ndet“, erkl├Ąrt Thomann dazu. Daniela Krehl vom Verbraucherschutz Bayern best├Ątigte dies gegen├╝ber dem Focus (17): „Was als neuartiges Lebensmittel zugelassen ist, muss als Zutat auf der Zutatenliste erscheinen.“

Die in Social-Media-Postings ge├Ąu├čerte Angst, dass Konsumenten mit der lateinischen Kennzeichnung „Acheta domesticus“ hinter das Licht gef├╝hrt werden k├Ânnten, ist unberechtigt. Laut EU-Verordnung lautet die Kennzeichnung „Acheta domesticus (Hausgrille)“ und ist in Klammern in der jeweiligen Landessprache anzugeben.

Auch die verpflichtenden Allergiehinweise sind nicht neu. Da Personen, die allergisch auf Weichtiere, Krebstiere und/oder Hausstaubmilben sind, auch auf den Verzehr von Insekten allergisch reagieren k├Ânnten, ist dieser Allergenhinweis auf allen Produkten mit Insekten anzuf├╝hren (18). Diese z├Ąhlen laut Zirp im ├ťbrigen „generell nicht zum vegetarisch/veganen Lebensstil“ und m├╝ssen daher entsprechend als Lebensmittel tierischen Ursprungs gekennzeichnet werden (19).

Den j├╝ngsten beiden EU-Durchf├╝hrungsverordnungen zu Lebensmittelinsekten ist zu entnehmen, dass die Europ├Ąische Beh├Ârde f├╝r Lebensmittelsicherheit empfahl, die Allergenit├Ąt der Insekten „weiter zu erforschen“. Bis dahin sei „die Kommission der Auffassung, dass keine spezifischen Kennzeichnungsvorschriften (…) aufgenommen werden sollten.“

Generell sehen Experten das Thema eher noch als Zukunftsmusik auf einem bisher ├╝berschaubaren Markt. Dass Firmen von der M├Âglichkeit, Insekten etwa in Kekse oder andere Backwaren zu mischen, Gebrauch machen, liegt laut Lebensmittelchemiker Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg „wirklich noch in weiter Ferne“. Auch wirtschaftlich ist der Anreiz demnach noch nicht gegeben. „Produkte mit Insektenmehl werden zum Teil deutlich teurer verkauft“, sagte Valet der Deutschen Presse-Agentur.

Speiseinsekten, die hierzulande vertrieben werden, stammen laut Valet stets aus kontrollierter Aufzucht. Das betont auch Thomann, der lediglich vor dem Verzehr von „Wildfang“ warnt. Dass dieser nicht in den Handel ger├Ąt, soll durch das strenge EU-Regelwerk sichergestellt werden. Denn die Lebensmittelsicherheit habe f├╝r die Kommission „oberste Priorit├Ąt“ (20).

Quellen:

(1) Facebook-Posting: http://go.apa.at/IFcb1gZc (archiviert: http://go.apa.at/wWtRQaS3)

(2) Weiteres Posting: http://go.apa.at/wo1Tibb8 (archiviert: http://go.apa.at/yRLwFHBo)

(3) Artikel „MSN“: http://go.apa.at/wtrGFCkE (archiviert: https://perma.cc/EX38-LA2H)

(4) Informationen zur Novel Food Verordnung: http://go.apa.at/Y8c4MiaA (archiviert: https://archive.ph/snQ94)

(5) Die Verordnung in der Fassung von 2015: http://go.apa.at/zGNWKX7X (archiviert: https://perma.cc/2L7U-87EF)

(6) Fragen zu Novel Food: http://go.apa.at/csI3ehy9 (archiviert: https://archive.ph/629Ga)

(7) Impressum Zirp: http://go.apa.at/OGNGors5 (archiviert: https://archive.ph/mZNUV)

(8) Artikel „Spektrum“: http://go.apa.at/nUscFRKG (archiviert: https://archive.ph/Y84sB)

(9) Artikel „Der Standard“: http://go.apa.at/eIHRBV6I (archiviert: https://archive.ph/Bal7B)

(10) FAQ Zirp: http://go.apa.at/oLDa2gin (archiviert: https://perma.cc/HY3X-ZH58)

(11) EU-Kommission zu Insekten: http://go.apa.at/sDctimWj (archiviert: https://perma.cc/LT5S-PRLA)

(12) Artikel „Deutschlandfunk“: http://go.apa.at/jE28g17A (archiviert: https://archive.ph/MBmRb)

(13) Artikel „Salzburger Nachrichten“: http://go.apa.at/MbsFWQy2 (archiviert: https://archive.ph/H7ZJ3)

(14) Artikel „Blick“: http://go.apa.at/pHPkDkY8 (archiviert: https://archive.ph/JUAG5)

(15) Verordnung zu Hausgrillen: http://go.apa.at/Nj4Ne0zB (archiviert: https://perma.cc/3H3X-T2N3)

(16) Verordnung zu K├Ąferlarven: http://go.apa.at/6CxTnbDN (archiviert: https://perma.cc/6EWJ-Q85Q)

(17) Artikel „Focus“: http://go.apa.at/VBoXU95Q (archiviert: https://perma.cc/5G6W-MFJJ)

(18) Artikel „Rheinische Post“: http://go.apa.at/YR2TqkxE (archiviert: https://archive.ph/OwWwN)

(19) Tweet der EU-Kommission: http://go.apa.at/O7EbFnoy (archiviert: https://perma.cc/GQJ9-8GSQ)

(20) Artikel „Kleine Zeitung“: http://go.apa.at/gnCLvrmp (archiviert: https://archive.ph/sNiyX)

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Autor(en): APA

Urspr├╝nglich hier ver├Âffentlicht.

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