APA-Faktencheck: Keine Belege für Kinderhandel auf Vinted - Featured image

Keine Belege für Kinderhandel auf Vinted

Es sind verstörende Postings (1a-e), die derzeit in verschiedenen Sozialen Netzwerken kursieren. Darin wird in den Raum gestellt, dass auf der Secondhand-Plattform „Vinted“ Kinder zum Verkauf angeboten würden. Die Beiträge werden millionenfach aufgerufen und geteilt. Untermauert werden diese mit Screenshots mit angeblich echten Anzeigen auf Vinted. Auch Sicherheitsbehörden beschäftigt das Thema.

Einschätzung: Auch wenn der Verdacht und die verbreiteten Postings von den Behörden ernst genommen werden, lassen sich keine Belege dafür finden, dass auf Vinted tatsächlich Kinder zum Verkauf angeboten werden. Ähnliche Behauptungen wurden in der Vergangenheit über andere Plattformen wie „Etsy“ oder „Wayfair“ verbreitet.

Überprüfung: Die Secondhand-Plattform Vinted teilte auf APA-Anfrage mit, dass das Unternehmen keine Beweise gefunden habe, dass die Anzeigen mit Kinderhandel in Verbindung stehen. Zudem erklärten Sicherheitsbehörden gegenüber der APA, dass es derzeit keine belastbaren Beweise für Kinderhandel auf Vinted gebe.

Kuscheltiere für tausende Euro

Auslöser der Spekulationen (2) waren Anzeigen für Kuscheltiere und andere Spielsachen, die auf Vinted zu ungewöhnlich hohen Preisen angeboten wurden. Neben den überhöhten Beträgen fiel auf, dass die Inserate oftmals Alters- und Größenanzeigen enthielten, die jenen kleiner Kinder entsprechen könnten.

Gegenüber der APA äußerte sich die Plattform zum Inhalt dieser Anzeigen. Demnach würden sich diese Altersangaben auf die Altersgruppe beziehen, für die das Spielzeug bestimmt ist, nicht jedoch auf ein Kind. Die Altersangabe werde in allen Kategorien verwendet, nicht nur bei Kleidung. „Die hohen Preise können auf einen tatsächlichen Sammlerwert, Verhandlungstaktiken, Trolling oder Angebote zurückzuführen sein, die gezielt erstellt wurden, um virale Fehlinformationen zu verbreiten“, hieß es von Seiten der Plattform.

Fakt ist: Screenshots dieser angeblichen Kinderhandel-Inserate verbreiten sich rasch über Soziale Medien. Ob es sich bei den Screenshots um authentische Anzeigen (3) auf der Plattform Vinted handelt, kann nach derzeitigem Stand nicht bewertet werden. Zahlreiche Videos mit der Behauptung wurden bereits gelöscht.

Vinted sieht keine belastbaren Hinweise

Auf APA-Anfrage teilte Vinted mit, dass die derzeit online geteilten Angebote eingehend untersucht worden seien. Dabei seien keine belastbaren Hinweise gefunden worden, die darauf hindeuten, dass diese Anzeigen mit Kinderhandel in Verbindung stehen würden. Absichtlich gefälschte Angebote, die diese Diskussion anheizen sollen, werden laut Vinted entfernt, die zugehörigen Konten gesperrt. Zudem würde man eng mit den zuständigen Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten. Vinted fordert außerdem jede und jeden, der auf verdächtige Anzeigen stößt, dazu auf, diese sofort zu melden.

Österreichische Behörden nehmen Hinweise ernst

Das Gerücht, dass auf Vinted Kinder zum Verkauf angeboten werden, beschäftigt aktuell nicht nur die Medienöffentlichkeit, sondern auch die Behörden. Das österreichische Bundeskriminalamt (BK) bestätigte auf APA-Anfrage, dass die eingelangten Hinweise ernst genommen werden würden und man derzeit den zugrunde liegenden Sachverhalt prüfe. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann jedoch kein einziger Fall von Kinderhandel im Zusammenhang mit den kursierenden Anzeigen bestätigt werden“, so das BK. Sollten Personen auf Online-Plattformen auf entsprechende Inserate oder verdächtige Inhalte stoßen, ersuche das BK zudem, entsprechende Hinweise an die zuständige Meldestelle ([email protected]) zu übermitteln.

Auch in Deutschland wird das Thema ernst genommen. Auf ARD-Anfrage (3) teilte das deutsche Bundeskriminalamt mit, dass das „beschriebene Phänomen“ dem BKA grundsätzlich bekannt sei. Auch in der Vergangenheit seien bereits mehrfach Hinweise zu vermeintlichem Kinderhandel über Online-Kleinanzeigen mitgeteilt worden. Diese Hinweise hätten sich seinerzeit aber nicht betätigt. Seit dem 23. Juni würden sich Anzeigen aus verschiedenen deutschen Bundesländern zu dem Phänomen auf der Plattform Vinted häufen.

So etwa bei der Polizei in Frankfurt – wie sie gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bestätigte (4): Dort würden entsprechende Hinweise geprüft werden, jedoch lägen aktuell „keine belastbaren Hinweise darauf vor, dass es sich um tatsächliche Angebote im Zusammenhang mit Kinder- oder Menschenhandel handelt“. Vielmehr werde davon ausgegangen, dass es sich überwiegend um gefälschte Anzeigen oder „manipulierte oder aus dem Kontext gerissene Darstellungen handeln könnte“. Auch via Instagram (5) teilte die Polizei mit, dass vieles darauf hindeute, dass es sich bei den kursierenden Inhalten um Fake-Anzeigen handle.

Gleiches Muster bei Kinderhandel-Mythen

Dass dieses Narrativ nicht neu ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Denn die Meldungen über den angeblichen Vinted-Skandal erinnern an bekannte Muster von Verschwörungstheorien rund um Kinder- bzw. Menschenhandel. Die Plattform Mimikama (6) zieht hier etwa einen Vergleich zum sogenannten Wayfair-Skandal. Was in der aktuellen Vinted-Debatte Kuscheltiere und Spielzeug sind, waren damals Möbelstücke.

2020 tauchten diese unbegründeten Meldungen auf, die laut BBC (7) aus der QAnon-Community stammten. QAnon ist eine international vernetzte Onlinebewegung (8). Sie verbreitet unter anderem die Verschwörungstheorie, eine globale Elite führe satanistische Rituale durch und missbrauche Kinder, um Macht und Unsterblichkeit zu erlangen. Anhänger dieser Gruppierung stellten 2020 (7) einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass einige teure Möbelstücke von Wayfair nach Mädchen benannt waren, und tatsächlichen Fällen vermisster Kinder in den USA mit denselben Namen her. Belege gab es dafür nicht.

Auch der Online-Marktplatz „Etsy“ (9) stand mit ähnlichen Theorien in den Schlagzeilen. 2024 wurde – ebenfalls in Sozialen Medien – das Gerücht verbreitet, Pädophile würden auf der Plattform Kinder zum Verkauf anbieten. Ein Jahr zuvor (10) wurde behauptet, Angebote auf Etsy, bei denen Pizzafotos zum Download für Tausende von Dollar verkauft werden, seien nur ein Deckmantel für den Vertrieb von Kinderpornografie. Auch diese Behauptungen waren falsch.

Selbst für Vinted sind solche Schlagzeilen kein Novum: Bereits 2023 kursierte das Gerücht über angeblichen Kinderhandel auf dem Online-Marktplatz in Frankreich (11). Auch damals gab es aber keinerlei Anhaltspunkte (12) für diese Theorie. Dennoch wird die aktuelle Diskussion auch in Frankreich ernst genommen, dort hat die Justiz Ermittlungen (2) zu den verdächtigen Angeboten eingeleitet.

Quellen:

(1a) Facebook-Reel mit Behauptung: https://go.apa.at/quHzhTZc (archiviert: https://go.apa.at/1p0eUrea, Video archiviert: https://go.apa.at/ZDBAS4gh)

(1b) TikTok-Video mit Behauptung: https://go.apa.at/BRcwXb3W (archiviert: https://go.apa.at/0aNwimpI)

(1c) Facebook-Reel mit Behauptung: https://go.apa.at/a5Ld3DG5 (archiviert: https://go.apa.at/v8xG4kmY; Video archiviert: https://go.apa.at/3J58EQxY)

(1d) Facebook-Reel mit Behauptung: https://go.apa.at/MqRME6s1 (archiviert: https://go.apa.at/T8YKcYkI; Video archiviert: https://go.apa.at/DLReaJZj)

(1e) TikTok-Video mit Behauptung: https://go.apa.at/7lFWIlTn (archiviert: https://go.apa.at/q19RmLLu)

(2) „ORF“-Artikel zu Frankreichs Ermittlungen: https://go.apa.at/gFILkuM4 (archiviert: https://go.apa.at/yHZXbquo)

(3) „Tagesschau“-Artikel zur Vinted-Theorie: https://go.apa.at/wQloQ5yB (archiviert: https://go.apa.at/m17Irv0R)

(4) „Frankfurter Allgemeine“-Artikel über die Polizeiarbeit im Vinted-Skandal: https://go.apa.at/tmUFdg48 (archiviert: https://go.apa.at/JSJDd0lV)

(5) Instagram-Beitrag der Polizei Frankfurt am Main: https://go.apa.at/k3OiabJR (archiviert: https://go.apa.at/XOa8C2fL)

(6) „Mimikama“-Faktencheck zum Vinted-Thema: https://go.apa.at/q37evMJM (archiviert: https://go.apa.at/VYwIovBn)

(7) „BBC“-Artikel über die Wayfair-Verschwörungstheorie: https://go.apa.at/sOevGFZC (archiviert: https://go.apa.at/5au4ZNSH)

(8) Demokratiezentrum Wien über „QAnon“: https://go.apa.at/JLMxCR1o (archiviert: https://go.apa.at/VO9sC05C)

(9) „Frankfurter Rundschau“-Artikel über den Etsy-Vorwurf 2024: https://go.apa.at/R3vUtnKJ (archiviert: https://go.apa.at/z3i7qfBT)

(10) „AP“-Faktencheck zur Etsy-Theorie 2023: https://go.apa.at/gJj6CYnT (archiviert: https://go.apa.at/chKrf9Fp)

(11) „radiofrance“-Artikel über die Vinted-Verschwörungstheorie 2023 in Frankreich: https://go.apa.at/22GGggph (archiviert: https://go.apa.at/EPwEwyXq)

(12) „android-mt“-Artikel über das Vinted-Gerücht 2023 in Frankreich: https://go.apa.at/iPOY04tS (archiviert: https://go.apa.at/9obPtmPD)

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Autor(en): APA

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