Rheinland-Pfalz hat am 22. März 2026 einen neuen Landtag gewählt. Bei der Wahl bekam die CDU die meisten Stimmen (31 Prozent), gefolgt von der SPD (25,9 Prozent) und der AfD (19,5 Prozent).
„Haltet euch fest, das ist der Skandal des Jahres“, behauptet ein Mann mit kurz geschorenen Haaren Ende März in einem Video auf Tiktok und Youtube. Darunter zu sehen, ist ein Banner mit den Worten „RLP Wahlergebnis ungültig, jetzt gibt es Neuwahlen“. Das ist falsch. Dazu kommt: Gesicht und Stimme des Mannes sind wahrscheinlich verfälscht, denn sie erinnern an einen anderen Youtube-Kanal, den CORRECTIV.Faktencheck bereits hier geprüft hat.

Eine Sprecherin des Landeswahlleiters bestätigt, dass keine Neuwahlen geplant seien. Einspruch gegen die Ergebnisse müsste mit einem begründeten Verdacht auf einen Wahlfehler vorgetragen werden, erklärte die Sprecherin auf Anfrage. Und weiter: „Anhaltspunkte für einen […] Wahlfehler sowie seine Folgen sind uns derzeit nicht bekannt.“
Laut dem Landeswahlprüfungsgesetz für Rheinland-Pfalz gilt für Einsprüche eine Frist von einem Monat ab Bekanntgabe der endgültigen Wahlergebnisse. Diese wurden am 20. April im Staatsanzeiger Rheinland-Pfalz, dem (kostenpflichtigen) Veröffentlichungsorgan der Landesregierung publiziert. Es ist also noch nicht ausgeschlossen, dass Einspruch eingelegt wird. Falsch ist aber in jedem Fall die Behauptung, eine Neuwahl sei bereits geplant.
Keine Belege für angebliche Wahlfehler, stattdessen Mutmaßungen über voreingenommene Berichterstattung
Anhaltspunkte, wieso die Wahl ungütig sein soll, liefert das Video nicht. Zwar ist von „dreisten Manipulationen“ die Rede und davon, dass die rechtspopulistische Partei AfD ohne diese auch 25 oder 30 Prozent hätte erreichen können. Konkrete Aussagen zur Art und Weise der angeblichen Manipulation liefert der Mann jedoch nicht. Stattdessen zählt er in den fünf Minuten des Videos verschiedene Situationen auf, die nichts mit der Integrität der Wahl zu tun haben.
Angeführt wird etwa, dass „plötzlich erlaubt“ worden sei, Umfragen bis kurz vor der Wahl zu veröffentlichen. Das ist in Deutschland jedoch grundsätzlich erlaubt und war auch nie verboten. Untersagt ist als unzulässige Einflussnahme nur das Veröffentlichen von sogenannten Exit-Polls, solange die Wahllokale am Wahltag geöffnet sind. Wie der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags erklärt, sind Exit-Polls die Grundlage der späteren 18 Uhr Prognose – würden sie vor Wahlschluss veröffentlicht, gefährde das den Grundsatz der gleichen Wahl.
Linken-Politikerin machte bei Wahlparty in Rheinland Pfalz Antifa-Handgeste
Weiterhin wird ein Ausschnitt einer ZDF-Übertragung eingeblendet, der Sprecher sagt dazu: „Schaut euch mal den Hintergrund der Wahlberichterstattung an. Während Weidel spricht, zeigt eine Kamera ein klares Handzeichen […] Das ist das anarchistische Handzeichen, genau das, was die Antifa auf der Straße benutzt.“
In der Tat zeigt eine Person hinter einer Korrespondentin in dem Video eine Folge von Handgesten: Sie formt mit den Fingern nacheinander eine eins, eine sechs und eine eins. Der Zahlencode 161 steht für die Buchstaben AFA (entsprechend ihrer Position im Alphabet), also für die sogenannte „Antifa“ oder „Antifaschistische Aktion“. Das ist ein Sammelbegriff für verschiedene Bestrebungen und Organisationen gegen Faschismus, den zum Teil auch extremistische Gruppierungen nutzen. Die Handgeste ist nicht strafbar, sondern ein aktueller Trend in Sozialen Netzwerken, insbesondere auf Tiktok.

Die Szene wurde tatsächlich so ausgestrahlt im ZDF, sie entstand aber nach Wahlschluss in Rheinland-Pfalz auf der Feier der Partei Die Linken und nicht wie behauptet, als Alice Weidel sprach. Von einer Beeinflussung der Wählerinnen und Wähler kann also keine Rede sein. Die Frau, die die Geste macht, ist Lea Schanne, die als Direktkandidatin der Linken für den Wahlkreis Wörth am Rhein bei der Landtagswahl angetreten war. Sie äußerte sich auf unsere Anfrage nicht zu der Szene.
Sprecher und Stimme des Videos erinnern stark an Youtube-Kanal, der ebenfalls Desinformation verbreitete
Das Video, mit dem die Falschbehauptung verbreitet wird, stammt ursprünglich vom Youtube-Kanal „Servus Deutschland“. Teilweise das ganze Video, teils nur die Audiospur wurde dann von Tiktok-Profilen für eigene Videos genutzt, die zusammen mehr als 100.000 Mal angesehen wurden. In welcher Beziehung der Youtube-Kanal zu den Tiktok-Profilen steht, die die Inhalte weiter veröffentlichen, ist unklar.
Der Mann, der im Video zu sehen ist, wurde wahrscheinlich mithilfe einer Künstlichen Intelligenz retuschiert oder existiert gar nicht. Denn: Er ähnelt dem Sprecher des inzwischen gesperrten Youtube-Kanals „Michael Goldmann“, der bereits im Februar Falschbehauptungen verbreitet hatte.

Auch die Stimme des Sprechers ist identisch – im Falle der „Michael Goldmann“-Videos kam das Online-Werkzeug „Deepfake Total“ des Fraunhofer-Instituts für Angewandte und Integrierte Sicherheit zum Schluss, dass diese KI-generiert sei.
„Deepfake Total“ ist zum Zeitpunkt dieser Recherche nicht verfügbar. In der Tonspur von Servus Deutschland fallen aber einige Stellen auf, die auf den Einsatz von KI hinweisen. So spricht der Sprecher etwa den Namen Alice Weidel nicht einheitlich aus, scheint an manchen Stellen unnatürlich zu atmen und verwischt an anderen die Worte auffällig.
Die beiden Youtube-Accounts haben noch mehr Gemeinsamkeiten: Videos werden immer als „Eilmeldung“ präsentiert, mit vagen, aber reißerischen Titeln und Personen der internationalen Politik in den Vorschau-Bildern. Das Video, in dem „Servus Deutschland“ Neuwahlen in Rheinland-Pfalz ankündigt, ist inzwischen nicht mehr kostenlos abrufbar, sondern nur noch für Mitglieder des Kanals einsehbar. Auch das ist eine Parallele zu Michael Goldmann: Um Videos nur für Mitglieder anbieten zu können, müssen Kanal-Betreiber Teil des Partnerprogramms von Youtube sein – und können dadurch ihre Videos mit Werbeanzeigen monetarisieren, also damit Geld verdienen.
Beide Kanäle kennzeichneten ihre Videos nicht als KI-erstellte Inhalte, anders als von Youtube in den Richtlinien gefordert. Ob „Servus Deutschland“ gegen die KI-Richtlinien verstoße, werde aktuell geprüft, antwortete Youtube auf unsere Anfrage.
Redigatur: Paulina Thom, Sarah Thust
Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:
- Endgültiges Ergebnis der Landtagswahl 20026 in Rheinland-Pfalz, März 2026: Link (archiviert)
