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Klare Mehrheit der Einwanderer ist laut Statistik in Arbeit

Eine Angabe von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann über die Erwerbstätigkeit von Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind, zieht in den sozialen Netzwerken ihre Kreise. Linnemann hatte in der «Neuen Osnabrücker Zeitung» gesagt: «Seit 2015 sind 6,5 Millionen Menschen zu uns gekommen und weniger als die Hälfte ist heute in Arbeit. Ich finde das, gelinde gesagt, nicht zufriedenstellend.»

Linnemanns Äußerung wird von weiteren Medien, aber zum Beispiel auch in einem Facebook-Beitrag aufgegriffen: «Seit 2015 sind 6,5 Millionen Menschen nach Deutschland „geflüchtet“ und 2025 ist immer noch weniger als die Hälfte von Ihnen in einem Arbeitsverhältnis», heißt es dort. Wie sind diese Angaben einzuschätzen?

Bewertung

Irreführend. Linnemann setzt zwei Zahlen ins Verhältnis, die unterschiedliche Gruppen von Migranten beschreiben. «Weniger als die Hälfte in Arbeit» entspricht ungefähr der Beschäftigungsquote von Menschen aus den acht größten nichteuropäischen Asylherkunftsländern wie zum Beispiel Syrien und Afghanistan. Die Zahl von 6,5 Millionen Menschen hingegen bezieht sich auf alle eingewanderten Menschen seit 2015. Darunter fallen zum Beispiel auch EU-Bürger.

Fakten

Für die Angabe von 6,5 Millionen Menschen, die «zu uns gekommen sind», lässt sich schnell eine vertrauenswürdige Quelle finden. Das Statistische Bundesamt hat im Mai unter Berufung auf den Mikrozensus 2024 eine Pressemitteilung zum Thema Migration veröffentlicht. Demnach lebten im Jahr 2024 knapp 6,5 Millionen Menschen in Deutschland, die seit dem Jahr 2015 eingewandert sind.

Wichtig ist dabei die Formulierung «eingewandert», denn es handelt sich um einen Oberbegriff. Darunter fallen zum Beispiel Menschen, die in Deutschland Asyl suchen. Aber auch Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, die keinen Asylantrag stellen müssen, sowie Menschen aus anderen EU-Ländern zählen zu diesen 6,5 Millionen Menschen.

Der Mikrozensus ist eine Stichprobenerhebung, für die jährlich rund ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland befragt wird. In der Befragung gaben von den Menschen, die seit 2025 eingewandert sind, 31 Prozent als Grund «Flucht, Asyl und internationaler Schutz» an. 23 Prozent nannten «Arbeit/Beschäftigung» als Motiv. Die Zahlen sind aber nicht gleichzusetzen mit dem tatsächlichen Status der Menschen, also mit der Frage, ob sie zum Beispiel Asylbewerber sind oder andere Aufenthaltstitel haben.

Von Linnemann genannte Quote berücksichtigt nur acht Länder

Dennoch sprach Linnemann bezogen auf diese Menschen davon, dass «weniger als die Hälfte» von ihnen heute in Arbeit sei. Auf welche Angaben beruft sich der CDU-Generalsekretär? Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur teilt seine Partei mit, dass Linnemann sich auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit beziehe.

Diese hat mit Zahlen aus dem Ausländerzentralregister Beschäftigungsquoten für Menschen aus den acht nichteuropäischen Ländern ermittelt, aus denen die meisten Asylbewerber stammen. Es handelt sich in alphabetischer Reihenfolge um Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Berücksichtigt werden Menschen im erwerbsfähigen Alter in sozialversicherungspflichtigen oder geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen.

Die Beschäftigungsquote liegt demnach mit 47,6 Prozent im Mai 2025 knapp unter der Hälfte aller Menschen im erwerbsfähigen Alter aus den acht Ländern. 47,6 Prozent entsprechen in absoluten Zahlen rund 760.000 Menschen in Arbeit. Bei Beschäftigungsquoten werden aber zum Beispiel Selbstständige nicht berücksichtigt.

Hat Linnemann also recht? Nein, denn die Quote bezieht sich, anders als die Gesamtzahl von 6,5 Millionen Eingewanderten, nur auf eine Teilgruppe von Migranten. Zum einen, weil nur acht Asylherkunftsländer berücksichtigt werden und somit viele andere Herkunftsländer und Formen der Einwanderung gar nicht. Zum anderen, weil unter den 6,5 Millionen Menschen auch solche im nicht erwerbsfähigen Alter sein können. Auch die Quellen der Statistiken sind nicht ohne Weiteres vergleichbar. Die Gesamtzahl geht auf die Befragung für den Mikrozensus, die Beschäftigungsquote auf das Ausländerzentralregister zurück.

Die Arbeitsagentur warnt generell vor Vergleichen mit absoluten Zahlen von Eingewanderten. Aussagekräftig seien nur die Veränderungen in den Zeitreihen. Und hier zeigt der Trend seit Jahren nach oben. Mitte 2020 lag die Beschäftigungsquote noch bei rund 35 Prozent.

Welche Zahlen zur Erwerbstätigkeit von Einwanderern gibt es noch?

Lassen sich aber auf andere Weise Aussagen über den arbeitenden Teil der 6,5 Millionen Einwanderer treffen? Erfragt wurde im Mikrozensus auch die Erwerbstätigkeit. In der Gruppe der Menschen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, überwiegt die Zahl der Erwerbstätigen die der Erwerbslosen deutlich (vgl. Tabellenblatt 12211-31). Daneben gibt es eine weitere große Gruppe von Nichterwerbspersonen, worunter zum Beispiel Kinder, ältere Personen oder Menschen, die nur im eigenen Haushalt tätig sind, fallen.

Auf dpa-Anfrage schlüsselt das Statistische Bundesamt die Zahlen weiter nach seit 2015 eingewanderten Menschen im erwerbsfähigen Alter auf. Unter ihnen überwiegt die Zahl der Erwerbstätigen die der Erwerbslosen und Nichterwerbspersonen deutlich. Rund 60 Prozent gaben demnach in der Befragung eine Erwerbstätigkeit an, rund 7 Prozent waren erwerbslos und rund 33 Prozent zählten sich zu den Nichterwerbspersonen.

IAB-Studie sieht positiven Trend

Eine weitere Annäherung ist mittels Zahlen zum Beispiel über bestimmte Teilgruppen möglich. Linnemann machte seine irreführende Angabe zehn Jahre nach dem Flüchtlingsjahr 2015. Zu jenen Menschen, die nur im Jahr 2015 in Deutschland Schutz suchten, gibt es aktuelle Zahlen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Die Beschäftigungsquote in dieser Gruppe lag neun Jahre nach dem Zuzug bei 64 Prozent. Für die Gesamtbevölkerung in Deutschland beträgt der Wert 70 Prozent.

«Die Beschäftigungsquoten der 2015 zugezogenen Geflüchteten haben sich weitgehend dem Niveau des Bevölkerungsdurchschnitts in Deutschland angenähert», schreibt das IAB. Allerdings sind demnach deutlich weniger Frauen und Menschen über 50 Jahren in Arbeit als im Bevölkerungsschnitt. Auch beim Verdienst liegt die Gruppe der 2015 nach Deutschland Geflüchteten unter dem Durchschnitt.

Facebook-Post verschärft die Fehlinterpretation

Ein mehrfach geteilter Facebook-Post verschärft die falsche Interpretation der Zahlen noch. Darin heißt es, seit 2015 seien 6,5 Millionen Menschen nach Deutschland «geflüchtet», obwohl dies die Gesamtzahl der Einwanderer umfasst. Linnemann hatte gesagt, diese Menschen seien nach Deutschland «gekommen».

(Stand: 27.8.2025)

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Politik, Wirtschaft

Autor(en): dpa

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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