Bewertung
Die Behauptungen in der Liste sind bekannte prorussische Desinformationsnarrative. Die «Chronik» verschweigt unter anderem den von Russland geführten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen sein Nachbarland.
Fakten
Was in der «Chronik» im Jahr 2014 als «gewaltsamer Putsch» beschrieben wird, bezieht sich offenbar auf die Ereignisse am Unabhängigkeitsplatz Maidan (Euromaidan). Damals kommt es in der Hauptstadt Kiew zu monatelangen Massenprotesten gegen den früheren ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch.
Zankapfel ist seinerzeit ein geplatztes Assoziierungsabkommen mit der EU. Janukowitsch hatte im November 2013 ein bereits mühsam ausgehandeltes Abkommen wenige Tage vor der geplanten Unterzeichnung überraschend auf Eis gelegt. Zuvor hatte Russland seinem Nachbarn für den Fall einer Vereinbarung mit der EU mit Wirtschaftssanktionen gedroht.
Im Sharepic ist die Rede von ukrainischen «Faschisten» – tatsächlich allerdings demonstrieren damals hauptsächlich Bürgerinnen und Bürger aus der breiten Bevölkerung. Studierende beginnen zunächst mit der friedlichen Besetzung des Maidan. Sie fordern den Rücktritt von Janukowitsch und Reformen.
Die Proteste schlagen in Gewalt um, die Staatsmacht geht brutal gegen die Menschen vor: Dutzende Demonstranten werden erschossen, auch Polizisten sterben. Janukowitsch flieht nach anhaltendem Druck nach Russland. Das Parlament setzt eine Übergangsregierung ein.
Russland annektiert die Krim
Als direkte Folge auf den Euromaidan annektiert Russland im März 2014 völkerrechtswidrig die ukrainische Halbinsel Krim. Dies führt auch zu einem bewaffneten Konflikt mit prorussischen Separatisten in den ostukrainischen Regionen Luhansk und Donezk.
Die vermeintliche «Chronik» spricht zudem für 2014 von einer «Völkermordrede» des Janukowitsch-Nachfolgers Petro Poroschenko im Parlament in Kiew im Beisein des damaligen US-Vizepräsidenten und späteren US-Präsidenten Joe Biden. Dem Weißen Haus zufolge ist Biden im Juni 2014 tatsächlich bei Poroschenkos Amtseinführung in Kiew anwesend. Im November reist er zum Jahrestag des Euromaidans nochmals nach Kiew und sagt weitere US-Hilfen an die Ukraine zu.
Was in dem Kontext mit «Völkermordrede» gemeint sein soll, ist nicht nachvollziehbar. Poroschenko wählt bei seiner Amtseinführung jedenfalls einen zurückhaltenden Ton, wie in einem Videoausschnitt und in Redeauszügen zu sehen ist: «Ich will keinen Krieg, ich will keine Rache, ich will Frieden.»
Während des ersten Jahrestages zur Erinnerung an den Euromaidan im November 2014 spricht Poroschenko davon, alle bei den Protesten getöteten Menschen als «Helden der Ukraine» zu ehren. Seine Rede wird aber auch von Buh-Rufen unterbrochen: Vorgeworfen werden der politischen Führung fehlende Aufarbeitung und milde Bestrafungen nach staatlicher Gewaltanwendung während der Euromaidan-Proteste.
Biden nur als Gast im ukrainischen Parlament
Für 2015 wird in der vermeintlichen «Chronik» behauptet, Biden habe seine «erste Regierungssitzung in der Ukraine» geleitet. Diese Behauptung wird ohne jegliche Beweise aufgestellt und widerspricht jeder diplomatischen Praxis.
Was stattdessen stimmt: Biden ist im Dezember 2015 zu Besuch in der Ukraine und hält als Gast auch eine Rede im Parlament (Oberste Rada). Unter anderem ruft er Russland dazu auf, die Umsetzung eines Friedensplanes nicht zu verzögern.
In der Zeitleiste wird der Ukraine mit Verweis auf die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vorgeworfen, 2016 mit «Terror und Folter im Donbass» begonnen zu haben. Möglicherweise bezieht sich der Vorwurf auf ein Dokument über angebliche Kriegsverbrechen vom April 2016, das tatsächlich auf der OSZE-Website zu finden ist. Urheber dieses Papiers ist allerdings die kremlnahe Propagandaorganisation Foundation for the Study of Democracy (Stiftung für Demokratieforschung), deren russischer Präsident auf Sanktionslisten steht – unter anderem der kanadischen.
Die OSZE dokumentierte Menschenrechtsverletzungen sowohl von ukrainischen Streitkräften, als auch von prorussischen Separatisten. Die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Amnesty International gehen auch davon aus, genauso berichten deutsche Medien.
Scheinreferendum im Donbass
Vorangegangen war ein im Mai 2014 gestarteter Militäreinsatz in der Ostukraine: Prorussische Separatisten übernehmen nach der russischen Annexion der Krim auch die Kontrolle von Gebieten auf ukrainischem Festland. In der Region leben viele russisch-stämmige Menschen.
Eine Volksbefragung im Mai 2014 in der Ostukraine soll vermeintlich den Willen der Bevölkerung an einer Unabhängigkeit von Kiew bescheinigen. Allerdings herrscht internationaler Konsens, dass das Scheinreferendum unter russischer Einflussnahme keine völkerrechtliche Legitimation hat.
Die Zahl an zivilen Todesopfern ist auf beiden Seiten sehr hoch. Das Sharepic spricht für den Zeitraum zwischen 2014 und Kriegsbeginn 2022 von «15.000 Morde[n], davon mehr als 500 Kinder» im Donbass. Die auch an anderen Stellen gemeldeten rund 14.000 Toten für diesen Zeitraum beziehen sich aber auf beide Parteien, nicht nur auf Russen oder Separatisten.
Der Internationale Gerichtshof (IGH) urteilt 2024, dass der russische Einmarsch im Donbass aufgrund eines Genozid-Vorwurfs unrechtmäßig war, wie unter anderem die «Tagesschau» berichtet.
Ukraine entscheidet militärisch unabhängig
Der «Chronik»-Vorwurf einer Bombardierung des Donbass durch US-Präsident Joe Biden im Jahr 2022, um «Russland zur Invasion zu zwingen», entspricht nicht der Wahrheit. Im Gegenteil: Russland bombardiert seit Februar 2022 immer wieder ukrainische Städte. Die Verteidigung des russischen Angriffskriegs führt allein das ukrainische Militär. Biden hat keine militärische Befehlshoheit in der Ukraine.
Die USA sind allerdings der wichtigste militärische Unterstützer Kiews. Strategische Entscheidungen der Ukraine können also durchaus vom politischen Willen der USA abhängen, etwa bei ausbleibenden Waffenlieferungen, wie es in einem Papier der Bundeswehr-Denkfabrik German Institute for Defence and Strategic Studies zur Rolle der USA im Ukraine-Krieg heißt.
Die Behauptung «Einzig und alleine die USA und die Ukraine haben diesen Krieg begonnen» ist ein Narrativ, dass in bekannten prorussischen Desinformationskampagnen regelmäßig verbreitet wird. Eine faktenbasierte Chronik der Auseinandersetzungen und des Krieges zwischen der Ukraine und Russland bieten zum Beispiel die Webseite der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und das universitäte Projekt Länder-Analysen.
(Stand: 8.8.2025)
