Bewertung
Das Video wurde mithilfe von Künstlicher Intelligenz erzeugt. Dafür sprechen mehrere Bildfehler.
Fakten
Der virale Clip enthält einen Hinweis auf die mutmaßliche Quelle: Neben einem Tiktok-Wasserzeichen ist der Name «@fantomoko» lesbar. Dabei handelt es sich um einen mittlerweile gelöschten Account auf der Videoplattform.
Es existieren jedoch Archiv-Versionen, die zeigen: Der Tiktok-Account hatte vor der Löschung mehrere Videos veröffentlicht, in denen angebliche ukrainische Soldaten zu sehen sind – teilweise weinend oder mit stark geröteter Augenpartie. Mal tragen die Personen ukrainische, mal russische Uniformen. Auch der virale Clip des vermeintlich 23-Jährigen ist mehrfach auf dem Profil zu sehen.
In der archivierten Profilübersicht ist in mehreren Videos des Accounts das Wasserzeichen des KI-Videogenerators Sora vom US-Entwickler OpenAI zu sehen. Ein erster Hinweis, dass der Clip des jungen weinenden Soldaten ebenfalls mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt worden sein könnte. In dem fraglichen Clip selbst ist ein solches Wasserzeichen allerdings nicht zu sehen.
Muster am Ärmel und Helmniete verändern sich im Videoverlauf
Grundsätzlich dienen Sora-Wasserzeichen alleine mittlerweile nicht mehr als eindeutiger Beweis dafür, ob ein Video KI-generiert ist oder nicht. Es gibt Berichte über Software, mit der sich das optische Wasserzeichen aus synthetischen Videos entfernen oder bei echten Videos hinzufügen lässt. Das zeigen auch dpa-Faktenchecks.
Der sehr realistische Clip des emotionalen 23-jährigen Soldaten weist jedoch kleine Bildfehler – auch Artefakte genannt – auf, die ihn als KI-Kreation entlarven. So ist bei Sekunde 0:09 am oberen rechten Bildrand eine runde Niete auf dem Helm zu sehen.
Während sie zunächst flach und geschlossen ist, verändert sich die Form wenige Sekunden später, als der Soldat seinen Kopf bewegt. In der Folge ist die Niete nicht mehr geschlossen, sondern weist plötzlich eine Einkerbung in der Mitte auf.
Eine Bilderrückwärtssuche des Kopfschutzes führt indes zu einem Bild auf einer Verkaufsplattform. Dort wird ein Helm angeboten, der in Farbe und Form dem Helm aus dem Clip stark ähnelt. Ukrainische Soldaten tragen offensichtlich ähnliche Helm-Modelle, wie echte Fotos aus Medienberichten nahelegen (I, II und III). Dennoch weisen all diese Helme bei genauerem Betrachten klare Unterschiede im Vergleich zu dem Helm mit der Niete aus dem Video auf.
KI-Bild- und Videogeneratoren haben mitunter Schwierigkeiten, Details originalgetreu und konsistent darzustellen. So ist darüber hinaus bei Sekunde 0:10 zu sehen, dass sich das Muster am Ärmel leicht verändert, als der junge Mann sein Gesicht mit der Hand bedeckt.
KI-Clips basieren offenbar auf Bildern von russischen Streamern
Auch andere Faktenprüfer haben sich mit dem Clip beschäftigt. Gegenüber Euronews erklärten ukrainische Sprachexperten, die Aussprache von «Tschassiw Jar» – einer Stadt in der Ostukraine – klinge nicht natürlich. Sie stimme nicht mit der ukrainischen Muttersprache überein.
Zudem zitieren die Faktenprüfer Giorgio Patrini, CEO von Sensity AI. Die Firma analysiere und identifiziere KI-Videos. Dem Bericht zufolge kam sie zu dem Ergebnis, dass der Clip mit Sora erstellt und das ursprüngliche Wasserzeichen nachträglich entfernt wurde.
Recherchen der Deutschen Welle (DW) und der italienischen Faktenprüfer von Open untersuchten die Videos des Tiktok-Profils genauer. Den Recherchen zufolge basieren die KI-Clips auf Bildern von echten Personen. Demnach gehören die Gesichter der angeblichen ukrainischen Soldaten in Wirklichkeit zu russischen Streamern sowie zu einem Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin.
Debatte um Einberufungsalter in der Ukraine
Der KI-Clip des vermeintlich mobilisierten 23-Jährigen spielt auf die Debatte um das Einberufungsalter in der Ukraine an. Es besteht eine Wehrpflicht für Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Angesichts des russischen Einmarschs im Februar 2022 wurde in dem osteuropäischen Land das Kriegsrecht verhängt und eine Mobilmachung angeordnet.
Zum Kriegsdienst an der Front dürfen derzeit allerdings nur Männer ab 25 Jahren einberufen werden. Jüngere können sich freiwillig melden. Darauf weist auch das staatliche ukrainische Zentrum gegen Desinformation hin. Mit hohen Prämien versucht die Regierung Männer zwischen 18 und 24 Jahren als Freiwillige zu rekrutieren.
Männer im wehrfähigen Alter zwischen 23 und 60 Jahren können nur in Ausnahmefällen das Land verlassen. Im August war das bis dahin ebenfalls geltende Ausreiseverbot für Männer von 18 bis einschließlich 22 Jahren aufgehoben worden, was zu erhöhten Ausreisezahlen von jungen Männern unter anderem nach Deutschland führte.
(Stand: 21.11.2025)
