Im Europavergleich zählt Deutschland als das Land, das der Ukraine seit dem Kriegsbeginn 2022 am meisten Unterstützung zukommen lässt. Dazu zählen Waffen und Ausrüstung sowie humanitäre Hilfe, wie beispielsweise Wohnungsbau. Online kritisieren Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien regelmäßig die Höhe der finanziellen Hilfen, die die Ukraine von Deutschland erhält. Zuletzt wurde mit einem Sharepic behauptet, dass Friedrich Merz der Ukraine 233 Millionen Euro für den Wohnungsbau zugesprochen habe. Allerdings ist diese Zahl irreführend, wie AFP-Recherchen ergaben.
Online macht ein Sharepic die Runde, in dem ein hämisch wirkender Friedrich Merz zu sehen ist, begleitet von der Schrift: „Während 1,4 Mio. Wohnungen in Deutschland fehlen, schickt Friedrich Merz 233.000.000 € in den Wohnungsbau der Ukraine.“ Auf Facebook kommentierten über 800 Nutzerinnen und Nutzer das Sharepic, das am 8. Mai 2026 gepostet wurde. Ein Nutzer schrieb dazu: „Warum ist ihm die Ukraine wichtiger als das eigene Volk bzw Land. Das hat mir noch keiner erklären können.“ Andere Nutzerinnen und Nutzer riefen zu Neuwahlen auf.

Dieselbe Behauptung wurde auch in einer Karikatur wiedergegeben, die auf verschiedenen Plattformen kursierte.
Zahlen beziehen sich nicht nur auf den Wohnungsbau
Unter einem Post, der am 15. Mai 2026 auf Facebook veröffentlicht wurde, verwies ein Nutzer in der Bildunterschrift auf eine Quelle für die Behauptung. Als Beweismaterial wurde ein Dokument das namentlich der „Erklärung über eine strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und der Ukraine“ der deutschen Bundesregierung vom 14. April 2026 ähnelt. Tatsächlich wurde in diesem Dokument, die in den Posts genannte Summe von 233 Millionen Euro genannt, die Deutschland der Ukraine in der Erklärung zusagte.
Unter Punkt 2.1 steht jedoch, dass die von Deutschland bereitgestellten Finanzmittel von bis zu 233 Millionen Euro in mehreren Bereichen eingesetzt werden sollen. Schwerpunkte seien: „(…) industrielle[r] Zusammenarbeit, Energieresilienz, Wiedereingliederung, sozialem Wohnungsbau, für den Wiederaufbau erforderlichen Kompetenzen, Vorbereitung auf den EU-Beitritt, kommunaler Selbstverwaltung und Maßnahmen zur Bekämpfung der Korruption“. Demnach ist der soziale Wohnungsbau in der Ukraine nur ein Teilaspekt, da die gesamten Finanzmittel in mehreren Bereichen eingesetzt werden sollen.
Dieselbe Erklärung über die Partnerschaft zwischen den beiden Ländern veröffentliche auch die ukrainische Regierung in Englisch und Ukrainisch auf deren Website.
Auf Anfrage von AFP, erläuterte ein Sprecher des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dass nicht die gesamten 233 Millionen Euro für die Wiederherstellung von Wohnungen für Menschen vorgesehen sind. In einer schriftlichen Stellungnahme, die AFP am 25. Juni 2026 erreichte, legte der Sprecher dar, dass 25 Millionen Euro für diesen Bereich zugesagt wurden. Aus der Gesamtsumme sollen unter anderem 11 Millionen Euro in die Industrielle Zusammenarbeit und Stärkung der lokalen Wirtschaft fließen, 45,3 Millionen in die Energieresilienz und Absicherung der Energieversorgung und 25 Millionen in die Ausbildung von Fachkräften für den Wiederaufbau. Auch Bereiche wie die Vorbereitung auf den EU-Beitritt und Maßnahmen zur Bekämpfung der Korruption werden laut dem BMZ mit dieser Summe gefördert.
Rekorddefizit an Wohnungen in Deutschland
Die in den Posts angeführte Behauptung, dass 1,4 Millionen Wohnungen in Deutschland fehlen würden, hat einen wahren Hintergrund. Diese Zahl ist auf eine Erhebung des Pestel Instituts zurückzuführen, die den Sozialen Wohn-Monitor 2026 veröffentlichte. Die durch das Verbändebündnis „Soziales Wohnen“ in Auftrag gegebene Studie, verortete bereits im Jahr 2024 ein bundesweites Rekorddefizit von 1,4 Millionen Wohnungen. Laut dem Wohnmonitor sei eine Verbesserung der Situation in den kommenden Jahren nicht erwartbar, da der jährliche Bau von 200.000 Wohnungen nur etwa die Hälfte des jährlich angenommenen Bedarfs decken würde.
Auf Anfrage von AFP, erläuterte ein Sprecher des Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen die Pläne das Bauwesen in Deutschland zu stärken. „In der aktuellen Finanzplanung ist vorgesehen, dass der Bund den Ländern bis 2029 insgesamt 23,5 Milliarden Euro Bundesmittel für den Sozialen Wohnungsbau zur Verfügung stellt,“ hieß es in einer schriftlichen Antwort vom 25. Juni 2026. Dies berichteten auch Medien im Vorjahr 2025.
Behauptung geht auf Nachfrage eines Journalisten zurück
Die Frage nach diesem mutmaßlichen Widerspruch, dass Deutschland die Ukraine im Wohnungsbau unterstützt, während in Deutschland 1,4 Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen, wurde bereits am 20. April 2026 bei einer Regierungspressekonferenz von einem Journalisten gestellt. Der erste stellvertretende Regierungssprecher reagierte auf die Frage wie folgt: „Wir investieren hier in Deutschland selbstverständlich massiv in den Wohnungsbau. Strategische Entscheidungen, die wir treffen – etwa eine vertiefte Zusammenarbeit mit der Ukraine, die ein wichtiger Partner für uns ist und in vielen Bereichen sehr intensiv mit uns zusammenarbeitet –, stehen nicht im Widerspruch zu dem, was wir hier in Deutschland tun.“
Auf die Frage des Journalisten, wie diese Investitionen in die Ukraine in Anbetracht des Mangels an bezahlbaren Wohnungen in Deutschland zu erklären sind, reagierte eine Pressesprecherin des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Sie sagte die finanziellen Mittel für die Wohnraumförderung würden in Deutschland stetig steigen. Allein von der Seite des Bundes seien es im Jahr 2026 vier Milliarden Euro: „Diese werden von den Ländern immer kofinanziert, sodass meistens die doppelte Menge zur Verfügung steht. Wir werden die Mittel auch in den kommenden Jahren ausbauen, und zwar bis auf 5,5 Milliarden Euro bis 2029 bzw. auch schon 2028.“
Bei dem Journalisten, der die Frage stellte, handelt es sich um Florian Warweg. Der Redakteur bei der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) veröffentlichte zwei Tage nach der Pressekonferenz einen Artikel, in dem er schrieb, dass sich auf Nachfrage der OAZ die Bundesregierung in Ausreden verliere. Er führte an, dass sich die Bundesregierung in ihrer Erklärung dazu verpflichtete, den Ausbau des Wohnraums in der Ukraine zu fördern. „Flankiert wird dies durch neue Finanzmittel von bis zu 233 Millionen Euro für die Entwicklungszusammenarbeit“, heißt es darin. Warweg konkretisiert in diesem Artikel allerdings nicht, wieviel Geld tatsächlich in den Aufbau von Wohnraum fließen soll.
Warweg arbeitete in der Vergangenheit sieben Jahre in der Online-Redaktion des deutschsprachigen Programms des russischen Staatssenders RT (vormals Russia Today). Im Jahr 2022 verhängte die Europäische Union, infolge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, Sanktionen gegen die Sendetätigkeiten des staatseigenen Mediums RT. Zudem ist er als Parlamentskorrespondent für den Blog NachDenkSeiten tätig, dem eine prorussische Blattlinie vorgeworfen wurde.
Wiederkehrendes Narrativ soll Unmut schüren
Dieses Narrativ, dass Friedrich Merz den Wohlfahrtsstaat in Deutschland abbaue, um Wolodymyr Selenskyj zu helfen, ist eines, das häufig in prorussischen Propagandakampagnen wiedergegeben wird. Laut EUvsDesinfo, einer Website eines Projekts des Europäischen Auswärtigen Dienstes, soll das Narrativ, wonach die „Eliten“ gegen die Interessen der Bürgerinnen und Bürger handeln würde, die Öffentlichkeit gegen den Ausbau der deutschen Verteidigung aufzubringen.
AFP hat in der Vergangenheit Faktenchecks veröffentlicht, in denen ähnliche Narrative behandelt wurden.
Fazit: Online wird behauptet, dass Friedrich Merz der Ukraine 233 Millionen Euro für den Wohnungsbau zugesagt haben soll. Allerdings ist diese finanzielle Hilfeleistung Deutschlands für mehrere Bereiche vorgesehen, nicht nur den Wohnungsbau. Laut Angaben des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sollen 25 Millionen Euro in den Wohnungsbau in der Ukraine fließen.
