Bewertung
Der Weltklimarat hat seine früheren Warnungen nicht zurückgezogen. Seit dem Synthesebericht 2023 gibt es keinen neuen offiziellen IPCC-Bericht mit aktualisierten Zukunftsszenarien. Eine 2026 veröffentlichte Arbeit bewertet ein früheres Worst-Case-Szenario zwar als weniger plausibel, beschreibt aber weiterhin eine Erwärmung von bis zu rund 3,5 Grad Celsius bis 2100 als möglich.
Fakten
Der Weltklimarat (IPCC) mit Sitz in Genf wurde 1988 von zwei UN-Institutionen gegründet. Heute gehören ihm 195 Staaten an. Der Rat fasst den weltweiten Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel zusammen und bewertet ihn. IPCC-Berichte dienen als Handlungsgrundlage für Politiker. Als Folgen des Klimawandels gelten heute zum Beispiel häufigere und stärkere Hitzewellen, Überschwemmungen, Dürren und Gletscherschmelze.
Was hat der Weltklimarat zum Thema Erderwärmung gesagt?
Die jüngste Veröffentlichung (Synthese) stammt vom März 2023. Damals warnte der IPCC, dass die Klimaschutzziele der Welt in akuter Gefahr seien – wenn klimaschädliche Treibhausgase nicht noch in diesem Jahrzehnt drastisch gesenkt würden. Sie entstehen vor allem bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas zur Energiegewinnung.
Das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau (1850-1900) zu begrenzen, sei praktisch schon unmöglich, hieß es damals. Diese 1,5 Grad könnten sogar bereits in der ersten Hälfte der 2030er Jahre überschritten werden. Denn bereits die vor 2020 gemessene Erderwärmung liege bei rund 1,1 Grad Celsius.
Leicht verändertes Szenario
Worauf beziehen sich die aktuellen Behauptungen in sozialen Medien? Sie nehmen Bezug auf eine Veröffentlichung vom April 2026. Die Autorinnen und Autoren arbeiten dem IPCC als Ausschuss zu. Es handelt sich bei ihrem Papier jedoch um keine neue offizielle Einschätzung des Weltklimarats. Diese wird erst für das Jahr 2029 erwartet.
Im Artikel rücken die Autoren in ihrer Prognose für das Jahr 2100 vom negativsten der früheren IPCC-Szenarien ab. Dieses findet sich im Sechsten Sachstandsbericht aus dem Jahr 2021. Dabei geht es um das Szenario einer Erderwärmung um bis zu 4,4 Grad bis zum Jahr 2100 (SSP5-8.5). Mit einer Unsicherheitsspanne nach oben war im Bericht damals im Extremfall von 5,7 Grad die Rede.
Was sagen die Forschenden jetzt?
In ihren Modellrechnungen für verschiedene Szenarien kommt die 44-köpfige Expertengruppe nun auf einen Höchstwert von fast 3,5 Grad Erderwärmung bis zum Jahr 2100 gegenüber dem vorindustriellen Niveau.
Diese Modellrechnung heiße nicht, dass der Schaden nicht allzu schlimm sei, betonte Mitautor Detlef Van Vuuren in der niederländischen Zeitung «de Volkskrant». «Die Folgen davon sind ärgerlich genug», ergänzte Van Vuuren, der an der Universität Utrecht lehrt, in dem Interview. «Und wenn wir zu wenig gegen die Treibhausgasemissionen tun, erhalten Sie automatisch immer noch höhere Werte. Nur das passiert später, nach 2100.»
Warum sind Klima-Prognosen für das Jahr 2100 so schwierig?
Es geht hier nicht allein um mathematische Hochrechnungen. So hat die langfristige Klimapolitik wirtschaftsstarker Länder großen Einfluss auf die Entwicklung, dies gilt auch für Kriege.
Die geopolitischen Entwicklungen lassen sich jedoch kaum über Jahrzehnte vorhersehen und berechnen. So begannen die Recherchen der Expertengruppe für ihr nun publiziertes Papier zum Beispiel vor der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump. Er leugnet den menschengemachten Klimawandel und setzt in der größten Volkswirtschaft der Welt wieder auf eine stärkere Förderung fossiler Energieträger.
Sind die neuen Zahlen eine Entwarnung?
Nein. Selbst wenn auch der Weltklimarat 2029 sein Worst-Case-Szenario auf 3,5 Grad nach unten korrigieren würde, bliebe die Lage dramatisch. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich 2015 im Pariser Abkommen auf zwei Zielmarken geeinigt: 1,5 Grad Celsius Erderwärmung als angestrebte Obergrenze und 2,0 Grad als absolute Obergrenze. Diese Limits basieren auf dem wissenschaftlichen Konsens, dass Werte darüber die Risiken für Mensch und Ökosysteme drastisch ansteigen lassen.
(Stand: 15.5.2026)
