In sozialen Medien kursierte ein Video, das an einen Bericht des Mediums Deutsche Welle erinnert. Im Video wird unter anderem fälschlich behauptet, dass in Deutschland im April 2026 mehr als 40.000 Männern die Ausreise an Flughäfen verweigert wurde. Das Video weist jedoch Fehler auf, die auf eine Fälschung hindeuten. Die Deutsche Welle bestätigte AFP, dass es sich tatsächlich um eine Nachahmung handelt und das Logo missbräuchlich genutzt wurde. Das deutsche Verteidigungsministerium dementierte zudem die im Video vorkommenden Behauptungen.
„Benachrichtigungen wurden an eine Million Personen verschickt, und im April wurden über 40.000 an den Grenzen aufgehalten“, postete ein User am 18. April 2026 auf X. „Jetzt geht Grenzkontrolle wieder, solange es gegen das eigene Volk geht funktionierts, wie beim Benzin schon zu sehen. Was für eine Schande diese ReGIERung doch ist“, beschwerte er sich weiter. Der User bezog sich in seinem Post auf ein von ihm geteiltes Video (hier archiviert), das einem Beitrag des deutschen öffentlich-rechtlichen Auslandsfernsehsenders Deutsche Welle (DW) ähnelt.
In dem rund einminütigen Video wird gesagt: „Mehr als eine Million Männer in Deutschland haben in den letzten Tagen Onlinenachrichten bekommen. Darin steht, dass sie vor längeren Auslandsreisen eine Genehmigung der Bundeswehr brauchen.“ Und weiter: „Nach Berichten wurde allein im April mehr als 40.000 Männern die Ausreise verweigert.“ Im weiteren Verlauf des Videos wird zudem behauptet, dass die Polizei an Flughäfen in Deutschland verstärkt Männer im Alter zwischen 17 und 45 Jahren kontrollieren würde. Wenn diese über keine Genehmigung der Bundeswehr verfügten, würde ihnen die Ausreise aus Deutschland angeblich verweigert. Zuletzt wird Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zitiert. Pistorius hätte angeblich gesagt: „Wenn dieses Modell nicht genug Rekruten bringt, muss über die Rückkehr zur Wehrpflicht gesprochen werden.“ Der Post erreichte mehr als zwei Millionen Nutzerinnen und Nutzer auf X.
Ein weiterer X-User wiederholte am 17. April 2026 auf Englisch die Behauptungen: „40.000 wurden bereits an deutschen Flughäfen gestoppt. Die Polizei überprüft nun Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren auf eine Bundeswehr-Genehmigung. Was zur Hölle geht in Deutschland vor?“ Der vielfach gelikte Beitrag ist mit dem Hinweis versehen, dass es sich hier um eine „Gesponserte Partnerschaft“ handelt, was bedeutet, dass dieser Nutzer potenziell für die Veröffentlichung des Inhalts bezahlt wurde.
Obwohl die im Video gesprochene Sprache Deutsch ist, wurde es primär durch englischsprachige Posts verbreitet. Es wurde zudem in weiteren Sprachen geteilt wie Chinesisch, Französisch, Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Spanisch und Türkisch. Insgesamt wurde das Video mehr als 1000 Mal auf der Plattform X geteilt.

AFP-Recherchen ergaben jedoch, dass das Video gefälscht ist. Auch der Großteil der im Video getätigten Behauptungen ist falsch.
Visuelle und formale Fehler deuten auf Fälschung hin
Bei genauerer Betrachtung des Videos fand AFP mehrere sprachliche und formale Fehler, die auf eine Fälschung hindeuten. Besonders markant ist, dass der Text des Vorschaubilds einen grammatikalischen Fehler aufweist. „Die Bundeswehr wurde im April 40.000 Männern die Ausreise versperrt“, ist zu lesen. Dieser sprachliche Fehler würde in einem professionellen redaktionellen Kontext, wie dem der DW, im Regelfall auffallen und redigiert werden.
Das Vorschaubild zeigt zudem eine angebliche SMS der Bundeswehr, die die Empfängerinnen und Empfänger darüber informieren soll, dass sie vor der Ausreise aus Deutschland eine Genehmigung des „zuständigen Karrierecenters der Bundeswehr“ einholen sollen. Zwar ist die tatsächliche Telefonnummer des Bürgertelefons des Verteidigungsministeriums abgebildet, allerdings enthält auch diese Nachricht einen Schreibfehler: Das formelle „Sie“ ist hier kleingeschrieben.

Der gefälschte Beitrag ist mit englischen Untertiteln versehen, jedoch wurde der Beitrag von einer Person eingesprochen, die muttersprachlich nicht Deutsch spricht. Stellenweise spricht die Person so undeutlich, dass einzelne Worte schwer verständlich sind und Sätze dadurch mitunter grammatikalische Fehler aufweisen. Dies fällt insbesondere auf, da im Regelfall Videobeiträge der DW gut verständlich sind und keine derartigen Fehler aufweisen.
Laut einem Faktencheck, den die DW am 20. April 2026 publizierte, sieht auch die Untertitelung im Video anders aus, als es sonst bei DW-Videoberichten üblich ist. Ein Abgleich mit einem authentischen DW‑Bericht zeigt zudem, dass das im kursierenden Video eingeblendete Logo in der linken oberen Ecke von der üblichen Größe abweicht.

Mithilfe einer erweiterten Websuche fand AFP keinen entsprechenden DW-Beitrag, der diese Behauptungen verbreitete.
DW dementierte Veröffentlichung des Videos
Gegenüber AFP dementierte die DW in einem Gespräch am 23. April 2026 die Veröffentlichung des Videos: „Wir haben diesen Beitrag nicht veröffentlicht. Es handelt sich um ein Spoofing-Video.“ Mit „Spoofing“ ist das sogenannte Media-Spoofing gemeint, eine Desinformationstaktik, bei der beispielsweise vertrauenswürdige Medien imitiert werden, um falsche Informationen zu verbreiten.
In einer Presseaussendung vom 22. April 2026 heißt es von DW-Intendantin Barbara Massing: „Media-Spoofing-Kampagnen wie diese bezeugen das Vertrauen in unsere Berichterstattung und kapern zugleich gezielt dieses Vertrauen in die Qualität unserer journalistischen Arbeit, um Desinformation zu verbreiten und Misstrauen zu säen – in diesem Fall gegenüber der Bundesregierung, aber auch gegenüber uns.“ Laut dem Medium ist die missbräuchliche Verwendung des DW-Logos kein Einzelfall. In der Vergangenheit wurde das Logo bereits mehrfach verwendet, um Falschinformationen zu streuen.
Die DW verneinte auch, jemals die Falschbehauptungen in einem Nachrichtenbeitrag reproduziert zu haben: „DW hat im Zusammenhang mit dem Thema des neuen Wehrpflichtgesetzes Beiträge veröffentlicht, jedoch nicht mit diesen Behauptungen. Diese sind erfunden.“
Video greift wahren Kern auf
Obwohl die Behauptungen im Video größtenteils falsch sind, wird damit eine aktuelle Thematik aufgegriffen, die das umstrittene neue Wehrpflichtgesetz in Deutschland betrifft.
Am 5. Dezember 2025 stimmte der deutsche Bundestag für ein neues Wehrpflichtgesetz. Im Gesetz war tatsächlich festgelegt, dass sich Männer, die zwischen 17 und 45 Jahre alt sind, bei Auslandsreisen von mehr als drei Monaten eine Genehmigung bei einem Karrierecenter der Bundeswehr holen müssen. Aufgrund wachsender Kritik lockerte Anfang April 2026 Bundesminister Pistorius jedoch die Regelung. Dem Bundesminister zufolge bedarf es keiner Antragsstellung für Auslandsaufenthalte, solange der Wehrdienst freiwillig bleibt.
Gegenüber AFP dementierte zudem eine Sprecherin des Bundesministeriums für Verteidigung, dass die im Video getätigten Aussagen wahr sind. „Der Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung hat keine Nachrichten an junge Männer gesendet.“ Und weiter: „Vor diesem Hintergrund ist insbesondere festzuhalten, dass niemandem die Ausreise auf der Grundlage des § 3 Wehrpflichtgesetz durch den Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung versagt wurde“, hieß es in einer E-Mail an AFP vom 23. April 2026.
Eine erweiterte Websuche ergab zudem keinen Treffer für das angebliche Zitat von Boris Pistorius im behaupteten Wortlaut. Pistorius sagte in einer Rede vor dem Bundestag am 24. September 2025: „Sollte aber trotz aller Bemühungen der wachsende Bedarf der Streitkräfte nicht durch Freiwillige gedeckt werden können, sind wir vorbereitet. Eine verpflichtende Heranziehung wird dann möglich werden müssen, nicht auf Knopfdruck, nicht im Alleingang, nur unter konkreten Bedingungen und – das sage ich ganz deutlich – nur bei Zustimmung des Deutschen Bundestages.“
Der Kern des sogenannten Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes, das seit Jahresanfang gilt, ist die Einführung der verpflichtenden Musterung für Männer ab dem Geburtenjahrgang 2008. Denn das öffentlich kommunizierte Ziel der Bundeswehr ist es, mehr Freiwillige zu rekrutieren und auf mindestens 260.000 Soldatinnen und Soldaten aufzustocken. Um dies zu erreichen, verschickte die Bundeswehr zu Beginn des Jahres 2026 über 40.000 Fragebögen an mögliche Rekrutinnen und Rekruten.
Allerdings fand AFP durch eine erweiterte Websuche keine Hinweise, dass tatsächlich in Deutschland 40.000 Männer an Flughäfen im April 2026 an einer Ausreise gehindert wurden. Auch die ausbleibende Berichterstattung von seriösen Medien legt nahe, dass es sich hierbei um eine Falschbehauptung handelt.
Mutmaßliche russische Propaganda
Das Online-Rechercheprojekt Gnida, das russische Desinformationskampagnen beobachtet, vermutet, dass das Video Teil einer russischen Desinformationskampagne namens „Storm-1516“ ist, wie es in einem X-Posting heißt.
Im Dezember 2025 hat der Bundesnachrichtendienst (BND) Russland als „zentralen Akteur hinter dem Kampagnennetzwerk Storm-1516“ zugeordnet. In der öffentlichen Attribuierung vom 12. Dezember 2025 äußerte sich BND-Präsident Martin Jäger wie folgt: „Wir sind konfrontiert mit einer aggressiven Gegenmacht, die keine Zurückhaltung kennt, wenn es darum geht, eigene Interessen durchzusetzen. Wir müssen unsere Gegner konfrontieren, wo immer dies nötig ist. Öffentliche Attribuierungen markieren dabei einen wichtigen Schritt.“ Die deutsche Bundesregierung warf Russland konkret einen Cyberangriff auf die Flugsicherung und eine Desinformationskampagne im Bundestagswahlkampf vor. Als Konsequenz dafür wurde der russische Botschafter Sergej Netschajew Ende 2025 vom Auswärtigen Amt einbestellt.
In der Vergangenheit berichtete AFP mehrfach über Falschinformationen, die mutmaßlich durch „Storm-1516“ verbreitet wurden.
Fazit: In sozialen Medien wurde ein Video verbreitet, das optisch an Berichte des Mediums Deutsche Welle angelehnt ist. Im Video wird behauptet, dass im April 2026 angeblich mehr als 40.000 Männern die Ausreise verweigert worden sei, da ihnen keine Genehmigung der Bundeswehr erteilt wurde. Recherchen von AFP zeigen jedoch, dass das Video gefälscht ist und die darin aufgestellten Behauptungen größtenteils falsch sind. Das bestätigten auch die DW und das Verteidigungsministerium.
