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Konsens über Klimawandel bleibt trotz Überarbeitungen extremer Emissionsszenarien

Die jüngsten Anpassungen der extremsten Szenarien in den wichtigsten UN-Klimaberichten wurden in sozialen Medien unzutreffend dargestellt, unter anderem von US-Präsident Donald Trump. Vorschläge von Fachleuten, diese Szenarien an gegenwärtige Entwicklungen anzupassen, stellen den breiten Konsens in der Klimaforschung, wonach menschliche Emissionen für die großen Umweltveränderungen verantwortlich sind, nicht in Frage. Außerdem wurden die Änderungen von unabhängigen Expertinnen und Experten empfohlen, um der Ausbau erneuerbarer Energien Rechnung zu tragen.

Die abgesagte Apokalypse- IPCC zieht Horrorszenarien zurück“, lautet die Beschreibung eines Tiktok-Beitrags vom 17. Mai 2026. „Jene Horrorprognose, die seit Jahrzehnten als unumstößliches Dogma eingeprügelt wurde, das berüchtigte Extremszenario einer 5 Grad Erderwärmung bis zur Jahrhundertwende, wurde nun offiziell in den Reißwolf befördert“, sagt ein Mann im Video.

Auch auf Englisch machte die Behauptung am 18. Mai 2026 die Runde. In einem Video sagt die kanadische Influencerin Tajana Cekic, deren Aussagen AFP bereits mehrmals überprüfte: „Die UNO gibt zu, dass die Hälfte unserer Daten zur Vorhersage langfristiger Wetterherausforderungen und des Klimawandels nicht vollständig korrekt ist.“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wären dafür bezahlt worden, „die Ergebnisse zu bekommen, die sie wollten“, fügt sie hinzu.

US-Präsident Donald Trump schrieb am 16. Mai 2026 auf seiner Onlineplattform Truth Social: „Das oberste Klimakomitee der Vereinten Nationen hat gerade eingeräumt, dass seine eigenen Prognosen (RCP8.5) FALSCH waren!“, während er „fragwürdige Forschungsprogramme“ kritisierte.

Auch auf Facebook teilten mehrere Nutzerinnen und Nutzer Behauptungen zum Thema.

 

Facebook-Screenshot der Behauptung, oranges Kreuz von AFP hinzugefügt: 29. Mai 2026

 

Ähnliche Behauptungen wurden am 20. Mai 2026 in einer Aktuellen Stunde im Deutschen Bundestag aufgegriffen. Darin war die Rede von einem Bericht, der eine Überarbeitung von Szenarien empfahl, die seit Jahren von Forscherinnen und Forschern genutzt und in wichtige Klimaberichte der Vereinten Nationen aufgenommen werden.

Die Empfehlungen zur Szenarienüberarbeitung stammen vom kooperativen Rahmenwerk Coupled Model Intercomparison Project (CMIP) und nicht von den Vereinten Nationen oder deren Klimagremium, dem Weltklimarat (IPCC). CMIP ist ein anderes internationales Gremium von Klimamodelliererinnen und Klimamodellierern.

RCP8.5 bezieht sich auf das jahrelang vom IPCC verwendete Worst-Case-Szenario, in dem Menschen weiterhin ungebremst Öl, Gas und Kohle verbrennen.

Die Entscheidung, dieses Szenario nicht weiter zu verwenden, widerspricht jedoch nicht der Klimawissenschaft, die von dem Konsortium unabhängiger Expertinnen und Experten vorgelegt und über Jahrzehnte in der Forschung etabliert wurde.

CMIP-Autor wies Trumps Darstellung zurück

Detlef Van Vuuren, Hauptautor des CMIP-Berichts, sagte gegenüber AFP, Trumps Beitrag in sozialen Medien sei eine „völlig falsche Interpretation“ der Schlussfolgerungen. Er bekräftigte gegenüber AFP am 23. Mai 2026: „Es gibt viel Fehlinformation zu der Tatsache, dass wir vorschlagen, kein so extremes Hochszenario wie RCP8.5 zu verwenden.“

Der CMIP-Bericht kam zu dem Schluss, dass die im Worst-Case-Szenario angenommenen hohen Emissionsniveaus „unplausibel geworden“ seien. Dies sei jedoch eine Folge der Nutzung erneuerbarer Energien, von Klimapolitiken und von jüngsten Emissionstrends.

Van Vuuren sagte allerdings, das Zurückziehen des bisherigen Worst-Case-Szenarios „bedeutet keineswegs, dass wir beim Klimawandel große Fortschritte gemacht haben“. Selbst unter den aktualisierten Extremprojektionen könnten die Temperaturen bis 2100 im Vergleich zur vorindustriellen Periode von 1850 bis 1900 noch um fast 3,5 °C steigen.

Im neuen Best-Case-Szenario würden die Temperaturen im Vergleich zur vorindustriellen Periode von 1850 bis 1900 um mindestens 1,7 oder 1,8 °C „übersteigen“, bevor dieser Anstieg wieder auf 1,5 °C zurückgehen würde. Auch das bisher beste Szenario ist also unwahrscheinlicher geworden.

Van Vuuren verglich die Notwendigkeit, ein Spektrum von Klimaszenarien zu untersuchen, mit Ingenieurinnen und Ingenieuren, die die Stabilität einer Brücke bewerten. Diese berechneten „nicht nur, ob die Brücke unter normalen Bedingungen stabil genug ist, sondern auch, ob sie ein Szenario mit einem sehr schweren Sturm überstehen würde“. Selbst wenn der Sturm nie eintrete, bedeute das nicht, dass das vorhergesagte Ergebnis für die Brücke „falsch“ gewesen sei, sagte er. Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler sähen nun, dass sich „der relevante Bereich verschoben hat“.

In einem Facebook-Beitrag schrieb das deutsche Umweltministerium am 21. Mai 2026 zur Behauptung, der IPCC hätte mit seinem Extremszenario RCP8.5 falsch gelegen: „Das stimmt so nicht.“ Selbst wenn alle aktuellen Klimaziele eingehalten würden, „erwartet die UN derzeit rund 2,8 °C Erwärmung bis 2100“.

In der Regierungspressekonferenz am 27. Mai 2026 äußerte sich eine Ministeriumssprecherin zur Thematik. Der Wegfall des Extremszenarios RCP8.5 sei ein „Erfolg wirksamer internationaler Klimapolitik“. Sie begründete dies folgendermaßen: „Es haben sich schlicht und ergreifend erneuerbare Energien durchgesetzt.“

Klimamodelle und politische Realität haben sich verändert

Der US-Klimawissenschaftler Zeke Hausfather sagte, einige Studien hätten RCP8.5 in der Vergangenheit unzutreffend als „Business-as-usual“-Szenario beschrieben.

„Ich selbst und viele andere Forschende haben dem über die Jahre widersprochen, und wir haben Fortschritte gesehen, da Forschende angesichts der heutigen Weltlage realistischere Szenarien verwenden“, sagte er AFP am 21. Mai 2026.

Ähnlich äußerte sich der Klimawissenschaftler Gavin Schmidt, der bei der Nasa tätig ist. Was früher als „Business-as-usual“-Szenario gegolten habe, habe beschrieben, was ohne die Umsetzung jeglicher Klimapolitik passieren könnte. „Das ist nicht mehr relevant, da wir viele Maßnahmen umgesetzt haben“, sagte er AFP am 23. Mai 2026.

Zudem seien einige Auswirkungen der Erderwärmung bislang nicht vollständig in die gängigen Klimamodelle integriert, wie Schmidt in einer am 20. Mai 2026 veröffentlichten Analyse zum Auslaufen von RCP8.5 erklärte.

Dies gelte beispielsweise für das kritische Abschmelzen der Eisschilde, bei dem viele Modelle noch nicht mit den hohen Schmelzraten Schritt hielten, die in Teilen der Welt, darunter in Grönland, beobachtet werden würden.

Eisberge, die aufgrund warmer Temperaturen entlang des Scoresby-Sund-Fjords im Osten Grönlands schmelzen: 16. August 2023 – Olivier MORIN / AFP

Zusätzlich liefern wissenschaftliche Arbeiten, die RCP8.5 korrekt verwendet haben, weiterhin wichtige Erkenntnisse zu möglichen Auswirkungen, erklärte Vivek Srikrishnan, Assistenzprofessor für Umwelttechnik an der Cornell University im US-amerikanischen Bundesstaat New York.

„An den bisherigen Simulationen und Studien, die RCP8.5 genutzt haben, ist nichts falsch. Wir gehen lediglich davon aus, dass dieses Emissionsniveau bis 2100 weniger plausibel ist“, sagte er.

Nach 2100 könnten laut dem Assistenzprofessor jedoch weiterhin ähnliche Konzentrationsniveaus auftreten, wie sie in RCP8.5 projiziert wurden.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wiesen AFP zudem darauf hin, dass die inzwischen ausgemusterten Szenarien auch in den nächsten IPCC-Berichten weiterhin erscheinen werden, gemeinsam mit den neuen, da sie nach wie vor in der Forschung zitiert werden würden.

Klimawissenschaftler Hausfather sagte dazu: „Die Welt endet nicht im Jahr 2100, auch wenn viele unserer Modelle dort enden.“

Vorwurf der Bestechung wurde dementiert

Expertinnen und Experten sagten AFP zudem, die Behauptung, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler würden von den Vereinten Nationen bezahlt, um extreme Positionen zum Klimawandel zu verbreiten, sei falsch.

Der IPCC erklärt auf seiner Website, dass „Hunderte von Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten ihre Zeit und ihr Fachwissen ehrenamtlich zur Erstellung der Berichte einbringen“ würden. Tausende weitere würden zum „Begutachtungsprozess sowie zur Literatur und zu anderem Wissen“ beitragen, das in den IPCC-Berichten bewertet werde. „Diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden nicht vom IPCC bezahlt.“

Hausfather stimmte dem zu: „Abgesehen von einer kleinen Handvoll von Personen, die in der technischen Unterstützungsstelle des IPCC angestellt sind, wird niemand von uns für die Arbeit an dem Bericht bezahlt.“

Das Papier, das Änderungen an den Klimaszenarien empfiehlt, sei zudem „fälschlicherweise dem IPCC zugeschrieben worden“, erklärte das Gremium in einer Mitteilung vom 20. Mai 2026, in der es auf die Fehlinformationen zu den aktualisierten Modellen einging. „Der IPCC betreibt keine eigene Forschung, führt keine Modelle aus und nimmt keine Messungen vor“, hieß es darin.

Der siebte Sachstandszyklus umfasst derzeit 664 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 111 Ländern.

AFP veröffentlichte weitere Faktenchecks zum Thema Umwelt und zu Behauptungen über den IPCC.

Fazit: Behauptungen, der Weltklimarat (IPCC) habe Klimaszenarien „zurückgezogen“, sind irreführend. Fachleute empfehlen lediglich realistischere Annahmen aufgrund von Fortschritten bei erneuerbaren Energien. Der wissenschaftliche Konsens zum menschengemachten Klimawandel bleibt bestehen. Die Empfehlung wurde zudem fälschlich dem IPCC zugeschrieben.

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Klimawandel

Autor(en): Elena CRISAN / Manon JACOB / AFP Österreich / AFP USA / AFP Kanada

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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