Grafik zur angeblich wachsenden Eisbärenpopulation verwendet unzuverlässige Daten - Featured image

Grafik zur angeblich wachsenden Eisbärenpopulation verwendet unzuverlässige Daten

In sozialen Netzwerken kursiert eine Grafik, die angeblich zeigt, dass die Eisbärenpopulation trotz der globalen Erderwärmung wächst. Das ist irreführend. Verschiedene Experten haben gegenüber AFP erklärt, dass die grafische Darstellung überholte und unzuverlässige Daten verwendet und dass der menschengemachte Klimawandel eine Bedrohung für die Eisbären darstellt.

Rund ein Dutzend Mal wurde ein Facebook-Post mit der Grafik geteilt und erreichte damit hunderte Nutzerinnen und Nutzer.

Die Behauptung: „Der Bestand an Eisbären nimmt zu / passt aber nicht ins Klimanarrativ, deswegen ist die Info gestrichen“, heißt es in einem Facebookbeitrag vom 4. Januar 2023 von Bjørn Lomborg, Autor des umstrittenen Blogs „The Skeptical Environmentalist“. Die im Beitrag angehängte Grafik zeigt eine angebliche Zunahme der Eisbären zwischen 1965 und 2021. Sie verwendet Informationen von der „Polar Bear Specialist Group“ (PBSG), die zur „International Union for the Conservation of Nature“ (IUCN) gehört, also die „IUCN Eisbär-Spezialisten-Gruppe“.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 26. Januar 2023

Klimawandelskeptikerinnen und -skeptiker verweisen oft auf das Wachstum bestimmter Bärenpopulationen, um die Rolle des Menschen bei der Erderwärmung herunterzuspielen, wie AFP bereits berichtet hat. Faktenchecks zum Thema Klima hat AFP hier gesammelt.

Verschiedene Experten erklärten jedoch gegenüber AFP, dass die in der online veröffentlichten Grafik verwendeten Daten unvollständig seien. Die IUCN schreibt in ihrer Roten Liste der bedrohten Tierarten, dass die Populationsentwicklung der Eisbären „unbekannt“ sei.

Reine Spekulation

In der Fußnote des Diagramms wird darauf hingewiesen, dass die Kurve auf acht Datensätzen beruht, von denen sechs aus dem letzten Statusbericht der PBSG von 2021 stammen. Die anderen Daten stammen aus Protokollen von zwei Sitzungen: einer der PBSG im Jahr 1981 und einer Sitzung einer Vorläufergruppe im Jahr 1965.

Die Grafik zeigt einen Anstieg von 1965 bis 1981, der mit dem internationalen Verbot der Eisbärenjagd zusammenfällt. Das Verbot wurde 1973 mit Ausnahmen für indigene Gemeinschaften erlassen.

Der ehemalige PBSG-Vorsitzende Dag Vongraven vom Norwegischen Polarinstitut erklärte jedoch gegenüber AFP am 11. Januar 2023, dass die Schätzungen von 1965 und 1981 aufgrund von Einschränkungen beim Eisbären-Tracking zu dieser Zeit nicht stichhaltig seien.

Die Zahlen für 1965 stammen aus einem Absatz in einem wissenschaftlichen Tagungsbericht und beruhen auf drei Schätzungen. Zwei davon sind Ableitungen von Bärenzählungen in Alaska im Jahr 1959 und in Kanada im Jahr 1964, die andere ist eine Schätzung des weltweiten Verbreitungsgebiets von 1961 durch einen sowjetischen Wissenschaftler.

 

Screenshot eines Berichts zu Eisbären von 1965 (Universität Alaska / US-Büro für Sportfischfang und Wildtiere)

 

„Das ist reine Spekulation, ganz einfach. Man kann diesen Daten überhaupt nicht trauen“, sagte Vongraven.

Eisbären sind schwer aufzuspüren, da sie in abgelegenen Regionen der Arktis auf dem Eis umherstreifen, wo sie mit der weißen Landschaft verschmelzen. Forscherinnen und Forscher überwachen sie mithilfe von Überflügen und elektronischen Markierungen.

Vongraven sagte, dass Halsbänder für die Satellitenortung von Eisbären in den späten 1960er-Jahren eingeführt wurden. Und die 19 verschiedenen Unterpopulationen von Eisbären, die eine genaue Zählung ermöglichen, waren 1981 noch nicht abgegrenzt. Die Daten aus dem Bericht von 1981 seien also ebenfalls unzuverlässig für die Erstellung einer globalen Grafik, so Vongraven. Die Zahlen beruhen auf Schätzungen aus 17 Gebieten, die bis ins Jahr 1969 zurückreichen.

„Diese Erhebungen beziehen sich auf wirklich zufällige Teile eines Gebiets, weil wir damals noch nicht wussten, wo die Populationen (abgegrenzt) waren, sodass es sich dabei um grobe Schätzungen, Spekulation handelt, sehr grobe Methoden“, sagte Vongraven. „Man kann sie einfach nicht verwenden. Dahinter stecken wirklich wenige Daten.“

„Verbesserte Schätzungen“

Steven Amstrup, leitender Wissenschaftler der Naturschutzorganisation „Polar Bears International“, schrieb er AFP in einer E-Mail am 8. Januar 2023, dass die scheinbar ansteigende Kurve der online gezeigten Grafik ein „verbessertes Wissen“ über die Eisbärenpopulation widerspiegelt und nicht einen allgemeinen Anstieg.

Die Eisbärzahlen würden aus einer Kombination von Schätzungen für gut untersuchte Gebiete und „fundierten Vermutungen“ für weniger bekannte Gebiete abgeleitet. Letztere basieren zum Teil auf der Kenntnis des Meereises und der Lebensräume, so Amstrup.

„Eine globale Schätzung ist daher eine Kombination aus einigen guten Zahlen und anderen, von denen wir weit weniger überzeugt sind“, schrieb er AFP in einer E-Mail am 9. Januar 2023

Grafik zum Eisbären: Teilpopulationen und Trends der letzten Generation, Populationsschätzungen bis zum Jahr 2100 und Vergleiche mit anderen Bärenarten. (AFP / Valentin Rakovsky, David Lory)

Von den 19 eigenständigen Eisbär-Teilpopulationen sind einige für die Überwachung besser zugänglich als andere. So ist beispielsweise über die Bären in der westlichen und südlichen Hudson Bay in Kanada mehr bekannt als in entlegenen Gebieten.

„Je mehr wir in Erfahrung gebracht haben, desto klarer wurde uns, dass in einigen dieser Gebiete frühere Schätzungen zu niedrig waren und wir glauben jetzt, dass es dort mehr Bären gibt, als wir bisher angenommen haben“, so Amstrup.

„Wenn man die geschätzte globale Population über die Zeit grafisch darstellt, kann es wie eine ansteigende Kurve aussehen. Diese Darstellung der geschätzten Zahlen im Laufe der Zeit spiegelt jedoch eher verbesserte Schätzungen als ein Wachstum der Zahlen wider.“

Unzureichende Daten

Neuere Daten für bestimmte Gebiete sind zwar detaillierter, reichen aber immer noch nicht aus, um ein genaues Gesamtbild zu zeichnen. Die PBSG schrieb in ihrem Statusbericht, dass die Überwachung für Veränderungen in 10 der 19 Teilpopulationen „unzureichende Daten“ über die letzte Generation von Eisbären oder etwa 11,5 Jahre lieferte.

Die jüngste Schätzung der PBSG für die weltweite Eisbärenpopulation liegt bei 26.000 Bären – ein Durchschnittswert aus einer Spanne von 22.000 und 31.000. Die genauen Zahlen für vier der Teilregionen sind als „unbekannt“ aufgeführt.

Foto: Eine Eisbärin und ihr Junges suchen nach Nahrung. Ufer der Hudson Bay in der Nähe von Churchill, Kanada am 5. August 2022. (AFP / Olivier Morin)

„Für die russische Population gibt es keinerlei Daten – auch für das Polarbecken nichts, keine Studien, weil es viel zu abgelegen und teuer ist“, sagte Vongraven vom Norwegischen Polarinstitut.“Über die Hälfte des Gebietes, in dem sich Eisbären aufhalten, wissen wir also nichts.“

Die PBSG hat in ihrem Bericht von 2021, der in der Quellenangabe der Grafik zitiert wird, erklärt, dass sie die Schätzungen seit 1993 angepasst hat.

„Obwohl für mehrere Teilpopulationen inzwischen bessere Informationen vorliegen, fehlen einige Schätzungen, sind veraltet oder unterliegen großer Unsicherheit“, heißt es in dem Dokument.

Vongraven sagte, es sei „logisch, dass diese gesamte Population in den Jahren nach dem Jagdverbot von 1973 zugenommen hat“. Doch die „Tragfähigkeit“, die Anzahl der Bären, die ein bestimmtes Umfeld verkraften kann, habe diese Zahl in Grenzen gehalten.

„In den letzten Jahrzehnten hat der Klimawandel ganz offensichtlich dazu geführt, dass die Tragfähigkeit enorm gesunken ist“, so Vongraven.

Rückgang in der westlichen Hudson Bay

Eisbären sind auf das Meereis angewiesen, um die Robben zu finden, die sie fressen. Das Eis ist immer weiter zurückgegangen und der hohe Norden erwärmt sich bis zu viermal schneller als der Rest der Welt, wie eine im August 2022 in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichte Studie zeigt.

Eine im Dezember 2022 veröffentlichte Luftaufnahme der regionalen kanadischen Behörden aus dem Jahr 2021 ergab, dass die Zahl der Eisbären in der westlichen Hudson Bay innerhalb von fünf Jahren um mehr als ein Viertel zurückgegangen ist. Dem Bericht zufolge könnte der Rückgang zum Teil auf die Abwanderung der Bären in benachbarte Gebiete zurückzuführen sein.

Foto: Ein Eisbär an der Küste der Hudson Bay bei Churchill, Kanada. 8. August 2022. (AFP / Olivier Morin)

Die Vereinten Nationen haben das Schmelzen des Meereises dokumentiert und in ihrem jüngsten Bericht zum Klimawandel wird ausführlich dargelegt, wie der Mensch durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe zur globalen Erwärmung beiträgt. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass der Klimawandel und das schrumpfende Meereis eine Bedrohung für Eisbären und deren Lebensraum darstellen.

Eine Studie aus dem Jahr 2020 hat ergeben, dass die Länge der eisfreien Periode in einigen Gebieten einen entscheidenden Schwellenwert für das Überleben der Bären überschritten haben könnte.

„Die Daten aus den Gebieten, die wir am besten kennen, zeigen eindeutig, dass der Rückgang des Meereises letztlich zu einem Rückgang der Zahl und der Verbreitung der Eisbären führt“, sagte Amstrup von „Polar Bears International“.

„Die Tatsache, dass einige Populationen noch nicht vom Rückgang des Eises betroffen sind und dass wir jetzt den Eindruck haben, dass einige dieser Teilpopulationen größer sind als bisher angenommen, ist eine gute Nachricht. Aber das ist nur vorübergehend gut, wenn die Menschheit die globale Erwärmung nicht aufhält.“

Fazit: Diese Grafik belegt nicht, dass die Eisbärenpopulation wächst. Die Daten, mit denen die Grafik arbeitet, sind unzuverlässig und veraltet. Aus den gestiegenen Zahlen geht lediglich hervor, dass die Schätzungen über die Jahre präziser geworden sind, wie verschiedene Experten erklärt haben. Das Überleben der Eisbären ist trotz allem durch den menschengemachten Klimawandel bedroht, weil ihr Lebensraum immer weiter schrumpft.

Fact Checker Logo

Wissenschaft, Umwelt

Autor(en): Jan RUSSEZKI, Roland LLOYD PARRY, AFP USA, AFP Deutschland

Ursprünglich hier veröffentlicht.

Nach oben scrollen