Statistik widerspricht Musks Behauptung zu Brüssel - Featured image

Statistik widerspricht Musks Behauptung zu Brüssel

Brüssel, Sitz vieler wichtiger Institutionen der Europäischen Union, ist eine internationale Stadt. Doch sind dort tatsächlich 73 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren keine Europäer, wie es Nutzer in sozialen Medien teilen? Übernommen wurde die Behauptung vom US-Tech-Milliardär Elon Musk, dem Eigentümer der Plattform X. Doch stimmt sie eigentlich?

Bewertung

Diese Zahl ist nicht korrekt. Nach Angaben der belgischen Statistikbehörde Statbel besitzen 62,9 Prozent der Menschen unter 18 Jahren in Brüssel eine Herkunftsnationalität außerhalb der Europäischen Union. Nach den Regeln der belgischen Statistiker können sie aber trotzdem auch aus Europa stammen. Denn nicht jedes europäische Land ist gleichzeitig Mitglied der EU. Die genaue Zahl der Europäer in Brüssel lässt sich mit der belgischen Statistik deshalb gar nicht erfassen.

Fakten

Wörtlich hat Musk auf X behauptet: «73% of children in Brussels, the capital of Europe, are not European!» (73 Prozent der Kinder in Brüssel, der Hauptstadt Europas, sind keine Europäer) und «The Great Replacement has already happened.» (Der große Austausch hat bereits stattgefunden).

Bekannte Verschwörungserzählung

Der letzte Satz ist keine neutrale Feststellung. Die «Great Replacement»-Theorie ist auf deutsch das Narrativ vom «großen Austausch» – und damit eine rechtsextreme Verschwörungserzählung. Sie behauptet, es gebe einen gezielten Bevölkerungsaustausch der «einheimischen» (weißen) Bevölkerung durch Migratinnen und Migranten. Diese Erzählung wird nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung auch von Rechtspopulisten aufgegriffen.

Als Quelle für die Brüsseler Zahlen nennt Musk einen Post von Mario Nawfal, einem libanesisch-australischen Unternehmer und Influencer, der in Dubai lebt. Nach Angaben der New York Times teilte Elon Musk seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump mehr als 1000 Posts von Nawfal. In seinem Post mit Bezug auf Brüssel schreibt auch Nawfal «demographic replacement».

Belgische Statistik nennt andere Zahlen

Eine schriftliche Anfrage der Deutschen Presse-Agentur beim belgischen Statistikamt Statbel führt allerdings zu anderen Zahlen als bei Nawfal und Musk. Danach besitzen 10,6 Prozent der Brüsseler Kinder und Jugendlichen bis 17 Jahre eine Staatsangehörigkeit belgischen Ursprungs, 26,6 Prozent eine Staatsangehörigkeit europäischen Ursprungs (ohne belgische Staatsangehörigkeit) und 62,9 Prozent haben eine Staatsangehörigkeit nicht-europäischen Ursprungs. Die Zahlen stammten laut Behörde aus der Erhebung vom 1. Januar 2025, jüngere Daten gebe es noch nicht.

Die belgische Statistik weist dabei eine Besonderheit auf: Nicht-europäischen Ursprungs bedeutet, dass es um Staaten außerhalb der EU geht. Sie können also dennoch zu Europa gehören wie Großbritannien, Norwegen, Island, Liechtenstein, Schweiz, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien, Montenegro, Serbien, Kosovo, die Ukraine oder die Türkei.

Korrekt würden die Zahlen also lauten: 62,9 Prozent der Menschen unter 18 Jahren in Brüssel besitzen eine Staatsangehörigkeit außerhalb der Europäischen Union. Wie viele davon trotzdem Europäer sind, erfasst die Statistik nicht gesondert.

Komplizierte Parameter

Statbel ist dafür in anderen Punkten viel detaillierter. Die Behörde antwortet auf die Anfrage der dpa: «Es ist wichtig zu erklären, wie die Herkunftsnationalität bestimmt wird.»

Gehöre die Person zur Kategorie «Belgier/in belgischer Herkunft», dann sei die Herkunftsnationalität belgisch. Gehöre die Person nicht zu dieser Kategorie, wird die Herkunftsnationalität von der zuerst eingetragenen Staatsangehörigkeit der Eltern bestimmt.

Die recht komplizierte Regelung läuft darauf hinaus: Wenn nur ein Elternteil keine belgische Staatsangehörigkeit zuerst eingetragen hat, gilt auch das Kind nicht als «Belgier/in belgischer Kerkunft» – selbst wenn Vater oder Mutter immer Belgier waren.

Das schließt aber nicht aus, dass viele Menschen dieser Gruppen auch einen belgischen Pass haben – und damit Europäer sind.

Land war Kolonialmacht, Stadt hat EU-Einrichtungen

Es stimmt, dass Brüssel wie fast jede Weltmetropole – insbesondere in Ländern mit einer Kolonialgeschichte – auch viele Menschen von anderen Kontinenten anzieht. Brüssel hat laut Statbel in ganz Belgien den größten Anteil an Menschen, deren Herkunftsnationalität außerhalb der 27 EU-Länder liegt: 61,6 Prozent im Vergleich zu 59,8 Prozent in Flandern und 41,2 Prozent in Wallonien.

Die «Hauptstadt Europas», wie Elon Musk sie nennt, ist Brüssel auch nur umgangssprachlich. Jedes EU-Land hat seine eigene Hauptstadt. Offizieller Sitz des EU-Parlaments ist Straßburg. Weil Brüssel Sitz vieler EU-Institutionen ist, leben dort aber viele Diplomaten und Lobbyisten mit ihren Familien aus Europa und der ganzen Welt.

(Stand: 15.1.2026)

Fact Checker Logo

Migration, Gesellschaft

Autor(en): dpa

Ursprünglich hier veröffentlicht.

Nach oben scrollen