Bewertung
Keine seriösen Studien belegen eine solche Annahme. Im Gegenteil: Es gibt Untersuchungen, die im äußersten Extremfall von einem muslimischen Bevölkerungsanteil von maximal 20 Prozent im Jahr 2050 ausgehen. Aber selbst diese Angaben sind nach Expertenansicht zu hoch gegriffen.
Fakten
Nach Schätzungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in der Studie «Muslimisches Leben in Deutschland 2020» lebten 2019 rund 5,5 Millionen Menschen mit muslimischer Religion in Deutschland, die einen Migrationshintergrund aus einem muslimisch geprägten Land haben. Das war ein Anteil von 6,6 Prozent an der Gesamtbevölkerung.
Aussagen zur künftigen Zahl von Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland können nur auf Annahmen beruhen. Besonders stark beeinflusst werden diese sicherlich von Ausblicken auf mögliche Zu- und Abwanderung. Doch sie betreffen unter anderem auch Faktoren wie Geburten- und Sterberaten, Religionswechsel sowie den Anteil gemischtreligiöser Partnerschaften und ihrer Kinder.
Pew-Studie prognostiziert 20 Prozent in Extrem-Szenario
Eine ausführliche Studie des Pew Research Centers von 2017 betrachtet die Veränderung des muslimischen Bevölkerungsanteils in europäischen Ländern. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass auch bei hoher Zuwanderung (extremstes Szenario) der Anteil der Muslime in Deutschland im Jahr 2050 auf 20 Prozent steigen könnte – nicht auf mindestens 50.
Unter «hoher Zuwanderung» versteht das Pew-Team: Die Rekordzahl der Ankunft von Flüchtlingen in Europa zwischen 2014 und 2016 geht auf unbestimmte Zeit mit derselben religiösen Zusammensetzung (das heißt: überwiegend Muslime) zusätzlich zur typischen regulären jährlichen Migration weiter. Dieses Szenario wird aber selbst vom Pew Research Center als eher unrealistisch eingeschätzt.
Und die Zuwanderungszahlen haben sich seit 2016 tatsächlich stark verringert: Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) wurden 2014 in Deutschland knapp 203.000 Asylanträge gestellt, 2015 waren es fast 477.000 und 2016 gut 745.500 Anträge. Im laufenden Jahr hingegen nahm das Bamf bis Ende Oktober insgesamt fast 142.500 Asylanträge entgegen.
Weitere Studie: im Extremfall mehr als 25 Prozent nach 2075
Eine 2019 veröffentlichte Untersuchung aus Saudi-Arabien schätzt, dass selbst bei einer ständig hohen Flüchtlingsbewegung nach Deutschland (in der Anzahl und Zusammensetzung so wie im Jahr 2017) der muslimische Bevölkerungsanteil hierzulande im Jahr 2075 erst 25 Prozent übersteigen könnte. 2017 wurden in der Bundesrepublik knapp 223.000 Asylanträge gestellt.
Bevölkerungsforscher: baldige muslimische Mehrheit «unrealistisch»
Nachgefragt hat das Faktencheck-Team der Deutschen Presse-Agentur (dpa) beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), das die Ursachen und Folgen des demografischen Wandels untersucht.
Dem Forschungsdirektor Sebastian Klüsener, der den BiB-Bereich Alterung, Mortalität und Bevölkerungsdynamik leitet, sind «keine seriösen wissenschaftlichen Studien bekannt, die für Deutschland eine muslimische Bevölkerungsmehrheit vorhersagen». Vorausberechnungen, die auf eine muslimische Bevölkerungsmehrheit im Jahr 2050 kommen, bezeichnet der Kölner Universitätsprofessor als «unrealistisch».
Das Institut hat selbst bisher keine Vorausberechnungen zur Entwicklung des muslimischen Bevölkerungsanteils in Deutschland durchgeführt, Klüsener verweist aber auf das «hohe wissenschaftliche Niveau» der bereits erwähnten Pew-Studie von 2017. Da das Pew Research Center aber als Berechnungsgrundlage damalige Zuwanderungszahlen nutzt, geht der Forschungsdirektor davon aus, dass auch diese Vorausberechnungen einen zu hohen muslimischen Bevölkerungsanteil im Jahr 2050 ermitteln.
Im Zensus 2022 nämlich wurde die Anzahl der Ausländer in Deutschland um etwa eine Million auf 10,9 Millionen nach unten korrigiert. Klüsener zufolge waren darunter auch mindestens 100.000 Personen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die um das Jahr 2015 als Zuwanderer registriert wurden, 2022 aber nicht mehr in Deutschland lebten.
Zuwanderung kann politisch in erheblichem Maße gesteuert werden. Die aktuelle schwarz-rote Koalition unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) will Migration weiter begrenzen (S. 92). «Bei den syrischen Schutzsuchenden ist außerdem eher damit zu rechnen, dass mittelfristig ein nicht unerheblicher Teil wieder nach Syrien zurückkehren wird», so der BiB-Experte.
Hoher Anstieg des muslimischen Anteils über Geburten ist Mythos
Nach Angaben des UN Population Prospects verzeichnen viele muslimisch geprägte Bevölkerungen stark sinkende Geburtenraten. «Die aktuellen Tendenzen deuten darauf hin, dass auch in muslimisch geprägten Ländern und Bevölkerungen hohe Geburtenraten bald der Vergangenheit angehören», sagt Klüsener.
In der Türkei etwa hat sich die Geburtenziffer seit 1990 von 3,1 auf 1,6 Kinder pro Frau (2023) fast halbiert – und liegt damit gar nicht mehr weit entfernt von den Zahlen für Deutschland (1,4). In Albanien, dem größten muslimisch geprägten Land Europas, bewegt sich die Geburtenziffer mit 1,3 weit unter dem Reproduktionsniveau von 2,1. Im Iran liegt der Wert bei 1,7.
Klüsener zufolge weisen Forschungsergebnisse darauf hin, «dass Zugewanderte sich der Fertilität der einheimischen Bevölkerung anpassen». Dies gelte – wenn auch zum Teil etwas langsamer – genauso für Muslime. «Angesichts dieser Tendenzen ist es eher unwahrscheinlich, dass zukünftig noch starke Fertilitätsunterschiede zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Bevölkerungsteilen in Deutschland verzeichnet werden.»
Auch das Statistische Bundesamt erstellt keine Vorausberechnungen
Das dpa-Faktencheck-Team hat auch beim Statistischen Bundesamt nachgefragt. Dessen Abteilung, die sich mit Bevölkerungsbewegungen, Vorausberechnungen und demografischen Analysen auseinandersetzt, sind ebenfalls keine Studien bekannt, die eine muslimische Bevölkerungsmehrheit ab 2050 prognostizieren. Die Behörde verweist genauso auf die Ergebnisse der Pew-Studie von 2017.
Das Statistische Bundesamt selbst erstellt keine solchen Vorausberechnungen. In der amtlichen Statistik stehen demnach keine Annahmen zur künftigen Entwicklung der Geburten- und Sterberaten unter Muslimen oder Schätzungen zu Über- und Austritten zu und aus Glaubensgemeinschaften zur Verfügung.
(Stand: 28.11.2025)
