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Polnische und ukrainische Behörden: Keine ungewöhnliche Strahlung gemessen

Nachdem in der ukrainischen Stadt Chmelnyzkyj mutmaßlich ein Waffenlager angegriffen wurde und explodiert ist, spekulieren Nutzerinnen und Nutzer in den sozialen Netzwerken über dort gelagerte Waffen und Munition. Denn die «in Chmelnizki gemessene Gamma-Strahlung» habe sich einem Beitrag zufolge «fast verdoppelt». Und im ostpolnischen Lublin sei ein «Anstieg des Wismut Wertes um das 6- bis 7-fache» verzeichnet worden (Schreibweise im Original). Stimmen diese Angaben und gibt es einen Zusammenhang mit der Explosion in Chmelnyzkyj?

Bewertung

Den ukrainischen und polnischen Behörden zufolge wurde keine ungewöhnliche Strahlung festgestellt. Ältere Messdaten bestätigen dies. Als Grund für den leichten Anstieg nennen Forschende und die Aufsichtsbehörde in Polen Regenfälle.

Fakten

Laut Angaben der ukrainischen Luftwaffe schlugen am 13. Mai vier russische Drohnen in der Region Chmelnyzkyj ein. Satellitenfotos, die die Deutsche Presse-Agentur einsehen konnte, legen nahe, dass es an diesem Tag am Stadtrand von Chmelnyzkyj eine oder mehrere Explosionen gegeben hat. Im Netz kursierten danach Videos einer Explosion und einer großen Rauchwolke, die sich über einen Abgleich mit Online-Kartendiensten eindeutig nach Chmelnyzkyj verorten lassen. Eine ukrainischsprachige Quelle deutet darauf hin, dass der Ort in der Vergangenheit – mindestens bis ins Jahr 2011 – als Munitionslager diente.

In den Folgetagen erschienen in den sozialen Netzwerken Beiträge, die sich mit Strahlenmesswerten in Chmelnyzkyj und in Polen beschäftigten. So sei in der polnischen Stadt Lublin, die etwa 360 Kilometer nordwestlich von Chmelnyzkyj liegt, in der Luft ein hoher Wert für das schwach radioaktive Element Wismut beziehungsweise Bismut gemessen worden. Nutzer legen einen Zusammenhang mit sogenannter Uranmunition nahe, die in Chmelnyzkyj zerstört worden sei. Auch das staatliche russische Propagandamedium «RT» veröffentlichte einen entsprechenden Artikel.

Behörde: Messwerte sind auf Regen zurückzuführen

Doch die Messwerte sind nach Angaben der polnischen Atomenergiebehörde nicht ungewöhnlich hoch. Die staatliche Stelle verweist darauf, dass das Isotop Bismut-214 auf natürliche Weise auf der Erdoberfläche und in der Atmosphäre vorkommt. Dass Bismut (konkreter: die von ihm ausgehende Gammastrahlung) nun in etwas höherer Konzentration gemessen wurde, führt die Behörde auf Regen zurück, der Bismut vom Boden aufwirbele und aus der Luft auswasche.

Auch die Maria-Curie-Skłodowska-Universität in Lublin, von der die Messwerte offenbar stammen, sieht einen Zusammenhang mit Regenfällen in der Stadt. Dass es dort am 15. Mai regnete, belegen Wetterdaten zum Beispiel auf der Website «Timeanddate.de». Auch in den Tagen nach dem 15. Mai, als es in Lublin erneut regnete, lagen die Messwerte der Universität zufolge leicht über dem Durchschnitt.

Die polnische Atomenergiebehörde betont in ihrer Mitteilung: «Diese Werte sind niedrig und stellen weder eine Gefahr für Leben noch Gesundheit dar. Es ist erwähnenswert, dass dieses Isotop in keiner Industrie verwendet wird, auch nicht in der Rüstungsindustrie.»

Grafiken sich durch ihren Zeitraum manipulativ

Die Diagramme, die online als Beleg für die fälschlich behauptete außergewöhnliche Strahlung verbreitet werden, sind teils irreführend. In einem Screenshot auf Twitter ist die Zeitachse so gewählt, dass die in der Vergangenheit regelmäßig erhöhten Messwerte für Bismut nicht mehr angezeigt werden. Schaut man sich beispielsweise die Daten der vergangenen zwölf Monate an, sieht man, dass die gemessene Strahlung an vielen Tagen höher war als am 15. Mai 2023.

Neben Lublin steht auch die ukrainische Stadt Chmelnyzkyj selbst im Fokus von Social-Media-Beiträgen. Dort sei, so die Behauptung, die Gammastrahlung stark angestiegen. Die Militärverwaltung der Region teilte am 15. Mai jedoch mit, dass es sich um «gefälschte Informationen» handele: «Wir betonen, dass in der Region keine Abweichungen von den Normen für Strahlung und andere lebensbedrohliche Stoffe festgestellt wurden.» Auch das Faktencheck-Portal «VoxUkraine» stellte keine Auffälligkeiten in den örtlichen Messwerten fest. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte gegenüber dem US-amerikanischen Portal «Newsweek» mit, dass ihr keine erhöhten Werte in der westlichen Ukraine bekannt seien. Sie berief sich dabei auf offizielle ukrainische Stellen.

Das staatliche ukrainische Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation schrieb in einer Stellungnahme am 18. Mai von einer «Desinformationskampagne» des Feindes, also Russlands. Nach Angaben des Zentrums gibt es auch kein Dokument des ukrainischen Gesundheitsministeriums mit einer vermeintlichen Warnung vor Strahlenbelastung in Chmelnyzkyj. Ein solches angebliches Dokument war in russischen Telegram-Kanälen aufgetaucht.

Fake News über angebliche «radioaktive Wolke»

Belege für die Echtheit des Dokuments gibt es nicht. Ebenso fehlen Belege für die Behauptung, dass in Chmelnyzkyj Uran-Munition gelagert und zerstört worden sei.

Kremlnahe und staatliche russische Medien sowie Influencer behaupteten kurz nach dem Vorfall in Chmelnyzkyj, eine «radioaktive Wolke» ziehe von der Ukraine nach Westen. Das staatliche Nachrichtenportal «Sputnik» berief sich dabei auf Aussagen eines Vertreters des russischen Nationalen Sicherheitsrates. Die staatliche Nachrichtenagentur Tass zitierte hingegen ukrainische Stellen, die Berichte über gefährliche Strahlenwerte in den Regionen Chmelnyzkyj und Ternopil dementierten.

Über den Explosionsort kursierte zunächst auf Russisch das unbelegte Gerücht, es habe sich um ein Munitionsdepot der Nato gehandelt. Diese dementierte die Behauptung jedoch gegenüber rumänischen Faktencheckern. Offizielle russische Stellen werfen dem Verteidigungsbündnis immer wieder vor, direkt am ukrainischen Verteidigungskrieg gegen die russische Invasion beteiligt zu sein. Nach Ansicht von Völkerrechtlern sind zum Beispiel Waffenlieferungen aus Nato-Staaten aber nicht gleichbedeutend mit einem Kriegseintritt.

(Stand: 22.5.2023)

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Wissenschaft, Ukraine, Katastrophen

Autor(en): dpa

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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