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Kaum vergleichbare Studien zur Jugendkriminalität vermischt

Statistiken zur Kriminalitätsentwicklung können helfen, sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen – wenn sie richtig interpretiert werden. Ein Online-Artikel über eine in Nordrhein-Westfalen (NRW) vorgestellte Studie zur Jugendkriminalität behauptet, Jugendliche mit Migrationshintergrund würden häufiger straffällig: «Über einen Zeitraum von mehreren Monaten untersuchten die Wissenschaftler etwa 3.800 Schüler der Jahrgangsstufen sieben und neun an insgesamt 27 Schulen in Gelsenkirchen, Marl und Herten.»

Die Zahl der erfassten Straftaten unter deutschen Schülern zwischen elf und dreizehn Jahren sei demnach von 2013 bis 2024 um etwa 17 Prozent gesunken, während sie sich bei ausländischen Schülern im gleichen Zeitraum um mehr als das Doppelte zugenommen hätte. Doch diese Zahlen allein sagen wenig aus.

Bewertung

Die Daten stammen nicht aus der genannten Befragung, sondern aus der Kriminalitätsstatistik. Zu deren Bewertung fehlt Kontext: Die Zahl der Schülerinnen und Schülern mit deutscher Staatsbürgerschaft in NRW ist im genannten Zeitraum zurückgegangen, die Zahl der ausländischen Schülerinnen und Schüler hat sich mehr als verdoppelt.

Fakten

Der Artikel vermischt Daten aus zwei Quellen: einer Dunkelfeldstudie, die auf anonymen Schülerbefragungen in drrei Städten basiert, und einer Hellfeldstudie, die ausschließlich angezeigte und ermittelte Straftaten in ganz NRW erfasst.

Die unterschiedlichen methodischen Ansätze erschweren den Vergleich der Daten und können bei einer undifferenzierten Darstellung zu Missverständnissen führen. Clemens Kroneberg, einer der Autoren der Dunkelfeldstudie, betonte auf dpa-Anfrage, dass die Ergebnisse seiner Studie auch in etablierten Medien häufig verzerrt oder selektiv wiedergegeben wurden.

In der Dunkelfeldstudie wurden tatsächlich mehr als 3.700 Schülerinnen und Schülern an 27 weiterführenden Schulen in drei Städten des Ruhrgebiets befragt. Die im Online-Artikel genannten Zahlen zur Entwicklung von 2013 bis 2024 haben jedoch nichts mit der Befragung zu tun, sondern stammen aus der Hellfeldstudie.

Die Schülerbefragung aus Gelsenkirchen, Herten und Marl dreht sich eher um unterschiedliches Verhalten von Jungen und Mädchen. Die «Zusammenfassung zentraler Ergebnisse» der Befragung (Seite 11) geht auf Fragen der Staatsangehörigkeit nicht näher ein.

Aus den Tabellen 15 und 16 geht dort hervor, dass die Fallzahlen bei in Deutschland geborenen Kindern der Jahrgangsstufe 7 im genannten Zeitraum zurückgingen, bei der im Ausland geborenen Gruppe hingegen zunahmen. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass sich auch die Gesamtzahl der im Ausland geborenen Kinder deutlich erhöht hat. Daher «müssten diese Zahlen vor dem Kontext der Bevölkerungsentwicklung interpretiert werden.» Diese Daten lägen jedoch nicht vor, heißt es in der Analyse.

Mehr ausländischen Schülerinnen und Schüler in NRW

Einer aktuellen Auswertung der amtlichen Schulstatistik zufolge hat sich die Zahl der ausländischen Schülerinnen und Schüler in NRW von 2014 bis 2024 mehr als verdoppelt. Die Zahl stieg von rund 214.600 im Schuljahr 2014/15 auf rund 441.100 im Schuljahr 2024/25. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler insgesamt stagnierte im gleichen Zeitraum nahezu, die Gruppe mit deutscher Staatsangehörigkeit wurde also kleiner. Angesichts der Bevölkerungsstatistik sind die Erkenntnisse aus der Hellfeldstudie somit wenig überraschend.

Die Dunkelfeldstudie kommt zu dem Ergebnis, dass «der Anstieg der Jugenddelinquenz […] auf die in Deutschland geborenen Schülerinnen und Schüler» zurückgeht. Doch um «hierfür belastbare Antworten zu finden, ist es notwendig, zwischen verschiedenen Herkunftsgruppen und Generationen sowie sozio-ökonomischen Kontexten zu differenzieren und anspruchsvollere statistische Verfahren zur Anwendung zu bringen».

(Stand: 7.11.2025)

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Migration, Gesellschaft

Autor(en): dpa

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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