Bewertung
Falsch. Keine seriöse Studie geht von solch einer hohen Zahl aus. Der Wert von 80 Prozent ist keine tatsächlich belegte Zahl, sondern eine vor Jahren verbreitete Privatmeinung eines libanesischen Moderators.
Fakten
Die Behauptung zirkuliert vor allem über soziale Medien und einschlägige Foren – und das schon seit längerem und auch in anderen Ländern. Die pauschalisierende Formulierung über Muslime und Sozialstaat ist oft identisch oder fast identisch. Doch was regelmäßig fehlt: eine konkrete Primärquelle. Nirgendwo in den Posts wird eine Studie, amtliche Statistik oder Datenbank angegeben, um die Aussage zu belegen. Der dpa-Faktencheck begibt sich auf die Suche.
50 Millionen Muslime bezieht sich auf ganz Europa, nicht nur EU
Die Zahl von etwa «50 Millionen Muslimen in Europa» kann je nach Definition von «Europa» und je nach Datenjahr variieren. Für «Europa» gibt es zwar keine einheitliche, aktuelle offizielle Gesamtzahl der Religionszugehörigkeit, doch als grobe Rundung ist die Größenordnung für Muslime, die nicht nur Migranten sind, nachvollziehbar.
Das Pew Research Center berichtet etwa in einer jüngeren Studie, im Jahr 2020 habe es in Europa 45,5 Millionen Muslime gegeben (S. 96). Zu Europa zählt das Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Washington nicht nur die Europäische Union (EU), sondern auch weitere europäische Staaten wie Russland oder die stark muslimisch geprägten Balkan-Länder Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Albanien (S. 152). Von den insgesamt 753 Millionen Einwohnern Europas im Jahr 2020 waren demnach 6 Prozent muslimischen Glaubens.
Zahl zu millionenfacher Sozialhilfe für Muslime ist erfunden
Der entscheidende Teil der Aussage in sozialen Medien aber ist: 40 Millionen Muslime lebten angeblich von Sozialhilfe. Das wären also rund 80 Prozent der Muslime in Europa.
Um diese Behauptung zu belegen, wäre ein europaweiter Datensatz nötig, der
- die Religion erfasst,
- den Sozialleistungsbezug länderübergreifend vergleichbar misst und
- alle europäischen Staaten inklusive beispielsweise Russland und Albanien einbezieht.
Doch einen solchen Datensatz gibt es nicht. Schon «Sozialhilfe» ist kein europaweit einheitlicher, direkt vergleichbarer Begriff. Sozialsysteme unterscheiden sich von Land zu Land stark. Je nachdem geht es dabei etwa um Grundsicherung, Arbeitslosenunterstützung, Wohngeld, Familienleistungen oder Sozialhilfe im engeren Sinn.
Deutschland erfasst keine Religionszugehörigkeit
Schon in Deutschland wird der Begriff «Sozialhilfe» unscharf verwendet: Umgangssprachlich meinen viele damit die Grundsicherung (bis Juli 2026: Bürgergeld) nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II). Juristisch ist Sozialhilfe meist geregelt nach SGB XII.
Die Religionszugehörigkeit wird in der deutschen Arbeitslosenstatistik nicht erfasst. Nach Artikel 9 der Datenschutzgrundverordnung dürfen Daten zu religiösen Weltanschauungen in der Regel nicht verarbeitet werden.
Keine Studien, die 80 Prozent belegen
In einzelnen Studien zur Integration von Muslimen lassen sich Zahlen finden, wie etwa in einem Bericht der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) von 2024. Dort heißt es (S. 28), 31 Prozent der muslimischen Haushalte in der EU hätten Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen – gegenüber 19 Prozent der Allgemeinbevölkerung.
Derselben Umfrage zufolge (S. 98) gaben 63 Prozent der befragten Muslime eine bezahlte Beschäftigung als ihre Haupttätigkeit an, in der Allgemeinbevölkerung lag der Wert bei 75 Prozent. Die restlichen 37 bzw. 25 Prozent waren aber nicht ausschließlich Arbeitslose, sondern auch Rentner, Kinder und Studierende.
Die FRA-Daten sprechen über Diskriminierung, soziale Ausgrenzung und Beschäftigungshürden für Muslime, nicht über einen angeblich europaweiten Massenbezug von Sozialhilfe.
Von einer Abhängigkeit von Sozialhilfe im Ausmaß von 80 Prozent ist hier nirgendwo die Rede.
80-Prozent-Wert ist jahrealt – und schon damals falsch
Die Zahl lässt sich auf eine schriftliche Anfrage aus den Reihen der rechtspopulistischen Lega Nord im EU-Parlament vom August 2013 zurückführen. Darin übernimmt die italienische Partei ungeprüft die vermeintliche Aussage eines ägyptischen Wissenschaftlers: «Der ägyptische Forscher Ali Abd al-Aal sagte in einem Interview mit einem libanesischen Fernsehsender, dass mindestens 80 Prozent der 50 Millionen Muslime in Europa von Sozialleistungen ihrer Gastländer leben», heißt es in der Anfrage.
Doch nichts an diesem Satz in der Lega-Anfrage stimmt:
- Damals gab es nach Pew-Angaben in ganz Europa nicht einmal annähernd 50 Millionen Muslime, geschweige denn in der EU.
- Der Satz stammt gerade nicht vom Islamwissenschaftler Ali Abd al-Aal, sondern ist die Meinung des schwedisch-algerischen Moderators der Sendung vom 12. Oktober 2012 auf dem libanesischen TV-Sender Mayadeen. Transkribierten Auszügen des Interviews zufolge widerspricht Al-Aal dem Moderator sogar – etwa mit «Mann, du bist komisch.» und «Ich weiß wirklich nicht, was ich mit dir anfangen soll.» Auch die spanischen Faktenchecker von Newtral merken an, dass Al-Aal der Zahl von 80 Prozent widerspricht.
In ihrer Antwort auf die Lega-Anfrage verweist die seinerzeit zuständige EU-Kommissarin für Inneres, Cecilia Malmström aus Schweden, auf eine damals aktuelle OECD-Studie von 2013, wonach es nur geringe Unterschiede zwischen der Inanspruchnahme von Sozialleistungen durch Zuwanderer und einheimische Haushalte gebe.
(Stand: 10.7.2026)
