Bewertung
Die Grafik ist irreführend und weist handwerkliche sowie methodische Mängel auf. Die angegebene Datenquelle lässt sich nicht nachvollziehen, historische Schocks wie die Corona-Pandemie sind zeitlich falsch dargestellt und die gezeigte Kurve weicht von den real existierenden amtlichen Daten ab.
Fakten
Als Quelle für die Werte in der Grafik wird die Federal Reserve Bank of St. Louis (FRED) genannt. Sie gehört zu den US-Notenbanken und betreibt eine große Online-Datenbank für internationale Wirtschaftsdaten. FRED erhebt diese Daten jedoch nicht selbst, sondern übernimmt die Kennzahlen zur deutschen Industrie von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Nach eigenen Angaben liefert das Statistische Bundesamt (Destatis) aus Deutschland unter anderem Daten an die OECD.
Methodische Fehler
Die in der Grafik genannte Kennung IPG101DEUQ existiert in der FRED-Datenbank nicht und auch die Quelle der Grafik selbst bleibt unklar. Eine Bilderrückwärtssuche zeigt, dass sie häufig in den sozialen Netzwerken geteilt wurde, aber ein seriöser Urheber lässt sich nicht ermitteln.
Die FRED hat tatsächlich Daten der deutschen Industrieproduktion, doch diese reichen nur bis März 2024. Die im Netz geteilte Grafik geht jedoch bis Februar 2026. Im Zeitraum dazwischen kann es sich, anders als angegeben, nicht um FRED-Daten handeln. Obwohl für den Zeitraum von März 2024 bis Anfang 2026 mittlerweile längst die realen Ist-Daten des Statistischen Bundesamts vorliegen, nutzt die Grafik diese nicht. Stattdessen muss der Verlauf bis Anfang 2026 frei gezeichnet oder durch fehlerhafte Annahmen verlängert worden sein.
Auf dpa-Anfrage teilte das Statistische Bundesamt mit, dass die gezeigte Kurve «deutliche Unterschiede zu unseren amtlichen Ergebnissen sowie zu den Zahlen aus der angegebenen Quelle» aufweise.
Laut Destatis ist die Darstellung unplausibel: Zwar sei die physische Industrieproduktion in Deutschland seit einem Höchststand Ende 2017 und Anfang 2018 tatsächlich rückläufig. Die Grafik stelle diesen Verlauf jedoch fehlerhaft dar. So werde der scharfe Einbruch durch die Corona-Pandemie ab 2020 fälschlicherweise bereits im Jahr 2018 verortet und falle in der Grafik zudem schwächer aus als in den echten Daten. Zudem stimme das Index-Basisjahr (2015 = 100) rechnerisch nicht. Thomas Obst, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), bezeichnete dies gegenüber der dpa als einen «groben Fehler» und bewertet die Grafik als «handwerklich nicht sauber».
Kritik an der Trendlinie
Die Grafik berechnet die Abweichung von 24 Prozent anhand einer verlängerten Trendlinie, die auf dem Wachstum der Jahre 1993 bis 2017 basiert. Eine solche Trendfortschreibung sei in der Makroökonomie als sogenanntes «kontrafaktisches Szenario» zwar grundsätzlich erlaubt, um zu zeigen, wie sich eine Wirtschaft ohne Krisen entwickelt hätte, erklärt IW-Experte Obst. Die konkrete Umsetzung in der Grafik erfülle nach Einschätzung der Fachleute jedoch keine wissenschaftlichen Standards.
Das Statistische Bundesamt kritisiert, dass bei einer solchen Darstellung unklar bleibe, auf welcher Grundlage Anfangs- und Startpunkte gewählt wurden. Eine rein lineare Projektion sei eine extreme Vereinfachung für die komplexe Entwicklung einer Volkswirtschaft und genüge «nicht unseren methodischen Ansprüchen», heißt es von Destatis.
Die Angaben von 24 Prozent Abweichung sind zudem nicht schlüssig. Mal heißt es, die angeblichen Ist-Werte lägen 24 Prozent unter dem Trend. Direkt daneben ist die Rede davon, dass der Trend 24 Prozent höher liege. Das kann allerdings nicht sein, da sich beide Angaben auf unterschiedliche Grundwerte beziehen.
Keine Belege für «selbstverschuldeten Zusammenbruch»
Im Titel der Grafik wird behauptet, der Rückgang sei «self-inflicted» (selbstverschuldet). Das lässt sich rein aus einer Datenkurve jedoch nicht ableiten. «Es gibt sowohl Standortfaktoren wie die überbordende Bürokratie und die hohen Abgabenlasten, die die schwache industrielle Entwicklung erklären können, als auch externe Schocks wie den Ukrainekrieg, die Energiepreisschocks oder die geopolitische Situation um China und die USA», betont Ökonom Obst. Die Grafik nehme hier eine rein politische Zuspitzung vor, die von den Daten nicht gedeckt sei.
Stand der deutschen Industrieproduktion
Der physische Produktionsindex zeigt zwar tatsächlich, dass die Menge der hergestellten Industriegüter in Deutschland seit Jahren rückläufig ist. Ein reiner Mengenindex reiche jedoch nicht aus, um den Zustand oder gar ein «Implodieren» der gesamten Industrie zu bewerten, sagt Obst. Nach Angaben von Destatis messe der Index lediglich das physische Produktionsvolumen. Für ein vollständiges Bild müssten weitere Kennzahlen wie Auftragseingänge, Investitionen, Beschäftigung sowie die Bruttowertschöpfung herangezogen werden. Letztere erfasse den tatsächlich im Land geschaffenen finanziellen Mehrwert. Wie das IW Köln anmerkt, verlaufe die industrielle Wertschöpfung in Deutschland im Vergleich zum reinen Produktionsvolumen deutlich stabiler, da sich viele Unternehmen auf höherwertige Produkte und Dienstleistungen spezialisiert hätten.
Die fehlerhafte Grafik wird in den sozialen Netzwerken seit Monaten verbreitet. Zum Beispiel veröffentlichte die AfD-Vorsitzende Alice Weidel sie Anfang Juli auf der Plattform X.
(Stand: 14.9.2026)
