Behauptungen über Zecken, Bioterror und Bill Gates unbelegt - Featured image

Behauptungen über Zecken, Bioterror und Bill Gates unbelegt

Zecken können mit ihren Bissen verschiedene Krankheiten übertragen oder auslösen. Dazu gehört das Alpha-Gal-Syndrom. In sozialen Medien kursieren Vermutungen, ein angeblicher Anstieg der Fallzahlen dieser Allergie gehe auf gentechnisch veränderte Zecken zurück, die Rede ist von «Bioterror». Als mögliche Belege dienen ein angebliches Aussetzen von Zecken etwa mit Hilfe von Hubschraubern, frühere Forschungsprojekte des US-Militärs, ein wissenschaftlicher Fachartikel und Investitionen des US-Investors Bill Gates.

Bewertung

Der Beitrag stellt mehrere voneinander unabhängige Sachverhalte als Beweise für eine gezielte Verbreitung des Alpha-Gal-Syndroms dar. Für diese Schlussfolgerung gibt es keine belastbaren Belege.

Fakten

Das Alpha-Gal-Syndrom, kurz AGS, ist keine Infektionskrankheit, sondern eine Allergie. Das Kohlenhydrat Alpha-Gal kommt in Gewebe und Produkten der meisten Säugetiere vor. Bei manchen Menschen kann der Biss bestimmter Zeckenarten verursachen, dass ihr Immunsystem sensibel auf den Kontakt mit Alpha-Gal reagiert und eine Allergie ausgelöst wird.

Allergische Reaktionen treten häufig erst mehrere Stunden nach dem Verzehr von Fleisch oder anderen Säugetierprodukten auf. Die Symptome umfassen Hautausschlag, Magen- und Darmbeschwerden, aber auch Atembeschwerden oder Schwindel. Sie können mild, aber auch sehr schwerwiegend ausfallen.

Auch in Deutschland tritt AGS auf, vor allem im Süden des Landes. 2019 waren laut der Europäischen Stiftung für Allergieforschung rund 100 Fälle in Deutschland bekannt.

Prozentangabe lässt sich nicht nachvollziehen

Der Post beginnt mit der Behauptung eines «10.000-prozentigen Anstiegs» des Alpha-Gal-Syndroms. Tatsächlich geht die US-Gesundheitsbehörde CDC davon aus, dass die Zahl der vermuteten Fälle in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Zwischen 2010 und 2022 wurden mehr als 110.000 Verdachtsfälle von AGS identifiziert. Die Behörde schätzt, dass bis zu 450.000 Menschen in den USA betroffen gewesen sein könnten.

Der im Beitrag behauptete prozentuale Anstieg wird jedoch nicht belegt und erlaubt ohne nähere Angaben zu Zeitraum und Datengrundlage keine Einordnung. Ob die steigenden Fallzahlen auf eine größere Bekanntheit des Syndroms, eine tatsächliche Zunahme oder beides zurückgehen, ist laut CDC unklar. Die meisten Verdachtsfälle traten in einer Studie in Regionen mit etablierten Populationen der Lone-Star-Zecke auf.

Aktuelle CDC-Daten zeigen für das Frühjahr 2026 in weiten Teilen der USA ungewöhnlich viele Notaufnahmebesuche wegen Zeckenbissen. Diese Daten betreffen jedoch Bisse allgemein und erlauben keine Aussage über die Zahl der Alpha-Gal-Fälle.

Keine Belege für Zecken-Abwürfe

Angebliche Meldungen über «mysteriöse Kisten mit Zecken» und mögliche Abwürfe von Zecken aus Flugzeugen werden ebenfalls behauptet. Als Beleg dafür wurde in sozialen Medien unter anderem ein Video verbreitet, das einen Hubschrauber über einem Feld in der US-Region Appalachia zeigt.

In der ursprünglichen Aufnahme auf dem TikTok-Account «@rowdyholler», die inzwischen gelöscht wurde, fragt eine Frau lediglich, warum der Hubschrauber über ihrem Feld fliege – von Zecken oder abgeworfenen Kisten ist darin nicht die Rede. Diese Behauptung wurde dem Video erst später durch eingeblendeten Text zugeschrieben.

Das Gesundheitsministerium des US-Bundesstaats Kentucky teilte auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP mit, ihm seien keine glaubwürdigen Belege dafür bekannt, dass dort Kisten mit Zecken verteilt würden.

Bioethischer Artikel statt Forschungsprojekt

Der Post verweist auf eine Studie, die angeblich die Freisetzung gentechnisch veränderter Zecken, die AGS übertragen, als «moralisch verpflichtend» darstelle.

Tatsächlich existiert ein wissenschaftlicher Beitrag mit dem Titel: «Beneficial Bloodsucking? The Ethics of Genetically Engineering Ticks to Induce Red Meat Allergies in Humans». Auf Deutsch etwa: «Nützliches Blutsaugen? Die ethischen Aspekte der gentechnischen Veränderung von Zecken zur Auslösung von Allergien gegen rotes Fleisch beim Menschen».

Der Artikel diskutiert ein hypothetisches ethisches Gedankenexperiment: die Frage, ob es unter bestimmten Annahmen moralisch vertretbar wäre, eine Fleischallergie auszulösen. Es wird aber weder ein laufendes Forschungsprojekt noch die Entwicklung oder geplante Freisetzung gentechnisch veränderter Zecken beschrieben.

Förderung betrifft eine andere Zeckenart

Der Beitrag behauptet außerdem, US-Unternehmer Bill Gates investiere Millionen in Technologien für gentechnisch veränderte Zecken. Tatsächlich fördert die Gates-Stiftung ein Projekt des Biotechnologieunternehmens Oxitec (heutiger Name: Flyttr) zur Bekämpfung der tropischen Rinderzecke.

Laut der Förderdatenbank der Stiftung sollen selbstlimitierende Rinderzecken entwickelt werden, um Krankheiten und wirtschaftliche Schäden in der Viehzucht einzudämmen. Die tropische Rinderzecke ist nicht mit der Lone-Star-Zecke identisch, die in den USA mit dem Alpha-Gal-Syndrom in Verbindung gebracht wird. Das geförderte Projekt belegt daher keine Finanzierung der Verbreitung von Zecken, die das Syndrom auslösen können.

Investitionen in Fleischalternativen

Gates soll laut dem X-Beitrag auch im Labor erzeugtes oder «falsches» Fleisch finanzieren, das kein Alpha-Gal enthalte. Tatsächlich investierte er in mehrere Unternehmen für Fleischalternativen. Dazu zählen Beyond Meat und Impossible Foods, die pflanzenbasierte Ersatzprodukte herstellen, sowie UPSIDE Foods, das Fleisch aus tierischen Zellen kultiviert. Unternehmensmitteilungen führen Gates als Investor dieser Firmen an. Ob er gegenwärtig noch an allen Unternehmen beteiligt ist, geht aus den öffentlich verfügbaren Angaben jedoch nicht hervor.

Gates begründet seine Unterstützung für Fleischalternativen mit deren möglichem Beitrag zum Klimaschutz. Aus Investitionen in alternative Proteinquellen ergibt sich jedoch kein Hinweis auf eine absichtliche Verbreitung des Alpha-Gal-Syndroms.

Historische Debatte über Zeckenforschung

Schließlich heißt es, das US-Militär habe mehr als 270.000 Zecken für Biowaffenforschung freigesetzt. Die angeführten Quellen bestätigen diese konkrete Zahl jedoch nicht. Das «Deutsche Ärzteblatt» berichtete 2019 lediglich über einen Beschluss des US-Repräsentantenhauses, wonach das Pentagon untersuchen sollte, ob das Militär zwischen 1950 und 1975 mit Zecken als biologischen Waffen experimentiert und Tiere absichtlich oder versehentlich freigesetzt hatte. Dabei handelte es sich um einen Prüfauftrag und nicht um ein bereits festgestelltes Ergebnis.

Eine Seite der US-amerikanischen National Library of Medicine verweist zudem auf einen Beitrag des US-Infektiologen Sam Telford in der «Washington Post» über Borreliose, einer ebenfalls durch Zecken übertragenen Erkrankung. Demnach ist nicht belegt, dass Borreliose durch eine entkommene militärische Biowaffe entstanden ist. Historische Proben zeigen, dass die Erreger bereits vor der Entdeckung der Krankheit in Zecken und Säugetieren vorkamen.

(Stand: 9.7.2026)

Fact Checker Logo

USA, Wissenschaft, Gesundheit

Autor(en): dpa

Ursprünglich hier veröffentlicht.

Nach oben scrollen