Diese schwedische Studie belegt nicht, dass mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 die menschliche DNA verändern

Eine Studie aus Schweden soll angeblich belegen, dass die mRNA-Impfung die menschliche DNA dauerhaft und unwiderruflich verändere, heißt es in einer Nachricht, die sich über WhatsApp, Facebook und Telegram verbreitet. Weiter wird behauptet: Die Produktion von Spike-Proteinen komme dadurch „nie wieder zum Stillstand“ und die damit verbundenen Probleme führten innerhalb weniger Jahre zum Tod. Einige der Beiträge verweisen dazu auf ein Video des US-Fernsehsenders Daystar, in dem sich vermeintliche Expertinnen und Experten zu den Studienergebnissen äußern. Der Sender fiel bereits zuvor durch Desinformation über Schwangerschaftsabbrüche in Neuseeland auf.

Unsere Recherche zeigt: Die Schlussfolgerung, die in Sozialen Netzwerken aus der Studie gezogen wird, ist falsch. Die Ergebnisse belegen keine angebliche dauerhafte und unwiderrufliche Veränderung des menschlichen Erbguts durch mRNA-Impfstoffe. Ein solcher Prozess wurde nicht untersucht.

Richtig ist: Die Forschenden haben anhand von Zellproben im Labor untersucht, ob der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer in DNA umgeschrieben werden kann. Die Studienergebnisse zeigen, dass das in bestimmten krebskranken Leberzellen möglich ist. Laut den Forschenden und dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gibt es bislang aber keine Belege dafür, dass das auch unter normalen Bedingungen im menschlichen Körper geschehen könnte. Magnus Rasmussen, Mitautor der Studie, sagte in einem Interview: „Niemand hat wegen dieser Studie einen Grund, sich gegen eine Impfung zu entscheiden.“

Auf Telegram verbreitet sich ein Video mit der Behauptung, dass eine schwedische Studie einen Einfluss der mRNA-Impfstoffe auf menschliches Erbgut belege. Das ist falsch.
Auf Telegram verbreitet sich ein Video mit der Behauptung, dass eine schwedische Studie einen Einfluss der mRNA-Impfstoffe auf menschliches Erbgut belege. Das ist falsch. (Quelle: Telegram; Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Wie funktioniert ein mRNA-Impfstoff?

Wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert, erklärte uns Susanne Stöcker, Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) bereits im August 2020: „[mRNA-Impfstoffe] werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen. Die Körperzellen nutzen die RNA als Vorlage, um das oder die Virusproteine selbst zu produzieren.“ Dabei werde aber nur ein Bestandteil des Virus gebildet, vermehrungsfähige Viren könnten nicht entstehen.

Was ist RNA und DNA?

RNA beziehungsweise Ribonukleinsäure ist laut Definition eine Nukleinsäure. Sie hat verschiedene Funktionen im menschlichen Körper. Zum einen kann RNA genetische Information übertragen. Eine weitere wesentliche Funktion ist die Umsetzung von genetischer Information in Proteine.

DNA beziehungsweise Desoxyribonukleinsäure ist ebenfalls eine Nukleinsäure, allerdings chemisch etwas anders aufgebaut. Die DNA enthält die Erbinformationen von Lebewesen. Anders als RNA, die als Einzelstrang vorkommt, hat sie die Form eines Doppelstranges. Vereinfacht ausgedrückt: Die DNA ist beim Menschen das permanente Speichermedium für die genetische Information, die RNA dient als Zwischenspeicher und Überträger von Informationen. mRNA steht für „messenger RNA“ – also „Boten-RNA“.


Schwedische Studie untersucht krebskranke Leberzellen in Petrischalen, keine Vorgänge im menschlichen Körper 

Die aktuell kursierende Behauptung basiert auf einer Studie der schwedischen Universität Lund, die am 25. Februar 2022 in der Fachzeitschrift Current Issues in Molecular Biology erschienen ist. Darin untersuchten die Autorinnen und Autoren die Wirkung des mRNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer auf die menschliche Leberzelllinie Huh7 unter Laborbedingungen. Ziel war es, herauszufinden, ob der mRNA-Impfstoff in diesen Zellen in DNA umgeschrieben werden kann. Eine tatsächliche Auswirkung auf die menschliche DNA und ob diese dauerhaft verändert werden würde, wurde nicht untersucht.

In den Versuchen wurden Leberzellen in einer Petrischale untersucht, die Impfstoff-mRNA wurde hinzugefügt. Für eine Umschreibung in DNA braucht es ein bestimmtes Element des menschlichen Genoms, ein sogenanntes (Retro-)Transposon. Das Ergebnis: Sechs Stunden nachdem der Impfstoff in einer Petrischale zu den Leberzellen mit diesem Transposon hinzugegeben wurde, wurde die mRNA des Impfstoffes tatsächlich durch eine sogenannte „reverse Transkriptase“ in DNA umgeschrieben.

Keine Belege dafür, dass mRNA-Impfung das menschliche Erbgut verändert

Dass die in der Studie beobachtete Umschreibung von mRNA in DNA in der Leberzelllinie Huh7 möglich ist, bedeutet aber nicht, dass die mRNA-Impfung menschliches Erbgut dauerhaft verändert.

Wir haben die Autorinnen und Autoren der Studie kontaktiert, doch bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Antwort erhalten. In einem Interview mit der Universität Lund vom 10. März 2022 äußerten sich Yang de Marinis und Magnus Rasmussen, zwei Forschenden, die an der Studie beteiligt waren. Sie sagten: Ob sich die umgeschriebene DNA in die DNA im Genom, sprich in die Erbinformation, integrieren kann, hätten sie in ihrer Studie überhaupt nicht untersucht. Dafür, dass dies möglich ist, gebe es bislang keine Belege.

Das Experiment der Forschenden, in dem getestet wurde, ob der mRNA-Impfstoff in DNA umgeschrieben werden kann, fand mit Zellproben in Petrischalen statt. Die Ergebnisse lassen sich nicht auf den menschlichen Körper übertragen.

Das PEI informiert auf seiner Webseite: „Das aus DNA bestehende Genom befindet sich im Zellkern, wohin die Impfstoff-mRNA normalerweise nicht gelangt.“ Eine Integration der mRNA ins Genom von Körperzellen sei theoretisch nur möglich bei gleichzeitiger Anwesenheit von bestimmten Eiweißen. Dies sei eine „äußerst unwahrscheinliche“ Abfolge von Reaktionen, die bisher in unmodifizierten Zellen nicht beobachtet worden sei.

Kritik an schwedischer Studie: Geringe Aussagekraft für tatsächliche Auswirkungen der mRNA-Impfungen

Darüber hinaus kritisierten andere Forscher den Ablauf des Versuchs. So schrieb David Gorski, Professor für Chirurgie und Onkologie an der Wayne State University School of Medicine, in einem Blogbeitrag am 28. Februar 2022, es sei „eine sehr hohe Konzentration des Impfstoffs“ verwendet worden. Dies kann laut Fachleuten zu einer Überreaktion des Immunsystems führen.

Außerdem stammten die Zellen, denen der mRNA-Impfstoff ausgesetzt wurde, von Leberkrebszellen. Gorski gibt an, er hätte dafür andere Zellen verwendet. Leberkrebszellen nutzten in wesentlich größerer Menge das Element (Transposon), das in der Studie die Umschreibung von RNA in DNA ermöglichte, als das normalerweise in Zellen der Fall sei.

Gegenüber der AFP äußerten sich mehrere Fachleute zu der schwedischen Studie, unter anderem Annette Beck-Sickinger, Professorin für Biochemie und Bioorganische Chemie an der Universität Leipzig. Sie erklärte: „Huh7 ist eine Krebszelllinie, bei der ein wichtiges Protein der Zellreparatur defekt ist. Weiter ist ihr Genom durch eine große Instabilität beschrieben. Huh7-Zellen werden gerne verwendet, um Hepatitis C oder andere Viren zu kultivieren, weil das Genom instabil ist.“ Aus der Untersuchung der geschädigten Zellen in einer Petrischale auf das Verhalten gesunder Leberzellen zu schließen, sei unseriös.

Ann Ehrenhofer-Murray, Professorin für molekulare Zellbiologie an der Humboldt-Universität in Berlin sagte zudem laut AFP: „Eine direkte Übertragung der Resultate auf die Verwendung des Impfstoffs ist nicht möglich.“

Schwedische Studie untersuchte nicht Spike-Produktion – dauerhafte Produktion „unwahrscheinlich“  

In den Beiträgen in Sozialen Netzwerken heißt es außerdem, die Studie belege, „dass die Produktion der Spike-Proteine nie wieder zum Stillstand“ komme, was „innerhalb weniger Jahre zum Tod“ führe.

Behauptungen darüber, dass das Spike-Protein angeblich toxisch wirke oder gar „tödlich“ sei, kursieren schon länger im Netz. Wie wir hier und hier berichteten, gibt es dafür keine Belege. Zum Verständnis: Das Coronavirus braucht das Spike-Protein, um eine Zelle befallen zu können, wie das Helmholtz-Zentrum auf seiner Webseite erläutert. Die derzeit eingesetzten mRNA- und Vektorimpfstoffe gegen Covid-19 enthalten genetische Informationen des Coronavirus, die menschliche Körperzellen dazu anregen, selbst das Spike-Protein des Virus zu produzieren. Gegen dieses Protein bildet der Körper Abwehrstoffe, um später gegen das echte Virus Sars-CoV-2 geschützt zu sein. Es gibt also einen Unterschied zwischen dem Spike-Protein des Coronavirus und den Spike-Proteinen, die der Körper selbst nach einer Covid-19-Impfung produziert.

Der Virologe Friedemann Weber, Direktor am Institut für Virologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen, bestätigte uns per E-Mail, dass die Spike-Produktion in der Studie nicht untersucht worden sei. „Man kann also keinesfalls Schlussfolgerungen im Hinblick auf Spike-Produktion ziehen“, so der Immunologe. Eine dauerhafte Produktion des Spike-Proteins, ausgelöst durch eine mRNA-Impfung, sei äußerst unwahrscheinlich. „Wenn dieses äußerst hypothetischen Szenario ein Argument gegen Impfungen sein soll, dann ist es erst recht eines gegen die Infektion. Bei Covid-19 entstehen größere Mengen an RNA als bei einer Impfung“, fügte Weber hinzu.

Fazit: Die schwedische Studie lässt keine Rückschlüsse zu, ob die mRNA-Impfung die menschliche DNA dauerhaft verändert. Denn ein solcher Prozess wurde nicht untersucht. Laut den Forschenden der Studie und dem Paul-Ehrlich-Institut gibt es bisher keine Belege dafür, dass ein solcher Prozess möglich ist. Die Autoren der Studie selbst sagten in einem Interview, ihre Arbeit liefere keinen Grund dafür, sich nicht gegen Covid-19 impfen zu lassen.

Behauptungen darüber, dass die mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 das Erbgut verändern würden, kursieren seit dem Beginn der Pandemie im Jahr 2020. Zuletzt berichteten wir im Januar 2021 in einem Faktencheck, dass es keine Belege dafür gibt.

Redigatur: Matthias Bau, Sarah Thust

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Studie der Universität Lund: „Intracellular Reverse Transcription of Pfizer BioNTech COVID-19 mRNA Vaccine BNT162b2 In Vitro in Human Liver Cell Line“, 25. Februar 2022: Link (Englisch, archiviert)
  • Interview der Universität Lund: „Q&A: COVID-19 vaccine study gains attention“, 10. März 2022: Link (Englisch, archiviert)
  • Paul-Ehrlich-Institut: „Wie hoch ist die Gefahr der Integration von mRNA-Impfstoffen ins Genom?“ 1. Juni 2022: Link (archiviert)

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Autor(en): CORRECTIV

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