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Nachrichtenbeitrag über angebliche ukrainische Nazis bei der WM ist gefälscht

Ein gefälschter Videobeitrag des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera wird online mit der Behauptung verbreitet, in Katar seien drei ukrainische Fußballfans verhaftet worden, nachdem diese Nazi-Symbolik auf Plakate gemalt hätten. Der Sender betonte allerdings, dass der Clip „komplett fake“ sei. Die katarischen Behörden berichteten zudem von keiner derartigen Verhaftung. Zahlreiche der in dem Video verwendeten Aufnahmen stammen zudem gar nicht von der Fußball-Weltmeisterschaft 2022. 

Tausende User haben den angeblichen Al Jazeera-Bericht seit Ende November 2022 auf Telegram gesehen. Auch auf Facebook und Twitter verbreitete sich die Falschmeldung, es seien in Katar drei ukrainische Fans aufgrund einer Nazi-Schmiererei verhaftet worden. Die Behauptung wurde zudem auf Französisch, Englisch und Polnisch geteilt.

Die Behauptung: In dem vermeintlichen Al Jazeera-Beitrag heißt es, drei ukrainische Fußballfans hätten in Doha Nazi-Symbole auf ein Plakat geschmiert. Dazu wird ein Poster des Maskottchens der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft eingeblendet, das einen aufgezeichneten Hitlerbart trägt. Neben ihm stehen die Worte „Sieg Heil“. Andere Plakate seien von den Fans zerstört worden. Am oberen Bildrand und am Ende des Clips ist das Logo des arabischen Senders Al Jazeera zu sehen. Auf Facebook verbreitet sich die vermeintliche Meldung auch ohne den Clip weiter. „Drei Ukraine Nazis in Katar verhaftet wegen Beschmierung“, schreibt dort ein User.

 

Facebook-Screenshot der Behauptung: 29.11.2022



Das nun online verbreitete Video ahmt das Videodesign des englischsprachigen Ablegers des Nachrichtensenders Al Jazeera nach, der seinen Sitz in der katarischen Hauptstadt Doha hat. Der Clip findet sich allerdings nicht auf der Website oder den Social-Media-Kanälen des Senders wieder. Falschbehauptungen, die ihre Botschaft mittels gefälschter Nachrichtenberichte transportierten, überprüfte AFP in der Vergangenheit bereits mehrfach (hier, hier), genauso wie Falschinfos, die die Erzählung von Ukrainern als Nazis bedienten (hier, hier).

Auf AFP-Anfrage erklärte ein Sprecher von Al Jazeera am 23. November 2022, das Video sei „komplett fake“. Der Sender habe weder diesen Clip noch ähnliches Material veröffentlicht. Am 24. November 2022 postete der Sender ein Statement mit der gleichen Aussage auf Twitter:

 

Zudem zeigen bereits mehrere Hinweise im Video selbst, dass es sich wahrscheinlich nicht um einen Bericht von Al Jazeera handelt. Das Maskottchen der WM in Katar wird in dem englischsprachigen Clip als „Laib“ bezeichnet, wohingegen Al Jazeera in seiner Berichterstattung die Schreibweise „La’eeb“ nutzt. La’eeb meint auf Arabisch einen talentierten Spieler.

Ebenso wird das von Al Jazeera als „Al-Bayt“ bezeichnete Fußballstadion in dem gefälschten Clip als „El Bait“ geschrieben. Das betonte der Sender im Nachhinein selbst in einem eigenen Faktencheck zu dem online verbreiteten Video, in dem Al Jazeera die Echtheit des Videos zurückweist. Einige der in dem Clip genutzten englischen Phrasen sind zudem unüblich.

Eine AFP-Anfrage an das katarische Innenministerium zu der Falschmeldung blieb bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks unbeantwortet.

Aufnahme von ukrainischen Fans entstand 2019 in Polen

Das katarische Innenministerium hat keine Berichte über Verhaftungen von ukrainischen Fußballfans veröffentlicht. So findet sich beispielsweise keine solche Meldung auf dem Twitter-Account des Ministeriums. Die ukrainische Nationalmannschaft hat sich zudem nicht für die Weltmeisterschaft 2022 qualifiziert.

Mehrere Aufnahmen, die in dem gefälschten Al Jazeera-Video verwendet wurden, stehen in keinem Zusammenhang zu der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. So wird in dem Clip ein Foto ukrainischer Fans eingeblendet, das am 15. Juni 2019 in Polen aufgenommen wurde. Es zeigt das Publikum eines Spiels in Lodz während der U20-Weltmeisterschaft zwischen der Ukraine und Südkorea, wie aus der Bildbeschreibung in der Datenbank von Getty Images hervorgeht.

Facebook-Screenshot des gefälschten Videos: 30.11.2022
Screenshot der Bilddatenbank Getty Images: 25.11.2022

Aufnahmen der Polizei stammen aus dem Jahr 2013

Auch die Aufnahmen von Polizeibeamten aus dem gefälschten Beitrag sind nicht aktuell. In dem Clip wird zu den Bildern behauptet, die ukrainischen Fans hätten keinen Widerstand geleistet. Tatsächlich stammen die Aufnahmen aber vom katarischen Sender Alrayyan TV und befassen sich mit den Aktivitäten der sogenannten Al-Fazaa Einheit der katarischen Polizei, die von den örtlichen Behörden als Rettungspolizei beschrieben wird. Der Ausschnitt findet sich in einem Video vom 22. September 2013 auf dem Youtube-Kanal des Senders bei Minute 13:14:

Facebook-Screenshot des gefälschten Videos: 30.11.2022
Screenshot des Clips von Alrayyan TV auf Youtube: 25.11.2022

Den Ursprung des Fotos, das Nazi-Schmierereien auf einem Poster des Maskottchens der WM zeigt, konnte AFP bei seinen Recherchen nicht endgültig bestimmen, ebenso wie die Frage, ob die Schmierereien durch Bildbearbeitung hinzugefügt worden. Giuseppe Cacace, ein AFP-Fotograf, der von der WM in Katar berichtete, erklärte dazu am 24. November 2022, dass „Plakatwände (mit dem Maskottchen) in Doha allgegenwärtig sind, um im Bau befindliche Gebäude zu verbergen“.

Tatsächlich finden sich Abbildungen des Maskottchens in verschiedenen Varianten in Doha wieder, wie hier von AFP-Fotografen vor Ort dokumentiert wird. Cacace selbst sagte, eine solche Beschmierung wie in dem online verbreiteten Video nicht in Doha gesehen zu haben.

Eine Abbildung des Maskottchens der Fußball-Weltmeisterschaft am 17. November 2022 in Doha.
Eine Frau läuft am 13. Oktober 2022 in Doha an einer Abbildung von La’eeb, dem Maskottchen der Fußball-Weltmeisterschaft, vorbei.

AFP analysierte das Bild des Maskottchens mit der Software InVID-WeVerify, die mögliche Manipulationen der Aufnahme erkennen kann. Wie aus einer Analyse hervorgeht, erhält der Schriftzug „Sieg Heil“ mittels der Software eine blaue Hervorhebung. Dies deutet darauf hin, dass die Worte wahrscheinlich im Nachhinein dem Originalbild hinzugefügt wurden.

Forensische Bildanalyse mittels InVid-WeVerify.

Gerücht russischer Medien bereits seit 22. November 2022 im Umlauf

Das gefälschte Al Jazeera-Video scheint zuerst vom Kreml-nahen russischen TV-Moderator Wladimir Solowjow verbreitet worden zu sein, der derzeit unter EU-Sanktionen steht. Er teilte das Video am 22. November 2022 auf seinem Telegram-Kanal. Am selben Tag erschien der Clip auf einem weiteren mit Solowjow verbundenen Kanal. Am 22. November veröffentlichten zudem weitere russische Medien Nachrichtenartikel zu dem angeblichen Vorfall (hier, hier).

Die Anschuldigungen in dem Clip entsprechen der Linie des Kremls, wonach der russische Angriff auf die Ukraine der „Demilitarisierung und Denazifizierung der Ukraine“ diene. Dieses Argument wurde allerdings von mehreren Expertinnen und Experten im März 2022 gegenüber AFP entkräftet. Diese erklärten, dass es trotz ultra-nationalistischer Bewegungen in dem Land und insbesondere in der Armee, diese nach wie vor eine Minderheit darstellten und auf politischer Ebene marginalisiert seien.

Fazit: Der Bericht von einer angeblichen Verhaftung ukrainischer Fußball-Fans in Katar stammt nicht vom Nachrichtensender Al Jazeera. Dieser dementierte die Echtheit des Clips bereits öffentlich. Mehrere Aufnahmen in dem Video sind zudem nicht aktuell und stehen in keinem Zusammenhang zur aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft. Eine Bildanalyse eines Fotos mit Schmierereien auf einem Plakat der WM zeigt Indizien, die auf eine Bearbeitung hindeuten.

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Politik, Sport

Autor(en): Saladin SALEM, Alexis ORSINI, AFP Frankreich

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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