Bewertung
Nein, es handelt sich um eine Fälschung. Der Sender warnt vor einem Fake. Ein Bild einer echten Dolmetscherin für Gebärdensprache wurde für einen Deepfake missbraucht. Die Frau bestreitet, die Gesten und das Schild im Fernsehen gezeigt zu haben.
Fakten
In dem kursierenden Clip spricht der ukrainische Präsident Selenskyj aus seinem Büro in die Kamera. In den wenigen Sätzen, die darin von ihm zu hören sind, spricht er von einem «strategischeren, systemischen Ansatz, der es der Ukraine ermöglicht, stärker auf ihre eigene Stärke zu setzen». Das Originalvideo lässt sich über Bilderrückwärtssuchen auf der offiziellen Website des ukrainischen Präsidenten und auf YouTube finden.
Es handelt sich um eine Rede vom 21. April 2026. Ab Minute 02:21 spricht Selenskyj genau dieselben Sätze, die auch in dem kursierenden Clip zu hören sind. Im Originalvideo der Rede ist keine Dolmetscherin für Gebärdensprache zu sehen.
Sender veröffentlicht Stellungnahme: Bilder wurden gefälscht
Der Skandal habe sich vermeintlich bei einer Übertragung der Rede auf dem ukrainischen Fernsehsender Kyiv24 ereignet. In dem verbreiteten Clip ist oben links das Sender-Logo zu sehen. Sämtliche Sendungen von Kyiv24 vom 21. April sind bei YouTube abrufbar. Doch die Selenskyjs-Rede ist in dem Mitschnitt nicht zu finden.
Wurde die Rede mit einer Übersetzung für Gebärdensprache vielleicht später auf dem Sender ausgestrahlt? Nein, denn auch in den darauffolgenden Tagen lassen sich die angeblichen Szenen nicht finden. Was sich hingegen finden lässt: Kyiv24 veröffentlichte am 27. April eine Stellungnahme auf YouTube, um klarzustellen, dass der Clip eine Fälschung ist. «Dieses Material sind nichts anderes als Falschmeldungen, die höchstwahrscheinlich mit Hilfe künstlicher Intelligenz generiert wurden», sagte ein Moderator.
Einen Tag später, am 28. April, äußerte sich dann die Gebärdensprachdolmetscherin Tetyana Sadovnycha in einer Sendung (ab Minute 01:20). Sie erklärte, dass sie tatsächlich als Gebärdensprachdolmetscherin für Kyiv24 arbeite, aber die betreffende Gebärde nie im Fernsehen gezeigt habe.
Ihr Bild wurde für einen Deepfake missbraucht. Dies ist deutlich erkennbar, da einige ihrer Finger beim Ausführen von Gesten plötzlich verschwinden. Als Deepfakes bezeichnet man Videos oder Audios, die sehr realistisch wirken und oft an bekannte Personen angelehnt sind, tatsächlich jedoch mit Hilfe generativer KI erstellt wurden.
Fake erinnert an realen Vorfall in Russland
Das Kyiv24-Logo wird also missbräuchlich verwendet, Designs und Einblendungen des Fernsehsenders werden imitiert. Es ist eine verbreitete Methode, die Corporate Identity eines Medienunternehmens nachzuahmen, um einer Falschmeldung Glaubwürdigkeit zu verleihen. Erst kürzlich berichtete die Deutsche Presse-Agentur (dpa) in einem Faktencheck über einen gefälschten BBC-Bericht, der die Lüge verbreitete, ein gestohlenes Gemälde hänge in Selenskyjs Büro.
Der gefälschte Clip erinnert unterdessen an einen Vorfall, der sich tatsächlich im russischen Fernsehen ereignet hat. Im März 2022, kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, hielt die Journalistin Marina Owsjannikowa während einer Live-Sendung eines russischen Staatssenders ein Schild hoch, auf dem unter anderem stand: «Sie werden hier belogen.» Owsjannikowa floh später aus Russland.
(Stand: 7.5.2026)
