Die Lebensdauer von Verschwörungstheorien ist variabel. Es gibt Erzählungen, die sich über Jahre halten und im gesellschaftlichen oder politischen Diskurs immer wieder aufpoppen. Eine solche Verschwörungstheorie ist die der „Chemtrails“ – also jene Erzählung, die von absichtlich hinzugefügten Chemikalien in Kondensstreifen ausgeht.
Die ersten Berichte (1) über diese Streifen am Himmel tauchten 1998 in den USA auf. Noch heute glauben zahlreiche Menschen an diese Verschwörung und teilen Fotos und Videos von angeblichen „Chemtrails“ in Sozialen Netzwerken (2a, 2b, 2c, 2d).
Einschätzung:
Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für „Chemtrails“. Bei den weißen Streifen hinter Flugzeugen handelt es sich um ein einfach erklärbares Phänomen.
Überprüfung:
Für die Behauptung, die Streifen am Himmel seien Teil einer geheimen Verschwörung, gibt es keine belastbaren Belege. Dass die Erzählung keine wissenschaftliche Grundlage hat, wurde bereits mehrfach aufgezeigt bzw. bestätigt – etwa vom ORF-Meteorologen Marcus Wadsak (3) oder vom damaligen FPÖ-Verkehrsminister Norbert Hofer in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage (4).
Kondensstreifen sind eben nur Kondensstreifen
So „mysteriös“ sind die Streifen tatsächlich gar nicht: Kondensstreifen bilden sich, so GeoSphere Austria (5) auf APA-Anfrage, aus den Abgasen von Flugzeugen, aus gefrierendem Wasserdampf und Verbrennungsrückständen. Sie entstehen bei Lufttemperaturen unter -40° Celsius in Höhen über 6.000 Meter Seehöhe.
Bei den niedrigen Temperaturen (6) kann die Luft nur wenig Feuchtigkeit aufnehmen. Der Wasserdampf, der aus den Triebwerken ausgestoßen wird, kann von der kalten Luft nicht mehr gespeichert werden und kondensiert zu kleinen Wassertropfen. Dadurch entstehen diese künstlichen Wolken.
Je nachdem (7), wie hoch die Flugzeuge fliegen, ob sie sinken oder steigen, ob sie neu oder alt sind und wie viel Bewegung in der Luft ist, sehen die Kondensstreifen unterschiedlich aus.
Chemtrails als chemische Waffe
Der Begriff „Chemtrails“ (8) setzt sich aus „chemical“ und „contrail“ – also „Chemikalie“ und „Kondensstreifen“ – zusammen. Die Verschwörungstheorie behauptet grundsätzlich, dass manche dieser Kondensstreifen schädliche Chemikalien enthalten. Als „Beweis“ wird von Anhängern dieser Theorie argumentiert, dass sich normale Kondensstreifen schnell auflösen würden. „Chemtrails“ hingegen würden bestehen bleiben und sich ausbreiten.
Laut Geosphere Austria sei dies physikalisch aber leicht erklärbar. Gegenüber der APA wird auf die atmosphärischen Bedingungen hingewiesen: Bei geringer Luftfeuchte halten sich Kondensstreifen nur kurz oder entstehen erst gar nicht. Bleiben begünstigende Bedingungen (niedrige Lufttemperatur, hohe Luftfeuchtigkeit) aber aufrecht, können die Streifen auch länger sichtbar sein.
Was sollen „Chemtrails“ eigentlich bewirken?
Verschwörungstheorien (9) weisen oft die gleichen drei Elemente auf:
– Nichts passiert durch Zufall, alles ist geplant.
– Die Strippenzieher agieren im Geheimen – man muss hinter die Kulissen schauen und
– wenn man das tut, erkennt man: Alles ist miteinander verbunden.
Zu den vermeintlichen Drahtziehern und Zielen dieser „Chemtrails“ gibt es innerhalb dieser Community unterschiedliche Auffassungen. Manche Anhänger glauben an gezielte Wettermanipulation oder Geoengineering (10), also der von Menschen beeinflussten Steuerung von Klimaphänomenen. Grundsätzlich verfolgt Geoengineering das Ziel, den Klimawandel abzuschwächen und dem Anstieg der Durchschnittstemperatur entgegenzuwirken. Von Verschwörungstheoretikern wird der Begriff immer wieder mit den „Chemtrails“ in Verbindung gebracht.
Ein extremer Zweig der Anhängerschaft der Verschwörungserzählung glaubt daran, dass die freigesetzten Chemikalien die Bevölkerung reduzieren solle (11). Sie würden Menschen vergiften oder die Zeugungsfähigkeit verringern. Eine weitere Theorie stellt Großkonzerne in den Fokus. Diese würden „Chemtrails“ zur bewussten Schädigung von Saatgut und Ackerland einsetzen.
Was dagegen spricht
Abgesehen davon, dass es eine wissenschaftliche Erklärung dafür gibt, warum manche Kondensstreifen länger sichtbar sind als andere, sprechen weitere Aspekte gegen die Existenz solcher „Chemtrails“. Technisch gesehen (11) würden etwa viele der oftmals angeführten Chemikalien in den Flugzeugtriebwerken einfach verbrannt werden. Auch beim Thema Geoengineering gibt es Widersprüche. So stellt sich etwa die Frage, sollten „Chemtrails“ tatsächlich eingesetzt werden, um den Treibhauseffekt zu bekämpfen, warum würde man dies dann verheimlichen?
Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Institutionen
Die Logik des Verschwörungsdenkens macht den wissenschaftlichen Erklärungen einen Strich durch die Rechnung. Denn Gegenbelege würden die Erzählung aus Sicht ihrer Anhänger nicht widerlegen, wie die Bundesstelle für Sektenfragen auf APA-Anfrage erklärte. Vielmehr könnten sie als weiterer Beleg für die Reichweite der Vertuschung gelten. Wer widerspricht, erscheine dann entweder als unwissend, manipuliert oder selbst beteiligt. Dadurch wird laut Bundesstelle die Theorie gegen Falsifikation abgeschirmt: „Sowohl das Vorhandensein als auch das Fehlen von Belegen kann innerhalb der Erzählung als Bestätigung interpretiert werden.“
Quellen, die die eigene Position stützen, gelten, so die Bundesstelle, als mutig oder unabhängig, während widersprechende Quellen als gekauft, manipuliert oder institutionell abhängig abgewertet werden.
Eine Verschwörung, die sich hält: Aber warum?
Die besondere Langlebigkeit der „Chemtrail“-Erzählung ergibt sich laut Bundesstelle für Sektenfragen aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Unter anderem trägt dazu bei, dass es sich bei den Kondensstreifen um ein ständig sichtbares Alltagsphänomen handelt, welches durch Fotos und Videos auch leicht digital verbreitet werden kann. Zudem sind die atmosphärischen Vorgänge und Wetterphänomene komplex und für Laien nur begrenzt nachvollziehbar. Die Vernetzung mit anderen Verschwörungsdiskursen sowie ihre inhaltliche Flexibilität – die Ziele der „Chemtrails“ können ja je nach Variante wechseln – tragen zur Langlebigkeit bei.
Auch wenn diese Erzählung laut Bundesstelle für Sektenfragen im Vergleich zu anderen Verschwörungstheorien eine relativ geringe Plausibilität aufweist, kann sie für Personen, die an sie glaubt, dennoch wichtige Funktionen erfüllen. Sie könne Orientierung, Komplexitätsreduktion, Kontrollgefühl, moralische Eindeutigkeit, Zugehörigkeit und subjektive Aufwertung anbieten.
Quellen:
(1) Deutscher Bundestag über „Chemtrails“: https://go.apa.at/WPrBf88s (archiviert: https://go.apa.at/XgROZwE2)
(2a) Facebook-Posting in einschlägiger Gruppe: https://go.apa.at/9o2uvfsN (archiviert: https://go.apa.at/RfilUGiT; Video archiviert: https://go.apa.at/3YiC377S)
(2b) Facebook-Posting in einschlägiger Gruppe: https://go.apa.at/WKpmF6pu (archiviert: https://go.apa.at/xn2TJ7qu; Video archiviert: https://go.apa.at/IfIXDm44)
(2c) Facebook-Posting in einschlägiger Gruppe: https://go.apa.at/N5k7f20Z (archiviert: https://go.apa.at/gPQQDFld; Video archiviert: https://go.apa.at/ibiXUFiG)
(2d) Facebook-Posting in einschlägiger Gruppe: https://go.apa.at/IKhANFZf (archiviert: https://go.apa.at/lucroGNF; Video archiviert: https://go.apa.at/kHu3Kci9)
(3) Meteorologe Marcus Wadsak über „Chemtrails“: https://go.apa.at/y5KGU183 (archiviert: https://go.apa.at/AbeoO5L)
(4) Antwort auf parlamentarische Anfrage: https://go.apa.at/wdAXnqG9 (archiviert: https://go.apa.at/fGHlOfGi)
(5) GeoSphere Austria: https://go.apa.at/D3nnhuNr (archiviert: https://go.apa.at/un3aDkWd)
(6) Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt über Kondensstreifen: https://go.apa.at/5XhjJpI7 (archiviert: https://go.apa.at/BWovSlAC)
(7) Bundeszentrale für politische Bildung über „Chemtrails“: https://go.apa.at/MdJKEX7I (archiviert: https://go.apa.at/QHWy0btd)
(8) EBSCO Information Services über „Chemtrails“: https://go.apa.at/TFQI49NT (archiviert: https://go.apa.at/jDZjWQRz)
(9) Beratungsstelle Extremismus über Verschwörungstheorien: https://go.apa.at/8wMsFqCK (archiviert: https://go.apa.at/HAo8iP6z)
(10) BMI: SIAK-Journal-Artikel über Geoengineering: https://go.apa.at/XpX8vdZT (archiviert: https://go.apa.at/0Es2v5DR)
(11) „Profil“-Artikel über „Chemtrails“: https://go.apa.at/gA7NM2jl (archiviert: https://go.apa.at/vJXNbLYx)
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