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Ein zum Kriegsbeginn von einer Rakete getroffenes Wohnhaus wurde renoviert

Kurz nachdem russische Truppen in der Ukraine einmarschiert sind, wurde Ende Februar 2022 ein bewohntes Hochhaus bei Gefechten in Kiew von einer Rakete getroffen. Um die Herkunft der Rakete fand im Internet eine Informationsschlacht statt. Nun, ein Jahr spĂ€ter, kursieren wieder Bilder des Hochhauses, auf denen die SchĂ€den des Einschlags nicht mehr zu sehen sind. User behaupten deshalb der Krieg in der Ukraine sei lediglich inszeniert. AFP hat sowohl fĂŒr die Zerstörung als auch fĂŒr die Sanierung Beweise gefunden. Die Zerstörung des Wohnhauses fand statt.

Hunderte Facebook-User teilten seit dem 26. Februar 2023 das Foto mit der Behauptung, also kurz nach dem Jahrestag des Ukrainekrieges. Zuvor hatte der US-Rechtspopulist Stew Peters mit der Behauptung Zehntausende Twitter-User mit der Behauptung auf Englisch erreicht. Er ist AFP bereits mehrfach wegen der Verbreitung von Desinformation aufgefallen (hier, hier).

Die Behauptung: Facebook-User teilen ein Foto, auf dem ein Wohnhaus in der ukrainischen Hauptstadt Kiew zwei Mal zu sehen ist. Einmal mit schweren SchĂ€den im Februar 2022 und einmal ganz ohne SchĂ€den im Februar 2023. Dazu schreiben sie: „Harry Potter und das sich selbst reparierende Hochhaus“, oder „Alles Show“. Stew Peters beschrieb das Bild mit den Worten: „This war is FAKE!“, der Krieg sei nicht echt.

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 28. Februar 2023

Seit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine am 24. Februar 2022 kursieren zahlreiche Falschinformationen ĂŒber den Krieg und einzelne Kampfhandlungen. Ein wiederkehrendes Narrativ, das AFP bereits mehrfach widerlegte, ist, dass die Ukraine KriegsschĂ€den und ukrainische Opfer bloß inszenieren oder selbst verursachen wĂŒrde. Auch zum Foto eines durch Beschuss zerstörten Wohnhauses in der NĂ€he eines Flughafens in der Stadt Tschugujew im Osten der Ukraine gab es einen Ă€hnlichen Vorwurf, den AFP widerlegen konnte.

Die russische Regierung beteiligte sich an der Verbreitung solcher Desinformationsnarrative. So wurde Ende Juni 2022 ein geöffnetes Einkaufszentrum in der Stadt Krementschuk von einer Rakete getroffen. Das russische MilitÀr bestritt dagegen, das Einkaufszentrum angegriffen zu haben und behauptete zudem, dass es zum Zeitpunkt des Angriffs nicht geöffnet gewesen sei. AFP belegte jedoch, dass es zum Zeitpunkt des Raketeneinschlags geöffnet war.

Alle Faktenchecks zum Krieg in der Ukraine sammelt AFP hier.

So erlebte eine Überlebende den Raketenangriff

Unter die prĂŒfbaren Behauptungen zum Ukrainekrieg mischen sich auch immer wieder GerĂŒchte und Unsicherheiten, die aktuell von AFP nicht abschließend geprĂŒft werden können. Dazu gehört auch eine frĂŒhere Geschichte ĂŒber das Wohnhaus in der Lobanovsky Avenue, deren Fotos aktuell geteilt werden.

Am 25. Februar 2022 meldeten Medien (hier, hier) mit Bezug auf das ukrainische Verteidigungsministerium, dass russische Truppen Kiew angegriffen haben. Am Folgetag wurde das Wohnhaus aus der aktuellen Behauptung, das in der NĂ€he eines Flughafens steht, von einer Rakete getroffen und schwer beschĂ€digt. Die Herkunft der Rakete ist allerdings nicht eindeutig geklĂ€rt. Die ukrainische Regierung behauptet, es handele sich um eine russische Rakete. Das russische Verteidigungsministerium bestritt dies jedoch und machte eine ukrainische Luftabwehrrakete fĂŒr den Schaden verantwortlich. Den Einschlag selbst stritt keine der beiden Seiten ab.

Die Rakete schlug zwischen der 18. und 22. Etage des bewohnten Hochhauses ein, sagte Kateryna Ivaschchenko-Stadnik am 28. Februar 2023 gegenĂŒber AFP. Sie lebte bis zum Einschlag der Rakete nur zwei Stockwerke darunter. „Wir waren alle wĂ€hrend des Angriffs in der Wohnung. Ehrlich gesagt habe ich keinen Alarm gehört. Es war der 26. Februar, keine Ahnung, ob es einen Alarm gab. Der Bombenangriff dauerte weniger als eine Minute.“

Wegen der russischen Invasion sind die Menschen in Kiew einen Tag zuvor aufgefordert worden, sich in NotunterkĂŒnften zu verstecken, wie etwa der benachbarten Schule. „Wir sind nicht dorthin gegangen, weil es sich Zuhause sicherer angefĂŒhlt hat. Ich habe die Risiken fĂŒr Zivilisten unterschĂ€tzt. Ich hĂ€tte nicht gedacht, dass es in unserem Bezirk mit einer Schule und einer Entbindungsklinik nebenan zu einem Beschuss kommen kann.“

Mehrere Fotos von Bewohnerinnen des Hauses zeigen die Folgen des Beschusses:

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Ein Beitrag geteilt von AFP Faktencheck (@afpfaktencheck)

Der Einschlag sei enorm gewesen, auf die eine Welle aus Rauch, Staub und Glasscherben gefolgt sei. „Ich wollte nur meine Familie lebend sehen. Ich hatte keine anderen Gedanken“, sagte Ivaschchenko-Stadnik. Sie habe eine vorbereitete Tasche mit Dokumenten und Geld genommen und mit ihrer fĂŒnfköpfigen Familie das Hochhaus und spĂ€ter das Land verlassen.

Auch Nadia Prystupa, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Cambridge English Centre, das sich im Haus befindet, bestĂ€tigte gegenĂŒber AFP am 28. Februar 2023 den Einschlag der Rakete.

AFP hat am 27. Februar 2023 auch beim Kiewer BĂŒrgermeister, Vitali Klitschko, nachgefragt, ob das Wohnhaus in der Lobanovsky Avenue 6a in Kiew tatsĂ€chlich zerstört wurde. Sprecherin Oksana Zinovyeva bestĂ€tigte: „Die Rakete traf dieses Wohnhaus in der Lobanovsky Avenue am 26. Februar 2022.“

Außerdem berichteten Ende Februar 2022 auch Medien (hier, hier) ĂŒber den Einschlag in dem Wohnhaus und zeigten Videos davon. Die Zerstörung fand tatsĂ€chlich statt.

Kein Zweifel am Krieg in der Ukraine

Der mittlerweile lĂ€nger als ein Jahr andauernde Krieg in der Ukraine, SchĂ€den, Opfer und einige Kriegsverbrechen sind von internationalen Medien vor Ort wie etwa AFP ausgiebig dokumentiert worden. Auch die ukrainische Regierung berichtet dazu regelmĂ€ĂŸig, genauso  wie die russische Regierung, die den Krieg als „militĂ€rische Spezialoperation“ bezeichnet. Anders als behauptet, gibt es keinerlei Zweifel daran, dass der Krieg in der Ukraine stattfindet.

Wohnhaus in Kiew wurde saniert

Eine umgekehrte Bildsuche mit dem auf Facebook geteilten Fotos des Wohnhauses fĂŒhrte AFP zu einem Tweet der ukrainischen Regierung. Der Tweet stammt vom 21. Februar 2023 und existierte damit vor den viralen deutschsprachigen Postings auf Facebook. In dem Tweet heißt es:

„Im Februar 2022 traf eine russische Rakete ein Wohnhaus in der Lobanovsky Avenue in Kiew, ein herzzerreißendes Foto, das die ganze Welt entsetzte und die wahren Absichten Russlands zeigte. Knapp ein Jahr spĂ€ter wird das GebĂ€ude saniert.“

AFP hat mit einer derzeitigen Bewohnerin des Hauses ĂŒber die Bauarbeiten gesprochen. Olena Chumakowa erzĂ€hlte am 28. Februar 2023, sie habe Kiew am ersten Kriegstag verlassen. Nur drei Familien seien in dem einsturzgefĂ€hrdeten Wohnhaus ohne Strom, Wasser und Heizung geblieben.

Als Chumakowa einen Monat spĂ€ter wiederkam, sei das Haus noch immer unbewohnbar gewesen. „Es war kalt und beĂ€ngstigend. Aber ich kam jeden Tag in meine Wohnung“, sagte sie. Anfangs habe sie mit vier anderen Menschen aufgerĂ€umt, spĂ€ter habe sie mit anderen Anwohnerinnen und Anwohnern Spenden gesammelt und die StĂŒtzen der Böden verstĂ€rkt.

Foto der SicherungsstĂŒtzen im Wohnhaus. (Olena Chumakowa – AFP)

Seit Mai 2022 wohne sie wieder in der 14. Etage des Hochhauses. Ihre Seite des Hauses wird trotz des Einschlags durch separate AnschlĂŒsse weiter mit Strom und Wasser versorgt. Im selben Monat seien Mitarbeitende der Stadtverwaltung gekommen, um ĂŒber den Herbst acht Stockwerke zu demontieren und neu zu bauen.

Foto der Bauarbeiten am Wohnhaus. (Olena Chumakowa – AFP)

Mittlerweile ist nicht nur Olena Chumakowa zurĂŒckgekehrt. Auch Katerina Ivaschchenko-Stadniks Mann zog im Sommer 2022 wieder in das Haus. Seine Wohnung liegt in der 16. Etage der stĂ€rker zerstörten Hausseite ohne Strom, Wasser und Fenster. Ein Generator habe fĂŒr Strom, Wasser mĂŒsse aus einem benachbarten Kaufhaus geholt werden. Ivaschchenko-Stadnik selbst wolle erst wiederkommen, wenn die Bombardierungen aufhören und Friedensabkommen geschlossen wĂŒrden.

Der Krieg sei wĂ€hrend der Sanierung des Hauses die ganze Zeit zu spĂŒren gewesen, erzĂ€hlte Chumakowa: „Fast jeden Tag und Nacht gab es Luftangriffe. Den ganzen Winter ĂŒber gab es StromausfĂ€lle. Einmal waren wir drei Tage ohne Strom, das ist hart. In unserem Haus ist alles an Strom angeschlossen. Wenn kein Strom da ist, dann gibt es kein Wasser, keine Hitze und wir können nichts zu essen kochen. Es war sehr kalt. Aber wir haben es ausgehalten“.

Sie berichtete auch, dass der Kiewer BĂŒrgermeister Vitali Klitschko die Baustelle besucht habe. TatsĂ€chlich veröffentlichte Klitschko auf seiner Facebookseite Videos von Besuchen im September und Dezember 2022, die sowohl das Haus zeigen als auch zu einem Foto Chumakowas passen. Klitschko trĂ€gt dieselbe Kleidung.

Der ehemalige Boxweltmeister Vitali Klitschko signiert einen Boxhandschuh bei einem Baustellenbesuch im Dezember 2022. (Olena Chumakowa – AFP)

Die Sprecherin des Kiewer BĂŒrgermeisters, Oksana Zinovyeva, sagte gegenĂŒber AFP, die Reparatur des Wohnhauses sei im Dezember 2022 fertiggestellt worden.

Auch Nadia Prystupa, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Cambridge English Centre im selben Haus, bestĂ€tigte gegenĂŒber AFP, dass das Hochhaus zumindest von außen vollstĂ€ndig repariert sei.

AFP war am 28. Februar 2023 vor Ort und hat das sanierte Wohnhaus fotografiert.

Saniertes Wohnhaus am 28. Februar 2023 (Sergei Supinsky – AFP) 

Wiederaufbau wÀhrend des Krieges

Das ukrainische Verteidigungsministerium veröffentlichte am 16. Oktober 2022 ein Video, in dem andere sanierte GebÀude in der Ukraine gezeigt wurden.

Mykola Boyko, stellvertretender Leiter der Kiewer MilitĂ€rverwaltung, teilte am 27. Februar 2023 auf Telegram mit: „Der Wiederaufbau der Region hat PrioritĂ€t. […] Wir ziehen alle möglichen Finanzierungsquellen fĂŒr den Wiederaufbau an – nicht nur Mittel aus dem staatlichen und lokalen Haushalt, sondern auch internationale Fonds und Organisationen. Das Wichtigste ist, die Menschen in ihre Heimat zurĂŒckzubringen.“ Mehr als 10.000 GebĂ€ude seien ganz oder teilweise saniert worden. Dazu gehörten Wohn-, Bildungs-, Sozial- und Gesundheitseinrichtungen.

Oksana Zinovyeva sagte, in Kiew wĂŒrden die meistzerstörten und nicht mehr bewohnbaren GebĂ€ude saniert werden. Derzeit seien das sechs weitere MehrfamilienhĂ€user in der Stadt. Sie wĂŒrden bis zum FrĂŒhjahr dieses Jahres fertiggestellt.

Fazit: Die Behauptungen, das Wohnhaus in der Lobanovsky Avenue in Kiew sei nicht zerstört worden, was belege, dass der Krieg in der Ukraine inszeniert sei, ist falsch. Das Hochhaus wurde tatsĂ€chlich von einer Rakete getroffen und zerstört. Die Stadt Kiew sanierte allerdings im Laufe der Zeit zerstörte GebĂ€ude – so auch das Wohnhaus aus den Facebook-Postings. AFP sprach mit Bewohnerinnen des Hauses, die das bestĂ€tigten.

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Politik, Gesellschaft, Ukraine

Autor(en): Jan RUSSEZKI / AFP Deutschland

UrsprĂŒnglich hier veröffentlicht.

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