Bewertung
Die Website vermischt zwei unterschiedliche EU-Programme und stellt frei erfundene Behauptungen über deren Ziele auf. Auf dieser verkehrten Grundlage stellt sie dann falsche Berechnungen an.
Fakten
Die Falschbehauptung speist sich aus zwei EU-Programmen, die wenig miteinander zu tun haben:
- das Programm Erasmus+, das seit Jahrzehnten vor allem die Mobilität von Studierenden und Auszubildenden innerhalb Europas fördert, und
- den «Pakt für den Mittelmeerraum», der die Zusammenarbeit der EU mit ihren südlichen Nachbarn vertiefen und die Entwicklung dieser Länder unterstützen soll.
Zur Verwirrung trägt offenbar die Tatsache bei, dass sowohl bei Erasmus+ als auch beim Mittelmeer-Pakt von 42 Milliarden Euro gesprochen wird. Aber nirgendwo ist geplant, 42 Milliarden Euro ausschließlich oder hauptsächlich für junge Leute aus den Ländern Nordafrikas oder des Nahen Ostens auszugeben.
«Report24» behauptet über den Mittelmeer-Pakt: «Im Zentrum steht die Erweiterung des Erasmus+ Studentenaustausch-Programms auf Länder wie Algerien, Libanon, Libyen, Marokko, «Palästina» und Syrien.» Tatsächlich ist Erasmus+ nur ein kleiner Teil des «Pakts für den Mittelmeerraum», der wesentlich umfassender angelegt ist.
Was der Mittelmeer-Pakt wirklich vorsieht
Die zuständige EU-Kommissarin Dubravka Suica präsentierte den Mittelmeer-Pakt am 16. Oktober 2025. Sie schlug vor, «das Budget für diese Region im nächsten Programmplanungszeitraum auf 42 Milliarden Euro zu verdoppeln». Es geht um die jeweils für sieben Jahre geltende Haushaltsplanung der EU. Von 2021 bis 2027 waren für die Mittelmeerpolitik 19 Milliarden Euro vorgesehen. Für die Jahre 2028 bis 2034 wären 42 Milliarden Euro – durchschnittlich also 6 Milliarden Euro jährlich – etwas mehr als eine Verdoppelung. Über die Planung ab 2028 ist allerdings noch nicht entschieden.
Die EU-Kommission erläutert ihren Vorschlag in einer «Gemeinsamen Mitteilung» und betont: «Alle einschlägigen Finanzierungsinstrumente der EU werden mobilisiert.» Genannt wird unter anderem das Budget der EU-Entwicklungszusammenarbeit, für das im 2027 endenden Zeitraum 80 Milliarden Euro bereitstehen. Die 42 Milliarden Euro des Mittelmeer-Paktes werden also voraussichtlich zu einem großen Teil aus bereits verfügbaren Finanztöpfen kommen.
Vor allem aber dienen diese 42 Milliarden Euro nicht zur Finanzierung des Erasmus-Programms. Im Plan der EU-Kommission für den Mittelmeer-Pakt wird Erasmus im Kapitel über Hochschulbildung und berufliche Bildung nur erwähnt, weil man auf der erfolgreichen Zusammenarbeit mit den Partnern im südlichen Mittelmeerraum im Rahmen von Erasmus+ aufbauen wolle.
Im Mittelmeer-Pakt geht es darum, erneuerbare Energien auszubauen, Bildung zu fördern, eine «Mittelmeer-Universität» zu gründen, Arbeitsplätze zu schaffen und die Kompetenzen von Jugendlichen, Frauen und kleinen Unternehmen zu stärken, die digitale Infrastruktur zu verbessern und das Meer besser zu nutzen. Außerdem will man die Widerstandskraft gegen Katastrophen und das Grenzmanagement ebenso wie die Sicherheit kritischer Infrastruktur stärken. All das unterschlagen «Report24» und manche Facebook-Nutzer.
Erasmus fördert vor allem Austausch in der EU
Was das Erasmus-Programm (offiziell: Erasmus+) angeht, so waren in der 2027 endenden Finanzplanung 24,6 Milliarden Euro vorgesehen. Die Kommission hat für 2028 bis 2034 ein Volumen von 40,8 Milliarden Euro vorgeschlagen. Wenn man künftige Preissteigerungen einkalkuliert, können es auch 42 Milliarden Euro werden. Damit sollen «Teilhabe, Solidarität, soziale Inklusion und Chancengleichheit in der EU» gefördert werden. Zudem sollen die Freiwilligendienste, zum Beispiel für humanitäre Hilfe, ausgebaut werden.
Allein im Jahr 2024 nahmen fast 1,5 Millionen Menschen an Erasmus+ Programmen teil. Insgesamt wurden 4,7 Milliarden Euro dafür ausgegeben. Partnerschaften mit Nicht-EU-Ländern rund um die Erde gibt es schon, doch dürfen dafür maximal 20 Prozent der Haushaltsmittel ausgegeben werden.
Die von «Report24» genannte Zahl von sieben Millionen jungen Menschen, die angeblich in die EU gebracht werden sollen, ist eine reine Erfindung. Sie beruht auf einer falschen Rechnung.
Durchschnittlich 3.200 Euro pro Teilnehmer
«Bei Kosten von rund 6.000 Euro pro Student und Jahr reichen die 42 Milliarden für bis zu sieben Millionen Teilnehmer», rechnete «Report24» vor. Doch diese Kalkulation ist doppelt falsch.
Erstens geht die Rechnung von der irrigen Annahme aus, die EU wolle mit 42 Milliarden Euro aus dem neuen Erasmus-Programm «sieben Millionen junge Muslime» aus dem Mittelmeerraum und Afrika nach Europa holen. Erasmus soll aber wie bisher vor allem den innereuropäischen Austausch stärken.
Zweitens ist die Zahl von 6.000 Euro pro Erasmus-Teilnehmer nicht nachvollziehbar. Vorliegende Zahlen ergäben eher einen Wert von gut 3.000 Euro pro Kopf. Bei 8,5 Millionen Teilnehmenden in den Jahren 2014 bis 2023 errechnet sich ein Wert von 3.200 Euro pro Stipendiat, wozu übrigens auch Lehrer oder andere Beschäftigte zählen.
Falsch ist im Übrigen auch, dass sowohl der Facebook-Post als «Report24» durchgängig von einem «EU-ZK» sprechen – wohl um negative Erinnerungen an das undemokratische Zentralkomitee (ZK) der SED zu DDR-Zeiten zu wecken. Gemeint ist stets die vom Europäischen Parlament gewählte EU-Kommission.
(Stand: 20.11.2025)
