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Irreführende Berechnung zur Nationalität von Tatverdächtigen

In einem Balkendiagramm, das in den sozialen Netzwerken kursiert, ist angeblich eine Auswertung der im April veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2025 zu sehen. Gezeigt werden Werte für einzelne Nationalitäten, und zwar, laut Beschriftung, «Tatverdacht „Mord und Totschlag“ pro 100.000 der Nationalität in 2025».

Es entsteht der Eindruck, als sei eine sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl gemeint, mit der der Anteil von Tatverdächtigen an verschiedenen Bevölkerungsgruppen angegeben wird. In diesem Fall geht es um die Nationalität von Tatverdächtigen, die in der PKS ausgewiesen wird. Als Quellen werden das Bundeskriminalamt (BKA) und das Statistische Bundesamt (Destatis) genannt.

Alle aufgeführten Länder haben deutlich höhere Werte als Deutschland mit 2,2. Der Libanon etwa kommt der Grafik zufolge auf den statistischen Wert von 97,5 Tatverdächtigen pro 100.000 Menschen dieser Nationalität. Aber stimmen die Angaben?

Bewertung

Es ist unklar, welche Zahlen aus der PKS sowie von Destatis verwendet und wie die gezeigten Werte berechnet wurden. Die Grafik ist damit unseriös. Wie das BKA schreibt, lassen sich Angaben aus der Kriminalstatistik nicht einfach mit Statistiken zur Wohnbevölkerung in ein Verhältnis setzen. Für aussagekräftige Vergleiche müssen bei den Themen Kriminalität und Zuwanderung weitere statistische Faktoren berücksichtigt werden.

Fakten

Die gezeigten Zahlen finden sich nicht in den Veröffentlichungen des Bundeskriminalamts zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2025. Laut der Grafik handelt es sich um eine eigene Auswertung. Doch wie die Zahlen berechnet wurden, wird nicht angegeben. Auf eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur per Instagram-Nachricht reagierte der Accountbetreiber nicht.

Da sowohl die Polizeiliche Kriminalstatistik als auch das Statistische Bundesamt als Quellen angegeben werden, sind vermutlich Zahlen des Bundeskriminalamts zur Nationalität von Tatverdächtigen in ein Verhältnis mit allgemeinen Bevölkerungszahlen gesetzt worden. Ähnlich werden für die PKS sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahlen ermittelt.

Tatverdächtigenbelastungszahlen sollen laut BKA «die Belastung einer Bevölkerungsgruppe durch tatverdächtige Personen aus dieser Gruppe» beschreiben. Das können zum Beispiel Altersgruppen sein, aber auch Menschen einer bestimmten Nationalität. Der Wert ist die Zahl von Tatverdächtigen pro 100.000 Menschen der Bevölkerungsgruppe, also eine Verhältniszahl.

Berechnungsmethode mit Feinheiten

Doch bei ihrer Berechnung gilt es, einige Dinge zu beachten. Wie das BKA schreibt, werden sowohl bei Tatverdächtigen als auch bei der Grundgesamtheit der betrachteten Bevölkerungsgruppe nur Personen ab einem Lebensalter von acht Jahren berücksichtigt. Für die Zahl der Tatverdächtigen gibt es eine weitere Einschränkung: Hier dürfen nur die «ermittelten in Deutschland ansässigen Tatverdächtigen» berücksichtigt werden, so das BKA.

Das ergibt Sinn, denn nur der Vergleich von in Deutschland ansässigen Tatverdächtigen mit in Deutschland ansässigen untersuchten Gesamtgruppen hat eine Aussagekraft über die «Belastung» dieser Gruppen mit Tatverdächtigen.

Zahlen nur zu ansässigen Tatverdächtigen liegen nicht vor

Wird diese Präzisierung nicht vorgenommen, kann die Tatverdächtigenbelastungszahl irrtümlich steigen aufgrund von Menschen, die gar nicht zur Grundgesamtheit der Wohnbevölkerung gehören – zum Beispiel Touristen, Durchreisende oder Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis.

Das Problem: Eigene Berechnungen der Tatverdächtigenbelastungszahl auf Grundlage öffentlich verfügbarer Zahlen sind damit unmöglich. Die PKS enthält zwar absolute Zahlen zur Nationalität von Tatverdächtigen (Download), auch aufgefächert nach Straftaten. Aber es gibt keine Unterscheidung zwischen in Deutschland ansässigen Tatverdächtigen und anderen. Mit einer aus der Bevölkerungsstatistik (Download) entnommenen Grundgesamtheit lassen sich die Zahlen also nicht in ein Verhältnis setzen.

Kriminalität und Zuwanderung: Weitere Faktoren spielen eine Rolle

Das Bundeskriminalamt selbst veröffentlicht nur ausgewählte Tatverdächtigenbelastungszahlen. Zum Beispiel finden sich auf einem Factsheet (Download) zur PKS und in einem ausführlichen Bericht (Download, ab S. 47) an die Innenministerkonferenz Angaben zu verschiedenen Altersgruppen, Männern und Frauen sowie zu deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen. Zu einzelnen Nationalitäten hat das BKA jedoch keine Tatverdächtigenbelastungszahlen öffentlich gemacht.

Pauschale Aussagen darüber, wie häufig Menschen bestimmter Nationalität angeblich kriminell beziehungsweise tatverdächtig sind, können mit den vorhandenen Zahlen nicht getroffen werden.

Im Jahr 2024 wies das BKA auf dpa-Anfrage zudem darauf hin, dass bei Vergleichen von Tatverdächtigen verschiedener Nationalitäten oder Herkunftsgruppen weitere Faktoren berücksichtigt werden müssten – etwa der Anteil der Geschlechter in der jeweiligen Gruppe, deren Altersstruktur oder die soziale Einordnung. So sind unter Zuwanderern anteilig mehr jüngere Männer als im deutschen Durchschnitt. Diese haben, unabhängig von ihrer Herkunft, generell ein höheres Kriminalitätsrisiko als andere Bevölkerungsgruppen.

(Stand: 13.5.2026)

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Migration, Politik

Autor(en): dpa

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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