Aufgrund der verheerenden Sturzflut an der Grenze zwischen Tibet und Nepal im August 2026 verloren mehr als tausend Menschen ihr Leben. In sozialen Medien kursierten verschiedene Bilder und Videos, die die Auswirkungen der Sturzflut dokumentieren. Nutzerinnen und Nutzer teilten auch ein angebliches Vorher-Nachher-Bild, das die Schäden vor Ort zeigen soll. AFP-Recherchen ergaben allerdings, dass das Bild mithilfe von Künstlicher Intelligenz generiert wurde.
Online machte sich Entrüstung über die Sturzflutkatastrophe in Nepal und Tibet breit. Rund zwei Wochen nach der Sturzflut lag die Gesamtzahl der Todesopfer bei mindestens 1401: In Nepal wurden nach Angaben der Behörden 1358 Leichen geborgen, in China kamen nach Angaben von Staatsmedien 43 Menschen ums Leben. Ganze Ortschaften wurden durch die Sturzflut zerstört. Eine Facebook-Nutzerin teilte am 27. August 2026 ein Vorher-Nachher-Bild, das die angeblichen Schäden vor Ort zeigen soll. Sie drückte in der Postbeschreibung ihr Mitgefühl aus. Auf dem Sharepic steht geschrieben: „Bleib stark, Nepal.“
Das Vorher-Bild stellt eine angebliche Luftaufnahme dar, in der der Verlauf eines Flusses sowie Besiedlung zu sehen ist. Im Vorher-Bild zieren intakte Häuser mit bunten Dächern das Tal. Das Nachher-Bild zeigt hingegen die Zerstörung: Kaputte Häuser und braunes Geröll. Die Vorher-Nachher-Collage wurde auch in der Berichterstattung mehrerer österreichischer und deutscher Medien verwendet, wie die „Kronen Zeitung“, „Mein Bezirk“ und „BVZ“. Auch mehrere deutsche Radiostationen veröffentlichten die Collage in ihren Online-Artikeln.
Sämtliche Artikel berichteten über Aktionen, bei denen Spenden für die Opfer der Flutkatastrophe gesammelt wurden. Trotz des tatsächlichen verheerenden Ausmaßes der Flutkatastrophe bildet die Collage jedoch keine reale Situation ab: Das Bild wurde mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt.

Das KI-generierte Bild kursierte auf mehreren Plattformen und in verschiedenen Sprachen wie Englisch, Französisch und Slowakisch.
Digitales KI-Wasserzeichen in Bild enthalten
AFP überprüfte verschiedene Versionen des kursierenden Vorher-Nachher-Bildes mit dem KI-Erkennungstool von OpenAI. Das Programm, das ein für das menschliche Auge unsichtbares Wasserzeichen – genannt SynthID – erkennen kann, fand im Bildmaterial Hinweise, dass es KI-generiert wurde. Das Tool konnte feststellen, dass es mithilfe der Technologie von OpenAI erstellt wurde. Allerdings konnte kein digitaler Herkunftsnachweis – der sogenannte C2PA – im Bild ausfindig gemacht werden, der zusätzliche Informationen zur Herkunft und Entstehung einer Datei enthält.

Zudem überprüfte AFP die einzelnen Bildausschnitte, also das Vorher- sowie das Nachher-Bild. Auch hier wurde vom OpenAI-Analyse-Tool ein digitales Wasserzeichen entdeckt.
Auch das Erkennungstool Hive Moderation konnte mit einer Wahrscheinlichkeit von 98,5 Prozent feststellen, dass das Vorher-Nachher-Bild KI-generiert wurde.
Zudem fallen in der KI-generierten Collage einige visuelle Unstimmigkeiten auf. So unterscheidet sich beispielsweise der Abstand zwischen den beiden Brücken von einem Bild zum anderen. Im „Vorher“-Bild befindet sich die obere Brücke unmittelbar hinter einer Ausbuchtung am Flussufer. Im „Nachher“-Bild hingegen scheinen diese beiden Elemente viel weiter voneinander entfernt zu sein. Auch die Position der Brücke im Verhältnis zum bewaldeten Berg auf der linken Bildseite unterscheidet sich zwischen den beiden Bildern.

In slowakischen Social-Media-Posts behaupteten Nutzerinnen und Nutzer, dass die Collage den nepalesischen Ort Timure zeigen würde. Der Ort wurde zwar tatsächlich von der Sturzflut am 26. August 2026 verwüstet, jedoch entspricht der auf der KI-Collage dargestellte Ort stimmt dem tatsächlichen Standort. Das zeigt ein Vergleich mit Bildern von Timure a uf Google Maps. Das Gebiet rund um den Fluss ist in Wirklichkeit weniger dicht besiedelt und die Gebäude ungleichmäßiger auf beide Ufer verteilt. Zudem sind die Häuser nicht so bunt, wie auf der KI-generierten Collage.

Laut dem lokalen Medium Ratopati wurden durch die Sturzflut 32 Brücken in ganz Nepal beschädigt, darunter auch die Tamari-Brücken 1 und 2 nahe der Grenze zu China.
Gemini-Symbol in weiterem Bild sichtbar
Auf der Website des österreichischen Regionalmediums „Mein Bezirk“ wurden am 1. September in dem Artikel über den Spendenaufruf mehrere Bilder veröffentlicht, die angeblich die Auswirkungen der Sturzflut zeigen sollen. Neben der Vorher-Nachher-Collage teilte das Medium zudem ein Bild, in dem das sternförmige Logo von Googles KI Gemini zu sehen ist. Das Symbol in der rechten unteren Ecke des Bildes ist ein Hinweis dafür, dass es mithilfe von Gemini erstellt wurde.

Dass das Bild KI-generiert ist, zeigt auch eine Analyse mit dem KI-Verifikationstool von Google. Das Tool erkennt ebenfalls digitale Wasserzeichen in KI-generiertem Bildmaterial.

Die Analyse zeigt: Das Bild wurde mithilfe einer KI-Technologie von Google erstellt.
Tausende vermisst nach Sturzflut
Aufgrund der Sturzflut Ende August 2026 wurden im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet, einer autonomen Region Chinas, ganze Ortschaften zerstört. Wie AFP berichtete, waren rund zwei Wochen nach der Sturzflutkatastrophe 5326 Menschen in Nepal vermisst und 519 auf chinesischer Seite.
US-amerikanischen und chinesischen Experten zufolge sei der Grund der Sturzflut ein Gletscherabbruch am Langtang Lirung in Nepal gewesen. Eine dadurch ausgelöste Flutwelle aus Wasser, Schlamm und Geröll schoss durch die Flusstäler und verwüstete auf beiden Seiten der Grenze Häuser, Straßen und Wasserkraftwerke.
Der nepalesische Außenminister Shisir Khanal sagte bei einem Diplomaten-Treffen Anfang August 2026, die Lage im Katastrophengebiet sei noch „weitaus schlimmer“ als die Bilder vermuten ließen. Nepals Behörden hätten alle verfügbaren Ressourcen mobilisiert, „aber das Ausmaß und die Komplexität dieser Katastrophe erfordern internationale Solidarität und Unterstützung“, so Außenamtssprecher Lok Bahadur Poudel Chhetri.
Fazit: In sozialen Medien sowie österreichischen und deutschen Medien wurde ein Vorher-Nachher-Bild geteilt, das angeblich die Schäden nach der Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet zeigen soll. Allerdings wurde das Bild mithilfe von Künstlicher Intelligenz generiert.
