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Diese Karte zeigt mutmaßliche Standorte von US-Atomwaffen, nicht russische Ziele

Seit der russischen Invasion in der Ukraine Anfang 2022 hat Präsident Wladimir Putin die Möglichkeit einer Eskalation zu einem Atomkrieg ins Spiel gebracht. Vor diesem Hintergrund kursierte im Mai 2024 in sozialen Medien eine Karte, die angeblich Russlands offizielle Atomziele in Europa zeigt. Die ursprüngliche Landkarte erwähnt jedoch keine solche Ziele. Sie wurde 2023 von der russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlicht, um zu zeigen, wo die USA in Europa Atomwaffen besitzen sollen. Fachleute erklärten gegenüber AFP, Washington habe nie bestätigt, wo sich sein Atomwaffenarsenal befinde. Die Karte sei lediglich spekulativ.

In sozialen Medien kursiert eine bunte Landkarte. Es wird fälschlich behauptet, sie zeige russische Atomziele in Europa. Dazu teilen Nutzerinnen und Nutzer zumeist einen Artikel der Website „Uncut News“, die in der Vergangenheit bereits Falschbehauptungen verbreitet hat. „Die Russen haben eine nukleare Karte von Europa veröffentlicht – Ziel sind alle NATO-Stützpunkte auf europäischem Boden“, lautet der Titel.

Auch auf Telegram und X kursiert die Behauptung. Die Aussage kursiert zudem in anderen Sprachen wie Griechisch und wurde dort auch von mehreren griechischen Politikern geteilt.

 

Facebook-Screenshot der Behauptung: 19. Juni 2024

 

Die aktuell verbreiteten Behauptungen sind allerdings irreführend. Die Landkarte wurde vor mehr als einem Jahr in einem Artikel veröffentlicht, in dem spekuliert wurde, wo die Vereinigten Staaten Atomwaffen platziert haben könnten. Russlands angebliche nukleare Ziele soll die Landkarte jedoch nicht zeigen. Die USA haben die Anwesenheit ihrer Atomwaffenarsenale an einem bestimmten Ort allerdings nie offiziell bestätigt oder dementiert.

Seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar 2022 weist Moskau auf seine nuklearen Fähigkeiten hin und warnt, dass das Land bereit sei, diese im Falle einer existenziellen Bedrohung einzusetzen. Am 9. Mai 2024 sagte Putin, dass seine Atomstreitkräfte „immer“ in Alarmbereitschaft seien. Am 21. Mai 2024 kündigte Russland den Beginn taktischer Atomwaffenübungen in der Nähe der Ukraine an.

Karte zeigt mutmaßliche US-amerikanische Atomvorräte

Eine umgekehrte Bildersuche ergab, dass die früheste Version der Karte, die AFP finden konnte, in einem Artikel des russischen Staatsmediums Sputnik vom 27. März 2023 veröffentlicht wurde. Die Europäische Union betrachtet Sputnik als Propagandaorgan des Kremls und verbot seine Sendungen im März 2022.

Der Sputnik-Artikel mit der Karte trägt den Titel: „US-Atomwaffen in Europa: Wo sind sie stationiert?“ Der Beitrag erschien zwei Tage nachdem Putin seine Absicht angekündigt hatte, taktische Atomwaffen im benachbarten Verbündeten Belarus zu stationieren kriegerische Töne, die vom Westen kritisiert wurden.

Screenshots des Sputnik-Artikels (links) und der Grafik, die in sozialen Medien mit irreführenden Behauptungen geteilt wird (rechts): 13. Juni 2024

Die Karte im Sputnik-Artikel trägt den Titel „US-Atomwaffen in Europa, nach Schätzungen“. Dieser Titel ist in einigen Beiträgen in sozialen Medien enthalten. Der Sputnik-Beitrag behauptet an keiner Stelle, dass es sich um russische Atomziele handle, im Gegenteil: „Die USA selbst haben Dutzende von Atombomben auf Stützpunkten in ganz Europa. Schauen Sie sich die Infografik von Sputnik an, um herauszufinden, wo sie sind.“ Das ist auch weiter unten im Text von „Uncut News“ zu lesen: „Das zeigen die Russen: Wo sind taktische Nuklearwaffen der USA in Europa stationiert?“, heißt es etwa.

Die Grafik markiert in dunkelblau die beiden US-Verbündeten in der Nato, die über ein eigenes Atomwaffenarsenal verfügen – das Vereinigte Königreich und Frankreich. In rot sind die Länder markiert, die US-amerikanische Atomwaffen beherbergen: Belgien, Deutschland, Italien, die Niederlande und die Türkei. Polen wird in rosa hervorgehoben, weil es die Stationierung von US-Atomwaffen beantragt hat.

Sputnik nennt als Quellen für die Karte das Internationale Friedensforschungsinstitut Sipri in Stockholm und das in Washington, D.C., ansässige Zentrum für Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung. In einer E-Mail an AFP vom 6. Juni 2024 bestätigte ein Vertreter des Zentrums, dass die Karte auf einem Dokument über US-Atomwaffen in Europa basiert, das am 18. August 2021 veröffentlicht wurde.

Hans M. Christensen, einer der Autoren des Nuklearkapitels im Sipri-Jahrbuch, bestätigte AFP am 17. Juni 2024 per E-Mail, dass die Karte auf deren Daten zu beruhen scheint: „Die roten Länder sind die Länder, in denen die USA derzeit Atomwaffen stationiert haben.“

In dem Dokument heißt es, dass die Vereinigten Staaten und ihre Nato-Verbündeten keine genauen Zahlen über ihre in Europa stationierten Bestände veröffentlichen. Im Jahr 2021 wurde für den damaligen Zeitpunkt jedoch geschätzt, dass 100 US-amerikanische Atomwaffen in fünf Nato-Mitgliedstaaten gelagert seien: Belgien, Deutschland, Italien, die Niederlande und die Türkei. Dies sind die Länder, die auf der Karte rot markiert sind.

„Die Waffen sind weder scharf gestellt noch werden sie in Flugzeugen eingesetzt; sie werden stattdessen in unterirdischen WS3-Gewölben auf nationalen Luftwaffenstützpunkten aufbewahrt. Die für die Scharfstellung verwendeten Permissive Action Link (PAL)-Codes bleiben in amerikanischer Hand“, heißt es in dem Dokument weiter.

Neben den Vereinigten Staaten sind die Nato-Mitglieder Frankreich und Großbritannien Atommächte, heißt es in dem Dokument zudem. Dies sind die Länder, die auf der Sputnik-Karte blau markiert sind. Sieben weitere Länder – Griechenland, die Tschechische Republik, Dänemark, Ungarn, Norwegen, Polen und Rumänien – könnten demnach bei nuklearen Missionen durch konventionelle Luftunterstützung helfen.

US-amerikanische Atomwaffen in Europa

Nach Angaben der in New York ansässigen Denkfabrik Council on Foreign Relations hat Washington seit den 1950er-Jahren, als die Spannungen mit der damaligen Sowjetunion im Kalten Krieg zunahmen, Atomwaffen auf mehreren Nato-Stützpunkten in Westeuropa stationiert. Diese gelten als entscheidende militärische Abschreckung und als Symbol für das US-amerikanische Engagement gegenüber seinen Nato-Verbündeten.

Ein Beamter des  US-amerikanischen Außenministeriums teilte AFP am 13. Juni 2024 per E-Mail mit, dass „die Vereinigten Staaten sich nicht zu den Standorten oder der Anzahl der US-Atomwaffen in Europa äußern können“.

Da die USA die Anwesenheit von Atomwaffen an einem bestimmten Ort nicht bestätigen, sind die auf der Sputnik-Karte vermerkten Länder „nur eine Vermutung“, schrieb John Erath, Senior Policy Director des Zentrums für Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung, in einer Nachricht an AFP am 7. Juni 2024.

Héloïse Fayet, Forscherin am Zentrum für Sicherheitsstudien des Französischen Instituts für Internationale Beziehungen, teilte AFP in einer E-Mail vom 10. Juni 2024 mit, dass die auf der Sputnik-Karte dargestellten Länder, die „Atomwaffen beherbergen“, tatsächlich zu jenen in der Nato-Vereinbarungen über die gemeinsame Nutzung von Atomwaffen gehören.

„Es ist nicht überraschend, dass Russland diese Karte in seiner Propaganda verwendet“, sagte Fayet und wies darauf hin, dass Moskau sich darüber beschwert habe, dass die USA Atomwaffen in Europa stationierten, „während Russlands Stationierung von Atomwaffen in Belarus stark kritisiert wird“. Dennoch sei die Karte keine „ernsthafte Bedrohung oder Zielkarte“, schrieb Fayet. Putin erklärte im März 2023, Russland habe Atomwaffen nach Belarus, das an die Ukraine grenzt, geschickt.

Vermutlich gleichbleibende Waffenbestände

Die US-amerikanische Arms Control Association (Vereinigung für Rüstungskontrolle) nannte dieselben Standorte als wahrscheinliche Standorte von US-Atomwaffen. Sie gibt an, dass Russland und die USA über die größten Atomwaffenarsenale der Welt verfügen, die 2023 zusammen fast 90 Prozent der insgesamt 12.500 Atomsprengköpfe rund um den Globus ausmachten.

Fachleute für die Nichtverbreitung von Atomwaffen schätzen, dass die USA ihre Waffenbestände in Europa im Zuge des Krieges in der Ukraine nicht aufgestockt haben. „Es wurden nirgendwo zusätzliche Atomwaffen stationiert“, erklärte Erath vom Zentrum für Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung gegenüber AFP.

Fayet stimmte zu: „Die Zahlen sind ziemlich stabil – etwa 100 taktische Waffen, B61-Schwerkraftbomben, die von Kampfjets wie F-16 und F-35 abgeworfen werden können. Diese Bombe wird derzeit modernisiert, aber die Entscheidung wurde vor Beginn des Krieges in der Ukraine getroffen“, schrieb sie AFP. Sie zitierte ein Dokument des Bulletin of the Atomic Scientists, einer unabhängigen Medienorganisation, die sich mit nuklearen Risiken, Klimawandel und disruptiven Technologien beschäftigt.

„Die Vereinigten Staaten haben keinen Grund, ihre nukleare Haltung als Folge des russischen Krieges gegen die Ukraine zu ändern, und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass Russland den Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine vorbereitet“, erklärte der Beamte des US-Außenministeriums gegenüber AFP. Christensen von Sipri stimmte dem zu und erklärte, die Zahl der US-Atomwaffen in Europa sei die gleiche wie vor dem Beginn des Krieges in der Ukraine. „Obwohl die USA ihr Atomwaffenarsenal in Europa modernisieren, sind mir keine Pläne einer Erhöhung bekannt.“

Fayet schrieb außerdem, dass aktuell Gespräche „in einigen Ländern, die daran interessiert sind, US-Atomwaffen auf ihrem Gebiet zu haben – wie etwa Polen“ stattfinden. Die Wahrscheinlichkeit, dass derartiges passiere, sei jedoch gering. Das Ergebnis solcher Gespräche „könnte sich ändern, je nachdem, wer im November 2024 in den USA gewählt wird“, meinte sie weiter.

Fazit: In sozialen Medien kursiert eine Karte, die angeblich von Russland veröffentlichte Atomziele in Europa zeigt. Die ursprüngliche Landkarte erwähnt jedoch keine solche Ziele. Sie wurde 2023 von der russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlicht und soll zeigen, wo die USA in Europa Atomwaffen stationiert haben. Laut Fachleuten haben die USA jedoch nie bestätigt, wo sich ihre Atomwaffenarsenal befinden.

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USA, Russland, Politik

Autor(en): Katharina ZWINS / Magdalini GKOGKOU / AFP Griechenland

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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