Karte zu illegaler Migration stellt Eurostat-Daten irreführend dar - Featured image

Karte zu illegaler Migration stellt Eurostat-Daten irreführend dar

Narrative, die zu r Ausweisung a usländischer Staatsangehöriger oder Menschen mit Migrationshintergrund aufrufen, werden von europäischen rechtsextremen Bewegungen und Parteien zunehmend verbreitet. Anfang August 2026 wurde in sozialen Medien eine animierte Karte geteilt, um dieses Narrativ zu untermauern. Sie zeigt, das angeblich mehr als zwölf Millionen illegale Migrantinnen und Migranten zwischen 2008 und 2024 nach Europa gekommen wären. Als Quelle sind in der Karte Daten der EU-Behörde Eurostat angegeben. Diese Statistiken wurden jedoch fehlinterpretiert, erklärten Eurostat und Fachleute gegenüber AFP.

„Jeder Punkt repräsentiert 100 illegale Migranten, die nach Europa eingereist sind“, schrieb ein Nutzer zu einem Facebook-Reel vom 11. August 2026, in dem er eine animierte Europakarte teilte. Darin läuft eine Zeitreihe von 2008 bis 2024 ab, während sich unzählige gelbe Punkte von anderen Staaten nach Europa bewegen. Dazu steigert sich eine Zahl bis zum Ende des Videos auf mehr als zwölf Millionen. Der baden-württembergische  AfD-Landtagsabgeordnete Miguel Klauß postete die animierte Karte ebenfalls. Auch auf Instagram und in anderen Sprachen wie Englisch, Französisch, Niederländisch oder Spanisch wurde sie verbreitet.

Facebook-Screenshot der Behauptung, oranges Kreuz von AFP hinzugefügt: 15. September 2026

Die Karte ist jedoch irreführend.

Karte stammt vom Institut für Remigration

In einigen der Posts wird eine Organisation namens Institut für Remigration (IFR) als Quelle der Karte angegeben. Eine Stichwortsuche nach diesem Institut führte zur Originalveröffentlichung auf der Institutswebsite in der Rubrik „Das Problem“. In der Beschreibung der Karte heißt es: „Diese Grafik zeigt nur die illegale Migration. Der Effekt der legalen Einwanderung und Familienzusammenführung ist viel stärker.“

Der Erklärung zufolge steht jeder Punkt auf der Karte für „100 Illegale, die nach Europa eingewandert sind“. Die Animation der gelben Punkte, die in anderen Ländern starten und nach Europa wandern, beginnt wie in den Posts mit dem Jahr 2008 und endet mit dem Jahr 2024. Der fortlaufende Zähler zeigt eine stetig steigende Zahl von „kumulierten Personen“ an und bei rund 12,5 Millionen Menschen.

Screenshot der Karte auf der Website des IFR: 15. September 2026

Das Ins titut für Remigration wurde von dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner gegründet. Sellner setzt sich seit mehreren Jahren für das Projekt der „Remigration“ ein.  

Der B egriff „Remigration“ wurde Anfang der 2010er Jahre von der französischen rechtsextremen Gruppierung Bloc Identitaire popularisiert und wird seither auch in rechtsextremen Kreisen in anderen Teilen Europas verwendet, etwa vom französischen Präsidentschaftskandidaten 2022 Éric Zemmour und in Deutschland von der AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel.

In den USA nutzen auch Multimilliardär Elon Musk und US-Präsident Donald Trump den Begriff. Trump, der eine Politik von Massenausweisungen in Verbindung mit drastischen Einschränkungen der Einwanderung verfolg t, prahlte i n einer Jahresendansprache 2025 damit, einen Prozess der „umgekehrten Migration“ oder „Remigration“ eingeleitet zu haben.

Auf seiner Website propagiert das IFR außerdem das rechtsextreme Narrativ des „Großen Austauschs“, demzufolge eine von Eliten orchestrierte Masseneinwanderung die weiße, christliche Bevölkerung Europas ersetzen würde. „Ersetzungsmigration und fallende Geburtenraten führen in Europa zu einem Austausch der einheimischen Populationen“, behauptet das Institut und argumentiert, dieser Prozess bedrohe „unsere Demokratie, den sozialen Frieden, die Sicherheit und unsere Volkswirtschaft“.

Sellner und das IFR antworteten bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht auf Anfragen von AFP.

Da s IFR bezeichnet die in der Karte dargestellte Entwicklung als „Invasion“, deren Konsequenz sein müsse, dass Millionen Menschen „Europa wieder verlassen“ müssten. Das nennt das Institut „Remigration“. Auf der Website des IFR ist kein Veröffentlichungsdatum der Karte angegeben, auf dem  X- und Instagram-Account des Instituts wurde sie jedoch am 6. Juli 2026 geteilt.

X- (links) und Instagram-Screenshots (rechts) des IFR: 9. September 2026

Verwendete Daten stammen von der EU

In der Kartenlegende gibt das IFR eine Datenbank des statistischen Amts der EU,  Eurostat, mit dem Code „migr_eipre“ als Grundlage ihrer Animation an. Mithilfe des Quellcodes auf der Website des IFR konnte AFP bestätigen, dass die verwendeten Daten tatsächlich von Eurostat stammen. “ Die Karte ist jedoch nicht korrekt“, teilte Eurostat am 20. August 2026 auf AFP-Anfrage m it.

Entgegen den Behauptungen des IFR erfasst der für die Karte verwendete Datensatz „migr_eipre“ nicht die illegalen Einreisen in die EU, sondern ist komplexer aufgebaut. Er fasst die Zahl der Staatsangehörigen aus Drittstaaten zusammen, die jedes Jahr als solche Personen identifiziert werden, die sich im Hinblick auf die nationalen Einwanderungsgesetze in einer irregulären Situation befinden.

„Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Phänomene“, erklärte Eurostat auf AFP-Anfrage. Diese Daten „können nicht dazu verwendet werden, die Zahl der irregulären Einreisen nach Europa zu quantifizieren“.

Eurostat-Screenshot des Datensatzes, grüne Hervorhebung von AFP hinzugefügt: 11. September 2026

Den Metadaten von Eurostat zufolge umfassen diese Zahlen verschiedene Personengruppen. Gemeint sind unter anderem Menschen, denen die Einreise an einer äußeren europäischen Grenze verweigert wurde. Die Daten umfassen aber auch Personen, die zum Beispiel nach Umgehung von Grenzkontrollen oder Nutzung eines gefälschten Dokuments in einem europäischen Land „in einer irregulären Situation angetroffen“ wurden.  Auch solche Personen sind darin erfasst, die legal eingereist sind, sich aber anschließend etwa wegen der Überschreitung ihrer Aufenthaltserlaubnis oder wegen einer Beschäftigung ohne Genehmigung in einer irregulären Situation wiederfinden.

„Sich in einer irregulären Situation zu befinden, bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Person irregulär in die EU eingereist ist“, erklärte Eurostat. Bei diesen Daten handele es sich außerdem nicht um jährliche Ströme, die addiert werden könnten. Drittstaatsangehörige, die sich in einem bestimmten Jahr in einer irregulären Situation befänden und dementsprechend registriert seien, könnten „zum Beispiel in diesem Jahr oder in einem früheren Jahr in die EU eingereist sein“, so das Statistikamt.

Darüber hinaus handele es sich bei den Eurostat-Daten zu Drittstaatsangehörigen in einer irregulären Situation um „Bestandsdaten“, erklärte Jean-Christophe Dumont, Leiter der Abteilung für internationale Migration bei der zwischenstaatlichen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ( OECD) am 2. September 2026 auf AFP-Anfrage. Das heißt, sie erfassen einen bestimmten Zeitpunkt. „Sie als Flussdaten darzustellen, ist offensichtlich irreführend“, stellte er klar.

Irreguläre Migration ist schwer messbar

Die vom IFR verwendeten Daten stammen aus den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union und wurden von Eurostat zusammengeführt. Von AFP befragte Fachleute erklärten, dass es sehr schwierig sei, die Anzahl der Drittstaatsangehörigen in einer irregulären Situation zu ermitteln.

Eurostat und den kontaktierten Fachleuten zufolge hängen die Zahlen von den Datenerhebungsregeln der jeweiligen nationalen Behörden sowie von der Tätigkeit der Grenzpolizei ab: Intensivere Kontrollen können demnach dazu führen, dass mehr Personen als solche erfasst werden, die sich in einer irregulären Situation befinden.

„Ein irregulärer Aufenthaltsstatus ist tatsächlich ein wesentlich komplexeres Bündel von Situationen als nur die Gültigkeit einer Aufenthaltserlaubnis“, erklärte Dumont. Beispielsweise hält sich jemand, der zur Reparatur einer Maschine einreist, sich aber als Tourist ausgibt, irregulär in einem Staat auf. Gleiches gilt etwa für Studierende, deren Arbeitsstunden die Obergrenze ihres jeweiligen Visums  überschreiten.

„Es kann auch Situationen geben, in denen Menschen zwischen zwei regulären Status stehen und zum Beispiel auf ein Jobangebot warten. In der Zwischenzeit können sie sich in einer irregulären Situation wiederfinden“, fügte Dumont hinzu. Umgekehrt könne eine irregulär eingereiste Person ihren Status regularisieren, insbesondere durch ein Asylverfahren, erläuterte der OECD-Experte. Ein solcher Antrag kann allerdings auch abgelehnt werden.

„Per Definition ist es unmöglich, die Zahl der Menschen zu messen, die irregulär einreisen“, ergänzte Olivier Clochard, Geograf und Kartograf bei Migrinter, einem französischen Forschungslabor, das auf die Untersuchung internationaler Migration spezialisiert ist. Manche Menschen überquerten die Grenze unbemerkt, während andere mehrfach aufgegriffen würden, an denselben oder an unterschiedlichen Grenzen. „So kann es zu doppelten oder sogar dreifachen Zählungen kommen“, erklärte er AFP am 3. September 2026.

Albert Kraler, Politikwissenschaftler und Koordinator von MIrreM, einem EU-geförderten Projekt zur Messung irregulärer Migration, erläuterte auf AFP-Anfrage am 3. September 2026: „Dieselbe Person kann, wenn sie unterwegs ist, an den Grenzen in Griechenland, Ungarn, Österreich und dann in Deutschland gezählt werden.“

Frontex zählte etwa fünf Millionen Grenzübertritte

Seit 2009 veröffentlicht die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, Frontex, monatliche Statistiken über festgestellte Übertritte der EU-Außengrenzen. Diese Zahlen spiegeln „festgestellte illegale Grenzübertritte wider und nicht die Zahl der beteiligten Personen, da ein und dieselbe Person die Außengrenze mehrfach überschreiten kann“, erklärt Frontex online. Sie stellen auch keine Zählung der Anzahl der Menschen dar, die sich irregulär in Europa aufhalten.

Die Zahl der zwischen 2009 und 2025 festgestellten illegalen Grenzübertritte an den Außengrenzen liegt nach Angaben von Frontex bei etwa fünf Millionen. Dies sei „weit entfernt von den zwölf Millionen, die vom IFR genannt werden“, und „diese fünf Millionen umfassen eine beträchtliche Zahl an Doppelzählungen“, erläuterte Kraler.

Tabelle der jährlich festgestellten irregulären Grenzübertritte zwischen 2009 und 2025, von Frontex per E-Mail an AFP gesendet: 20. August 2026

EU-finanzierte Forschungsprojekte wie Clandestino (2007–2009) oder MIrreM (2022–2025) haben ebenfalls versucht, das Phänomen der irregulären Migration in Europa zu quantifizieren.

Das MIrreM-Projekt, dessen Methodik in einem Handbuch ausführlich beschrieben wird, konzentriert sich auf eine Auswahl von zwölf europäischen Staaten, deren Daten mehr als 75 Prozent des von Eurostat berücksichtigten Anteils ausmachen. Laut einem Bericht dieses Projekts lebten zwischen 2016 und 2023 2,56 bis 3,18 Millionen irreguläre Migrantinnen und Migranten in diesen zwölf Staaten.

MIrreM-Screenshot der gesammelten Daten: 10. September 2026

Einige Länder wie Deutschland, Griechenland, Spanien und Frankreich machen laut den Daten von Eurostat tatsächlich den Großteil der Menschen aus, die als solche gezählt werden, die sich in einer irregulären Situation befinden.

Das US-amerikanische Pew Research Center hat auf Grundlage von Eurostat-Daten eine weitere Schätzung der Zahl von Migrantinnen und Migranten in einer irregulären Situation zwischen 2014 und 2017 in 32 europäischen Ländern erstellt. Seine Methodik erläutert das Forschungszentrum online.

Im Jahr 2017 wurde diese Zahl auf zwischen 3,8 und 4,5 Millionen geschätzt, einschließlich Asylsuchender, deren Anträge noch bearbeitet werden. Daten für weitere Jahre sind in der folgenden Tabelle aufgelistet.

Screenshot der Tabelle des Pew Research Centers von aktualisierten Schätzungen zur Zahl der irregulären Migrantinnen und Migranten in der EU und im Vereinigten Königreich in den Jahren 2014 bis 2017, grüne Hervorhebung von AFP hinzugefügt: 10. September 2026

AFP hat bereits andere Behauptungen rund um das Thema  Migration  überprüft.

Fazit: Eine animierte Karte des Instituts für Remigration zur irregulären Migration in Europa ist irreführend. Die zugrundeliegenden Daten von Eurostat lassen sich dem Statistikamt und Fachleuten zufolge nicht kumulieren und wie in der Karte gezeigt darstellen. Eine Gesamtzahl von irregulären Migrantinnen und Migranten zu ermitteln, sei wegen verschiedenen Parametern schwierig.

Fact Checker Logo

Migration, Politik

Autor(en): Cintia NABI CABRAL / Lucas CROSET / Johanna LEHN / AFP Frankreich / AFP Deutschland

Ursprünglich hier veröffentlicht.

Nach oben scrollen