In anderen Beiträgen mit dem Sharepic fehlt der Hinweis, dass es sich bei dem Bibelzitat auch um den Titel der Broschüre handelt, wiederum. Hier heißt es nur: Der Satz sei «nun in Finnland de facto nicht mehr unbeschränkt publizierbar».
Bewertung
Das Urteil des Obersten Gerichts wird verfälschend wiedergegeben. Verurteilt wurde Räsänen nicht für das Bibelzitat, sondern für die Aussage, dass Homosexualität eine «Abweichung der psychosexuellen Entwicklung» sei. Dies sei laut finnischem Recht aufwiegelnd gegenüber einer Bevölkerungsgruppe.
Fakten
Die finnische Politikerin und christliche Aktivistin Päivi Räsänen hat im Jahr 2004 eine Broschüre mit dem Titel «Als Mann und Frau schuf er sie» veröffentlicht. Dabei handelt es sich um ein Zitat des Bibelverses 1. Mose 5,2. In der Publikation äußert sich Räsänen zum Thema Homosexualität. Homosexuelle Beziehungen würden das christliche Verständnis von Menschlichkeit in Frage stellen, heißt es im Untertitel.
Mehrere Jahre später beschäftigte die Publikation finnische Gerichte. Zwei niedrigere Instanzen wiesen Klagen gegen Räsänen jedoch ab. Ende März urteilte dann das Oberste Gericht in Helsinki in dem Fall.
Räsänen nannte Homosexualität «sexuelle Abweichung»
Wie das Gericht in einer Pressemitteilung schreibt, habe Räsänen in der Broschüre unter anderem geschrieben, dass Homosexualität eine «Abweichung der psychosexuellen Entwicklung» und eine «sexuelle Abweichung» sei. Dies sei abwertend gegenüber der Gruppe der Homosexuellen. Räsänen wurde wegen Aufwiegelung gegen eine Bevölkerungsgruppe schuldig gesprochen.
Die Politikerin und die lutherische Stiftung, die die Broschüre verbreitet hatte, müssen laut dem Urteil deren digitale Verbreitung stoppen. Räsänen und ein Stiftungsvertreter müssen je 1.800 Euro Strafe zahlen, die Stiftung weitere 5.000 Euro.
Nirgends ist in dem Urteil jedoch die Rede davon, dass der Titel der Broschüre oder das Bibelzitat strafbar seien.
Deutschsprachige Beiträge lassen wichtige Teile des Urteils weg
Einen weiteren Anklagepunkt zu einer Social-Media-Veröffentlichung Räsänens aus dem Jahr 2019 wies das Gericht ab. Darin hatte sie die Teilnahme der Kirche an einer Pride-Veranstaltung in Helsinki kritisiert und in diesem Zusammenhang von «Schande» und «Sünde» gesprochen. Daneben hatte sie Bibelzitate gestellt.
Räsänen war von 2011 bis 2015 Innenministerin von Finnland. Sie gehört den konservativen Christdemokraten an, die an der Regierung beteiligt sind, und sitzt für die Partei im finnischen Parlament.
Viele deutschsprachige Social-Media-Beiträge geben das Urteil aus Finnland verkürzt wieder. Vielfach wird der Eindruck erweckt, der Schuldspruch beziehe sich auf den Titel von Räsänens Veröffentlichung, also das Bibelzitat. Die vom Obersten Gericht konkret beanstandeten Formulierungen werden nicht erwähnt. Auch in einigen ausführlichen deutschsprachigen Texten aus dem christlich-konservativen Milieu zum Fall Räsänen finden sie sich nicht.
(Stand: 22.4.2025)
