Bewertung
Irreführend. Die Aussagen beruhen auf einer verkürzten Darstellung von Inflation und Abgaben. Zwar ist die Kaufkraft eines Euros seit seiner Einführung durch Inflation gesunken. Im selben Zeitraum sind aber auch die Einkommen gestiegen – und zwar stärker als die Inflation. Die Angaben zur Abgabenlast sind unbelegt.
Fakten
Zunächst ist es wichtig, die Fachbegriffe zu sortieren, da im Video manches vermischt wird: «Die Kaufkraft des Geldes gibt an, welche Gütermenge mit einer Geldeinheit oder einem bestimmten Geldbetrag gekauft werden kann», heißt es etwa bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Dieser Wert kann kurzfristig schwanken – Heizöl wird, mit seinen Preisschwankungen im Sommer und Winter, oft als Beispiel hierfür genannt. Statistiker nutzen für Berechnungen oft einen standardisierten Warenkorb, also eine Zusammenstellung typischer Waren und Güter.
Die isolierte Betrachtung der Kaufkraft kann aber zu Trugschlüssen führen, wenn man herausfinden möchte, ob man sich mit dem eigenen Geld heute weniger leisten kann als früher. Es müsse nicht nur die Entwicklung der Verbraucherpreise, «sondern auch die Entwicklung der Einkommen der privaten Haushalte berücksichtigt werden», wie ein Sprecher der Deutschen Bundesbank auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erklärt.
Dafür wird der sogenannte Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) errechnet. Die damit gemessene Teuerungsrate liegt seit der Euro-Einführung 1999 im Durchschnitt bei 2 Prozent, während die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte laut Bundesbank um 2,8 Prozent und damit stärker gestiegen sind.
Kaufkraft hat sich nicht halbiert
Ein Vergleich der Inflationsraten zeigt außerdem eine niedrigere beim Euro: Denn der liegt seit der Bargeldeinführung des Euros im Jahr 2002 bei rund 1,6 Prozent pro Jahr. Eine moderate Inflation gilt in der Volkswirtschaftslehre als stabilisierend, da sie Investitionen und Konsum begünstigen kann.
Im Vergleich dazu lag die Inflation bei der Deutschen Mark in einem ungefähr gleich langen Zeitraum, also ab 1982 bis zur Währungsreform, im Durchschnitt bei 2,4 Prozent. Die D-Mark verzeichnete damit einen größeren Wertverlust.
Der Euro hat durch die Inflation rund ein Drittel seines Wertes von 2002 verloren. Schon diese enge Interpretation von «Kaufkraft» zeigt also: Von einer «Halbierung» zu sprechen, ist falsch.
Einkommen sind gestiegen
Doch wie bereits erwähnt, lässt sich allein daran nicht sinnvoll bemessen, ob wir uns im Alltag weniger von unserem Geld leisten können. Das durchschnittliche Einkommen liegt heute deutlich über dem vergangener Jahrzehnte.
Für aussagekräftige Vergleiche setzen Ökonomen die Kaufkraft zum Beispiel ins Verhältnis zur Arbeitszeit. Eine Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ergab, dass man für einen Warenkorb, für den man im Jahr 1960 noch eine Stunde hätte arbeiten müssen, im Jahr 2018 rechnerisch schon nach 19 Minuten den nötigen Nettolohn erhalten hätte.
Subjektive Wahrnehmung kann eine andere sein
Warum fühlt es sich dann im Alltag so an, als könne man sich weniger leisten? Der Eindruck eines starken Kaufkraftverlusts nach der Euro-Einführung sei teilweise auf die subjektive Wahrnehmung zurückzuführen, schreiben Statistiker. Beispielsweise wenn bestimmte Alltagsgüter, etwa in der Gastronomie, überdurchschnittlich teurer wurden.
Auf der Website der EU-Kommission wird die Stabilität des Euros betont. Verbraucher würden von fehlenden Wechselgebühren profitieren und der internationale Handel sei in Europa durch die einheitliche Währung attraktiv. Bemisst man die Stärke der Währung an der Preisstabilität – etwa durch den HVPI – kann kaum von einem «schwachen» Euro gesprochen werden.
OECD-Vergleich: hohe Abgabenlast in Deutschland
Und die Klage über hohe Steuern und Abgaben? Deutschland hat eine vergleichsweise hohe Abgabenlast, sie liegt aber nicht an der europäischen Spitze. Im internationalen Vergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von alleinstehenden kinderlosen Personen und vierköpfigen Familien mit Durchschnittseinkommen und liegt Deutschland jeweils auf Platz 2 hinter Belgien und Frankreich. Immer wieder diskutiert wird auch die vergleichsweise hohe Besteuerung von Einkommen in Deutschland.
Worauf sich die pauschale Behauptung vom «Steuerweltmeister» Deutschland bezieht, ist aber unklar. Und auch, worauf sich die Aussage stützt, mehr als die Hälfte des Einkommens lande beim Staat. Eine Beispielrechnung für einen dpa-Faktencheck ergab 2025, dass der Nettolohn bei einem Bruttogehalt von 2000 Euro selbst in der ungünstigsten Steuerklasse noch bei weit mehr als der Hälfte liegt, wobei die Höhe von Steuern und Abgaben individuell schwanken kann.
Im vorletzten Absatz wurde die Angabe «und Frankreich» ergänzt.
(Stand: 16.4.2026)
