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«Economist»-Berechnungen zu Todesfällen im Winter verkürzt wiedergegeben

In einem Video auf Facebook schlägt ein Boulevardjournalist vor dem Hintergrund der Energiekrise Alarm: «Je weniger geheizt wird, desto mehr Menschen sterben an den unmittelbaren Folgen.» Die hohen Energiepreise würden im Winter «Zehntausende, Hunderttausende Menschenleben» fordern. Quelle für diese Prognosen seien Berechnungen des britischen Wirtschaftsmagazins «Economist». Als Grund wird die «Energiewende» genannt, denn die Energiepreise würden «von grüner Ideologie in die Höhe getrieben». Geht all das aus der Veröffentlichung des «Economist» hervor?

Bewertung

In dem Video wird die Modellierung des «Economist» verkürzt wiedergegeben. So schreibt das Magazin, dass Prognosen für den derzeitigen Winter mit Unsicherheiten behaftet seien. Neben den Energiekosten werden drei weitere Faktoren genannt: Das Ausmaß der Grippewelle, wie kalt der Winter ausfällt sowie die Altersstruktur eines Landes. Zudem geht der «Economist» auf Gegenmaßnahmen gegen die gestiegenen Preise ein. Einen Zusammenhang mit der Energiewende stellt das Magazin nicht auf.

Fakten

Der «Economist» hat Ende November 2022 tatsächlich in einem Artikel mit der Überschrift «Russland nutzt Energie als Waffe» vor möglicherweise mehr Toten in diesem Winter gewarnt. Dabei stützt sich das Magazin auf ein eigenes statistisches Modell, für das Zahlen aus den zurückliegenden Jahren – vor der Corona-Pandemie – verwendet wurden. Es geht um einen Zusammenhang von Energiepreisen und den wöchentlichen Todeszahlen in den jeweiligen Wintern.

Allerdings formuliert der «Economist» selbst die Prognose für den derzeitigen Winter deutlich vorsichtiger, als es im auf Facebook veröffentlichten Video der Fall ist. Ausdrücklich heißt es, dass sich der in der Vergangenheit beobachtete Zusammenhang von Kosten und Todesfällen in diesem Jahr auch ändern könne. Wörtlich heißt es an verschiedenen Stellen über diesen Zusammenhang:

Denn das Magazin hat einige weitere Faktoren in das Modell einbezogen. Zunächst einmal geht es dabei um die Temperaturen – also die Frage, wie streng der Winter ausfallen wird. Kälte führt laut «Economist» zu mehr und schwereren Erkrankungen, zum Beispiel der Atemwege – was auch durch wissenschaftliche Arbeiten bestätigt wird.

Wie fällt die Grippewelle aus?

Als weiteren Aspekt nennt das Magazin das Ausmaß der Grippewelle. Auch das ist nur logisch – denn in einer schweren Grippe- und Erkältungssaison sterben auch mehr Menschen. Das Robert Koch-Institut (RKI) betreibt in Deutschland ein Monitoring und berichtete zuletzt von einer schweren Krankheitswelle zu Beginn des Winters. Dabei spielen neben der Influenza und Covid-19 auch weitere Atemwegserkrankungen eine Rolle, etwa grippeähnliche Erkrankungen und das RS-Virus.

Ungewöhnlich ist, dass die Krankheitswelle bereits vor dem Jahreswechsel so stark ausfiel. Grippewellen erreichen ihren Höhepunkt sonst üblicherweise einige Wochen bis Monate später. Fachleute vermuten einen Zusammenhang mit den Corona-Schutzmaßnahmen in den vergangenen Jahren, die auch die Verbreitung anderer Krankheiten eindämmten. Inzwischen verzeichnet das RKI wieder einen leichten Rückgang der Atemwegserkrankungen. Ob die Welle also zu einer Übersterblichkeit bezogen auf den gesamten Winter führt, ist noch nicht absehbar.

Die Altersstruktur eines Landes und die Gegenmaßnahmen vieler europäischer Länder gegen die Preissteigerungen spielen laut «Economist» ebenfalls eine Rolle – ebenso wie die Corona-Pandemie. Sie könne sich demnach in zwei Richtungen auf die Todeszahlen auswirken.

«Economist» erwähnt Energiewende nicht

Der «Economist» selbst stellt als politische Ursache die weitgehende Einstellung der russischen Gaslieferungen nach Westeuropa in den Mittelpunkt. Explizit ist die Rede von «Russlands Energiewaffe». Was der «Economist» selbst nicht behauptet: einen Zusammenhang seiner Berechnungen mit der Energiewende – also der Abkehr von fossilen Brennstoffen und der Atomkraft hin zu erneuerbaren Energien.

Der «Economist» hat seine Berechnungen für viele europäische Länder vorgenommen – nicht allein für Deutschland. Der Prognose lagen also unterschiedliche Energiemixe in den Ländern zugrunde, dennoch erscheint laut «Economist» fast überall ein Anstieg der Todeszahlen möglich.

Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, den Sanktionen des Westens und den stark gedrosselten russischen Lieferungen sind die Energiepreise in der gesamten EU stark gestiegen. Nicht nur in Deutschland haben Politiker daher dazu aufgerufen, Energie zu sparen.

Im Video auf Facebook werden all diese Punkte jedoch ausgeblendet: Es werden lediglich die «Energiewende» sowie eine «grüne Ideologie» und bezogen auf Deutschland ganz konkret «die grüne Partei» als Verursacher des Preisanstiegs benannt.

(Stand: 4.1.2023)

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Autor(en): dpa

Ursprünglich hier veröffentlicht.

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