KI-generierte Bilder von Fotografen nahe des Kiewer Höhlenklosters kursierten online - Featured image

KI-generierte Bilder von Fotografen nahe des Kiewer Höhlenklosters kursierten online

Seit der russischen Invasion der Ukraine im Jahr 2022 hat der Kreml sein Bombardement heruntergespielt und sein Nachbarland sogar fälschlich beschuldigt, einige Angriffe inszeniert zu haben. Nachdem das Kloster Petschersk Lawra am 15. Juni 2026 bei einer russischen Offensive auf die Hauptstadt Kiew schwer beschädigt wurde, kursierte in sozialen Medien die Falschbehauptung, die Ukraine hätte den Angriff inszeniert. Als angeblicher Beweis wurden Bilder verbreitet, auf denen sich Fotografen bereits vor dem Angriff nahe des Klosters positionieren. AFP fand jedoch heraus, dass die Bilder mit Künstlicher Intelligenz erstellt wurden.

„Der Brand im Kiewer Höhlenkloster war eine inszenierte Provokation der Ukraine“, heißt es in einem Facebook-Beitrag vom 16. Juni 2026. Dazu teilte der Nutzer zwei Bilder, auf denen Fotografen zu sehen sein sollen, die sich in Sichtweite des Klosters Petschersk Lawra positionieren. Eines der Bilder soll das Kloster vor dem Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew am 15. Juni 2026 zeigen, das andere die brennende Anlage nach dem Angriff.

Auch die von der EU sanktionierte prorussische Bloggerin Alina Lipp teilte die Bilder mit derselben Behauptung auf X und Telegram. AFP widerlegte bereits mehrere Falschbehauptungen, die Lipp verbreitete.

Facebook-Screenshot der Behauptung, Ai-Kennzeichnungen und rotes Kreuz von AFP hinzugefügt: 19. Juni 2026

Die Bilder kursierten außerdem in Posts auf Englisch, Slowakisch und Tschechisch. Einige der Beiträge, etwa auf Slowakisch, enthalten zudem ein 23-sekündiges Video mit sieben Bildern darin.

Kloster wurde laut Zeuge von russischer Drohne getroffen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beschuldigte Russland, das Höhlenkloster Petschersk Lawra – eines der bedeutendsten religiösen Zentren der Ukraine – mit zwei Drohnen „gezielt“ ins Visier genommen zu haben.

Moskau bestritt, das Kloster gezielt angegriffen zu haben. Das russische Verteidigungsministerium sagte, der Vorfall sei durch eine „Fehlfunktion“ eines veralteten US-Patriot-Luftabwehrraketensystems verursacht worden, das Kiew von westlichen Verbündeten geliefert worden sei, machte jedoch keine weiteren Angaben. Diese Behauptung wurde auch in vielen der kursierenden Beiträge in sozialen Medien aufgegriffen.

Die russische Armee bestätigte, dass sie einen „massiven“ Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt sowie Militärstandorte in Charkiw und Dnipro gestartet habe. Die ukrainische Luftwaffe teilte mit, Russland habe 70 Raketen und 611 Drohnen abgefeuert, die hauptsächlich auf Kiew zielten.

Der Sicherheitsdienst der Ukraine erklärte, er habe die geborgenen Fragmente von Teilen einer Geran-2-Drohne analysiert, die auf der Klosteranlage gefunden worden seien, und veröffentlichte entsprechende Bilder auf seinem offiziellen Telegram-Kanal. Die Geran-2 ist das russische Pendant zur iranischen Drohne Shahed-136. Russland setzte die Geran-2 erstmals im Jahr 2022 gegen Ziele in der Ukraine ein.

Ende Mai 2026 stürzte ein Geran-2-Drohnenflugkörper in ein Wohnhaus in Rumänien. Auch in diesem Fall machte Moskau die Ukraine fälschlich für den Vorfall verantwortlich.

Screenshots von Telegram- und Facebook-Beiträgen des Sicherheitsdiensts der Ukraine mit Fotos von Überresten einer Geran-2-Drohne: 18. Juni 2026

Wie die ukrainische Faktencheck-Organisation Stop Fake berichtete, bezeugte der ukrainische Journalist Serhij Okunew vom Medium The New Voice of Ukraine, dass er den „direkten Treffer durch eine Drohne“ auf die Klosteranlage beobachtet habe (hier archiviert). „Ich habe keinen einzigen Schuss gehört – weder aus Handfeuerwaffen, erst recht nicht von irgendeinem Flugabwehrraketensystem“, sagte er bei Minute 3:57 in einem Video. „Jeder weiß mehr oder weniger, wie die Explosion einer Patriot-Rakete oder die einer ähnlichen Rakete klingt, daher ist es fast unmöglich, sie zu verwechseln oder sie irgendwie nicht zu bemerken.“

Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung konnte AFP nicht unabhängig verifizieren, welche Art von Geschoss das Kloster getroffen hatte.

Bilder wurden KI-generiert

AFP hat die Bilder analysiert, die angeblich beweisen sollen, dass bestimmte Fotografen auf den Angriff vorbereitet waren und sich in Sichtweite der Klosteranlage aufstellten.

Das mit Künstlicher Intelligenz (KI) generierte Bild weist im Vergleich zu echten Aufnahmen des Klosters architektonische Unterschiede auf. So unterscheiden sich etwa die Farbe des Daches und die Form der Türme.

Vergleich des künstlich generierten Bildes (links) und einer echten Aufnahme des Klosters (rechts), Ai-Kennzeichnung und blaue Hervorhebungen von AFP hinzugefügt: 16. Juni 2026 – Handout / State Emergency Service of Ukraine

In dem KI-generierten Bild stehen die Wohnhäuser deutlich näher an dem Kloster, als es in Wirklichkeit der Fall ist, wie zum Beispiel die Panoramaansicht auf Google Maps zeigt.

AFP überprüfte die Bilder in den geteilten Beiträgen mit dem KI-Erkennungstool von OpenAI, das unsichtbare Wasserzeichen in Bildern erkennt, die mit der Software von OpenAI erstellt wurden. Drei der Fotos – die die Einsatzbereitschaft der Fotografen belegen sollen – sind der Analyse zufolge mit KI-Werkzeugen von OpenAI erstellt worden, höchstwahrscheinlich mit ChatGPT. Zwei von ihnen wurden in deutschsprachigen Posts verbreitet.

Screenshots der KI-Analysen mit dem SynthID-Erkennungstool von OpenAI, Ai-Kennzeichnungen von AFP hinzugefügt: 22. Juni 2026

Die Beiträge mit dem Video der sieben verschiedenen Bilder enthalten ein Foto eines Mannes in Feuerwehruniform. Er hält einen Drohnenmotor, der das Kloster angeblich getroffen hat. AFP fand das Foto, das dem staatlichen Katastrophenschutzdienst der Ukraine zugeschrieben wird, in ukrainischen Nachrichtenberichten. In einem kurzen Video in einem Facebook-Beitrag, den Rettungskräfte am 15. Juni 2026 veröffentlichten, taucht der Mann ebenfalls auf.

Screenshot-Vergleich des Bildes aus einem Facebook-Beitrag mit der Falschbehauptung (links) und eines Bildes des staatlichen Katastrophenschutzes (rechts): 17. Juni 2026

Das Kiewer Höhlenkloster Petschersk Lawra aus dem 11. Jahrhundert mit seinen emblematischen goldenen Kuppeln wird sowohl vom russischen als auch vom ukrainischen Flügel der orthodoxen Kirche als eines ihrer wichtigsten spirituellen Zentren verehrt. AFP-Reporterinnen und -Reporter erhielten nach dem Angriff Zugang zum Inneren des Klosters. Dort sahen sie offenbar unversehrte Ikonen an den goldverzierten Wänden, aber auch Wasser, das durch Löcher im schwer beschädigten Dach sickerte, das nach dem Einschlag in Brand geraten war.

Ukrainische Feuerwehrleute arbeiten auf dem Dach der beschädigten Mariä-Entschlafens-Kathedrale in der orthodoxen Klosteranlage der Kiewer Petschersk Lawra, nachdem sie ein russischer Raketen- und Drohnenangriff Kiew am 15. Juni 2026 getroffen hat – Tetiana DZHAFAROVA / AFP
Gläubige blicken auf die beschädigte Kuppel der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in der orthodoxen Klosteranlage der Kiewer Petschersk Lawra, nachdem sie ein russischer Raketen- und Drohnenangriff am 15. Juni 2026 getroffen hat – Tetiana DZHAFAROVA / AFP

„Nach Einschätzung unserer Expertinnen und Experten könnten die Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten etwa zwei Jahre dauern – sofern alles reibungslos verläuft“, sagte Maksym Ostapenko, Direktor der Klosteranlage, bei einer Pressekonferenz vor Ort gegenüber Journalistinnen und Journalisten. Der Schaden am Kloster sei vorläufig auf rund 500 Millionen Hrywnja (rund 9,6 Millionen Euro) beziffert worden.

Rauch und Flammen steigen aus der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in der orthodoxen Klosteranlage der Kiewer Petschersk Lawra auf, nachdem sie am 15. Juni 2026 von einem russischen Raketenangriff getroffen wurde – Genya SAVILOV / AFP

Die ukrainische Kulturministerin Tetjana Bereschna sagte, die russischen Angriffe seien „einer der größten Angriffe auf die ukrainische Kultur und das ukrainische Kulturerbe“ seit Beginn der Invasion im Jahr 2022 gewesen. Im ganzen Land seien 13 Denkmäler und Stätten getroffen worden.

Die Unesco verurteilte den Angriff auf das Welterbe Petschersk Lawra in einer Pressemitteilung vom 15. Juni 2026. Das ukrainische Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation warnte zudem vor der Verbreitung unechter Bilder.

Weitere Faktenchecks zum Ukrainekrieg sammelt AFP auf der Website.

Fazit: Bilder, auf denen sich Fotografen in Sichtweite des Kiewer Höhlenklosters positioniert hätten und die belegen würden, dass der russische Angriff am 15. Juni 2026 von der Ukraine inszeniert worden wäre, sind KI-generiert. Das zeigen Analysetools zur Erkennung von Künstlicher Intelligenz sowie Unstimmigkeiten mit echten Aufnahmen des Klosters.

Fact Checker Logo

Künstliche Intelligenz, Politik, Ukraine

Autor(en): Eduard STARKBAUER / Johanna LEHN / AFP Slowakei / AFP Deutschland

Ursprünglich hier veröffentlicht.

Nach oben scrollen